Offiziell hat sich das Bundeswirtschaftsministerium noch nicht festgelegt, welcher Kapazitätsmarkt in Deutschland ab 2032 starten soll. 2027 soll dazu die Entscheidung fallen.
Die Bundesnetzagentur hat dagegen offenbar einen klaren Favoriten: den zentralen Kapazitätsmarkt.
"Vielleicht gelingt es uns ja, beim Kapazitätsmarkt nicht etwas komplett Neues zu machen, sondern etwas Simples, Stringentes und Praktikables", sagte Behördenchef Klaus Müller beim Handelsblatt-Energiegipfel. Es gebe ein "tolles Nachbarland", das dabei gute Erfahrungen gemacht habe.
Müller dürfte Belgien meinen, das auf einen zentralen Kapazitätsmarkt setzt. 2021 fanden dort die ersten Ausschreibungen statt.
Debatte um Kapazitätsmarkt-Modelle
In Deutschland werden grundsätzlich mehrere Modelle diskutiert. Für den zentralen Kapazitätsmarkt haben sich bislang unter anderem der Energieverband BDEW, Deutschlands größter Stromerzeuger RWE und die vier Übertragungsnetzbetreiber ausgesprochen. Auch die Stadtwerke-Kooperation Trianel macht sich für einen zentralen Kapazitätsmarkt stark. Als Vorbild wurde oftmals Belgien genannt.
Im zentralen Kapazitätsmarkt wird für notwendig erachtete steuerbare Leistung zentral ausgeschrieben. Wie viel gesicherte Leistung für eine sichere Stromversorgung notwendig ist, entscheidet in der Regel eine staatliche Stelle. In Deutschland käme dafür am ehesten die Bundesnetzagentur in Betracht.
Alternativ ist eine Kombination aus zentralem und dezentralem Kapazitätsmarkt in der Diskussion. Hier werden zentrale Ausschreibungen mit einem dezentralen Handel von Kapazitätszertifikaten kombiniert. Im dezentralen Kapazitätsmarkt würden sogenannte Bilanzkreisverantwortliche, in der Praxis oftmals Stadtwerke, verpflichtet werden, sich für Knappheitssituationen zu wappnen. Für eine Kombination aus zentralen und dezentralen Elementen wirbt beispielsweise der Stadtwerkeverband VKU. Einen noch dezentraleren Ansatz wünschen sich der Bundesverband Neue Energiewirtschaft und die Deutsche Industrie- und Handelskammer.
Zeitplan: Bundesnetzagentur etwas vorsichtiger
Die Bundesregierung will sich aber zunächst auf die Kraftwerksstrategie konzentrieren, die wegen der dafür vorgesehenen zentralen Ausschreibungen bereits als Ad-hoc-Kapazitätsmarkt gewertet werden kann. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums sollen die ersten zwei bis drei Ausschreibungen noch dieses Jahr stattfinden, die erste Ausschreibungsrunde bereits im Spätsommer.
Bundesnetzagentur-Chef Müller formulierte etwas vorsichtiger. Seine Behörde werde schnell ein Ausschreibungsdesign erarbeiten, sobald ein "sehr solider, sehr klarer Gesetzentwurf" vorliege. Es dürfe da keinerlei Spielraum mehr geben. Derzeit liegen lediglich Eckpunkte vor. Details zum Ausschreibungsdesign muss die Bundesregierung noch mit der EU-Kommission abstimmen.
Der Behördenchef sicherte der Energiebranche zudem eine gründliche Konsultation zu. "Sicherheitsaufschläge wollen wir möglichst nicht sehen." Auf dieser Basis solle es in diesem Jahr die erste und – "wenn wir das hinkriegen" – die zweite Ausschreibungsrunde geben.
Großes Interesse am Bau neuer Gaskraftwerke
Grundsätzlich besteht in der Energiebranche großes Interesse am Bau neuer Gaskraftwerke. Energiekonzern RWE etwa kann sich vorstellen, bis zu drei Gigawatt (GW) zuzubauen. Würde er sich mit all seinen Geboten durchsetzen, wäre knapp ein Drittel der ausgeschriebenen Menge bereits vergeben. Auch andere Stromerzeuger wie Uniper, Iqony und Leag stehen bereit.
In der kommunalen Familie ist das Interesse bislang verhaltener. Allerdings gibt es auch dort Unternehmen, die an den Ausschreibungen teilnehmen wollen. Eines der prominentesten Beispiele ist Trianel, das in Aachen einen dritten gasbetriebenen Kraftwerksblock plant, der auf Wasserstoff umrüstbar sein soll. Angesichts der großen Konkurrenz sprach sich Trianel-Chef Sven Becker für eine Akteursvielfalt aus. "Wir appellieren eindeutig, dass man die Pluralität der Marktstruktur aufrechterhält."
Unter anderem warb er für ausreichend Vorlauf zwischen Bekanntgabe der Ausschreibungsbedingungen und der Ausschreibung selbst. Das würde den Entscheidungsprozessen kommunaler Gremien Rechnung tragen.
Außerdem hält er eine Begrenzung der Zuschläge je Auktionsrunde für sinnvoll. Das soll verhindern, dass wenige große Konzerne den Großteil der Auktionen unter sich aufteilen.
Drittens sprach sich Becker für angemessene Sicherheitsleistungen aus. Zu hohe Sicherheitsleistungen könnten eine Zustimmung kommunaler Aufsichtsräte zu großen Investitionen in Gaskraftwerke erschweren.






