Der baden-württembergische Landesverband Deutscher Verkehrsunternehmen hatte die Einnahmeausfälle durch den Corona-Lockdown in dem Bundesland auf etwa 360 Millionen Euro für das laufende Jahr geschätzt.

Der baden-württembergische Landesverband Deutscher Verkehrsunternehmen hatte die Einnahmeausfälle durch den Corona-Lockdown in dem Bundesland auf etwa 360 Millionen Euro für das laufende Jahr geschätzt.

Bild: © Petair/stock.adobe.com

Wien hatte es vorgemacht: Eine Jahreskarte des Nahverkehrs kostet 365 Euro – für alle. Aber funktioniert das auch in deutschen Städten? Und vor allem: Welche Auswirkungen hat das? Dazu hat der Ver­kehrs­ver­bund Groß­raum Nürn­berg (VGN) ein Gutachten erstellen lassen. Dessen Ergebnisse liegen nun vor.

Die wichtigsten Fragen betreffen das Nachfragepotenzial des Tickets, die Auswirkungen auf die Fahrgeldeinnahmen, die finanziellen Folgen für Städte und Land­kreise sowie die Prognose möglicher Fahr­gastgewinne. ­­ VGN-Ge­schäfts­füh­rerin Anja Steidl stellte Inhalte und Ergebnisse der Studie vor. Erstellt hat das Gutachten das Hamburger Büro civity Management Consultants. Die Hamburger hatten schon die Einführung des 365-Euro-Tickets in Wien begleitet.

Die wichtigsten Ergebnisse

Ins­ge­samt betrachtet die Studie sieben Tarifmodelle. Deren Gül­tig­keit reichte für eine oder benachbarte Ge­biets­kör­per­schaften bis hin zum ge­samten VGN-Gebiet. Die Preise lagen zwischen 365 Euro und 1460 Euro.

Je nach untersuchter Va­ri­an­te liegt die Minderung der Fahrgeldeinnahmen bei 55 bis 100 Mil­li­onen Euro pro Jahr. Denn die Modellberechnungen zeigen, dass der weit überwiegende Teil der Käuferinnen und Käufer des Tickets bereits vorhandene Fahr­gäste wären. Diese würden lediglich von ihrer bisherigen Fahr­kar­te zur günstigeren Jah­res­kar­te wechseln. Entsprechend gering ist der berechnete Zuwachs bei den ÖV-Fahrten. Er liegt je nach Modell zwischen 1,9 und 3,2 Prozent.

Angebot ausweiten statt Mitnahmeeffekte fördern

Die Rekrutierung neuer Kundinnen und Kunden sowie eine stärkere Nutzung öf­fent­licher Ver­kehrs­mit­tel fallen also vergleichsweise gering aus. Daher schlägt das Gutachterbüro vor, auch über al­ter­na­ti­ve Lösungen nachzudenken. So könnten spürbare Verbesserungen im Ver­kehrs­an­ge­bot ins Auge gefasst werden. Diese würden den Umstieg vom Pkw auf öf­fent­liche Ver­kehrs­mit­tel attraktiver machen. Auch gezielte Tarifan­ge­bote für finanziell schwache Fahr­gastgruppen könnten geprüft werden.

Aus Sicht der Ver­bund­ge­sell­schaft hätte eine Flatrate für den ÖPNV durchaus Vorteile. Sie würde den Menschen den Zugang zu öf­fent­lichen Ver­kehrs­mit­teln grund­sätz­lich erleichtern. Wie die Studie aber aufzeigt, wäre die tatsächliche Wirkung des Tickets auf die Nachfrage sowie auf die Wahl des Ver­kehrs­mit­tels ziemlich gering. Die Tarifmaßnahme erfordert dauerhaft einen hohen finanziellen Einsatz, ohne dass dabei das ÖPNV-An­ge­bot in seiner Substanz verbessert wird.

Einführung in Wien war kein Schnellschuss

„Die Emp­feh­lung des Gutachterbüros, einen Mix aus gezielten tariflichen Maßnahmen sowie Verbesserungen beim Ver­kehrs­an­ge­bot als Al­ter­na­ti­ve zu prüfen, werden wir in unsere Überlegungen sicher einbeziehen“, bekräftigt Steidl. Gerade das Beispiel Wien zeige, dass der Einführung des Tickets ein langjähriger Ausbau der Ver­kehrs­­in­fra­struk­tur und der Fahr­ten­an­gebote vorausgegangen ist. Sie wurde außerdem von restriktiven Maßnahmen für den Individualverkehr begleitet. Höhere Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung und die "Dienstgeberabgabe" leisten dort zudem einen Beitrag zur Finanzierung des Tickets. (wa)

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