Bertram Brossardt ist Hauptgeschäftsführer der VBW – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Bertram Brossardt ist Hauptgeschäftsführer der VBW – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Bild: © vbw

Von Julian Korb

Mittlerweile leuchtet die Energiewende-Ampel dunkelgelb. Zum dreizehnten Mal führte das Forschungsinstitut Prognos für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) ein Energiewende-Monitoring durch."Die Energiewende hat leider keinen Entwicklungssprung gemacht", sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der VBW bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien gehe weiterhin nur schleppend voran. Große Defizite zeigten sich vor allem bei der Windkraft. "Die selbst gesteckten Ziele werden wir nicht erreichen, wenn wir so weitermachen", warnt der Verbandschef. Zwar sei der Primärenergieverbrauch in den Jahren 2023 und 2024 gesunken. "Das liegt aber hauptsächlich an der Deindustrialisierung."

Mehr Fokus auf Bezahlbarkeit

Um Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Nachhaltigkeit künftig sicherzustellen, brauche es demnach "enorme Anstrengungen". Brossardt rief die künftige Bundesregierung auf, den Ausbau der Erneuerbaren und von Netzen weiter zu beschleunigen. Zudem müsse der Fokus stärker auf der Bezahlbarkeit liegen. "Der Maßstab für bezahlbare Energie ist dort, wo der Wettbewerb ist, also in den USA und vielleicht nicht in Andorra", so der VBW-Chef.

Dafür brauche es einen Brückenstrompreis für energieintensive Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stünden. "Absolutes Minimum wären Netzentgeltzuschüsse." Auf jeden Fall brauche es aber eine Absenkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestniveau für die gesamte Wirtschaft. Die künftige Bundesregierung müsse das übergeordnete Ziel verfolgen, "Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Land zu erhalten."

Dritte Priorität müsste laut Brossardt zudem die Versorgungssicherheit genießen. Dazu müssten bis 2030 neue Kraftwerkskapazitäten zugebaut werden. "Um Dunkelflauten zu überbrücken, brauchen wir mehr Gaskraftwerke." Die Umrüstung dieser Kraftwerke auf Wasserstoff sollte außerdem "nicht zu schwierig" gestaltet sein.

Explosive Stimmung

Wie ernst die Lage in der Wirtschaft ist, ließ der Verbandschef ebenfalls durchblicken. Die Stimmung in den Unternehmen, was die Energiepreise betrifft, nannte er "explosiv". Die Preise müssten schnell runter. "Es wird Zeit, dass aus dem Energiewendchen eine echte Energiewende wird."

Auf eine Journalistenfrage, welche Aufgabe die Wirtschaft in der Transformation übernehmen könne, reagierte der Verbandschef getroffen. "Sie können nicht alle Aufgaben auf die Wirtschaft abwälzen", sagt er. "Energieversorgung ist erst einmal eine staatliche Aufgabe. Die Politik muss sich endlich klar werden, was sie eigentlich will und das dann auch umsetzen."

2000 Kilometer Netz fehlen

Details der Untersuchungen von Prognos kamen schließlich von Projektleiter Sven Kreidelmeyer. So habe die alte Bundesregierung zwar Fortschritte beim Netzausbau gemacht: "Aber wir liegen über 2000 Kilometer Netz hinter den gesetzlichen Zielen zurück." Zudem gebe es weiterhin zahlreiche Eingriffe der Netzbetreiber, die zusätzlich Kosten verursachten. Damit dürfte vor allem das Netzengpassmanagement gemeint gewesen sein.

"Wahnsinnig viel getan" habe sich hingegen beim Speicherausbau, betonte Almut Kirchner, Direktorin und Partnerin bei Prognos. Der Zubau von Batteriespeichern gehe auf allen Netzebenen voran.

Skeptisch zeigte sich die Forscherin bei den Klimazielen. Um die Ziele beim Abbau von Treibhausgasemissionen zu schaffen, müsse der Pfad ab 2030 demnach deutlich steiler werden. "Deutschlandweit hat sich bislang vor allem die Reduktion der Kohleverstromung im Energiesektor ausgewirkt." Im Verkehrssektor hingegen habe sich "nichts getan".

Kaum Auswirkungen bei Kernenergie

Nur geringe Auswirkungen dürfte laut den Prognos-Forschern derweil ein mögliches Comeback der Kernkraft haben. "Eine Rückkehr zur Kernenergie bringt Unsicherheit in den Markt", sagte Projektleiter Kreidelmeyer. "Eine Wiederinbetriebnahme der zuletzt abgeschalteten 4 Gigawatt an Kernenergie hätte nur einen geringen Effekt auf die Bezahlbarkeit des Stroms." Je nach Szenario würden die Preise um 0,3 bis 0,5 Cent sinken.

Zudem löse Kernenergie das Problem der Dunkelflauten nicht. Atomkraftwerke seien zu unflexibel, um die fluktuierende Einspeisung erneuerbaren Strom auszugleichen. "Dafür brauchen wir nach unseren Berechnungen einen Zubau von Gaskraftwerken zwischen 15 und 20 Gigawatt."

Nur geringe Zuwächse seien zudem bei der Wasserkraft zu erwarten. Biomasse könnte dafür eine größere Rolle spielen. "Wir brauchen auch mehr Biomasse", sagte Prognos-Forscherin Kirchner. Besonders effizient eingesetzt wären die Anlagen demnach in der Kraft-Wärme-Kopplung. Entscheidend sei dabei, dass die Biomasse flexibel gefahren würde, hieß es.

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