Wien hatte es vorgemacht: Eine Jahreskarte des Nahverkehrs kostet 365 Euro – für alle. Aber funktioniert das auch in deutschen Städten? Und vor allem: Welche Auswirkungen hat das? Dazu hat der Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) ein Gutachten erstellen lassen. Dessen Ergebnisse liegen nun vor.
Die wichtigsten Fragen betreffen das Nachfragepotenzial des Tickets, die Auswirkungen auf die Fahrgeldeinnahmen, die finanziellen Folgen für Städte und Landkreise sowie die Prognose möglicher Fahrgastgewinne. VGN-Geschäftsführerin Anja Steidl stellte Inhalte und Ergebnisse der Studie vor. Erstellt hat das Gutachten das Hamburger Büro civity Management Consultants. Die Hamburger hatten schon die Einführung des 365-Euro-Tickets in Wien begleitet.
Die wichtigsten Ergebnisse
Insgesamt betrachtet die Studie sieben Tarifmodelle. Deren Gültigkeit reichte für eine oder benachbarte Gebietskörperschaften bis hin zum gesamten VGN-Gebiet. Die Preise lagen zwischen 365 Euro und 1460 Euro.
Je nach untersuchter Variante liegt die Minderung der Fahrgeldeinnahmen bei 55 bis 100 Millionen Euro pro Jahr. Denn die Modellberechnungen zeigen, dass der weit überwiegende Teil der Käuferinnen und Käufer des Tickets bereits vorhandene Fahrgäste wären. Diese würden lediglich von ihrer bisherigen Fahrkarte zur günstigeren Jahreskarte wechseln. Entsprechend gering ist der berechnete Zuwachs bei den ÖV-Fahrten. Er liegt je nach Modell zwischen 1,9 und 3,2 Prozent.
Angebot ausweiten statt Mitnahmeeffekte fördern
Die Rekrutierung neuer Kundinnen und Kunden sowie eine stärkere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel fallen also vergleichsweise gering aus. Daher schlägt das Gutachterbüro vor, auch über alternative Lösungen nachzudenken. So könnten spürbare Verbesserungen im Verkehrsangebot ins Auge gefasst werden. Diese würden den Umstieg vom Pkw auf öffentliche Verkehrsmittel attraktiver machen. Auch gezielte Tarifangebote für finanziell schwache Fahrgastgruppen könnten geprüft werden.
Aus Sicht der Verbundgesellschaft hätte eine Flatrate für den ÖPNV durchaus Vorteile. Sie würde den Menschen den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln grundsätzlich erleichtern. Wie die Studie aber aufzeigt, wäre die tatsächliche Wirkung des Tickets auf die Nachfrage sowie auf die Wahl des Verkehrsmittels ziemlich gering. Die Tarifmaßnahme erfordert dauerhaft einen hohen finanziellen Einsatz, ohne dass dabei das ÖPNV-Angebot in seiner Substanz verbessert wird.
Einführung in Wien war kein Schnellschuss
„Die Empfehlung des Gutachterbüros, einen Mix aus gezielten tariflichen Maßnahmen sowie Verbesserungen beim Verkehrsangebot als Alternative zu prüfen, werden wir in unsere Überlegungen sicher einbeziehen“, bekräftigt Steidl. Gerade das Beispiel Wien zeige, dass der Einführung des Tickets ein langjähriger Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und der Fahrtenangebote vorausgegangen ist. Sie wurde außerdem von restriktiven Maßnahmen für den Individualverkehr begleitet. Höhere Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung und die "Dienstgeberabgabe" leisten dort zudem einen Beitrag zur Finanzierung des Tickets. (wa)



