Von Andreas Lorenz-Meyer
Anfang der 1990er Jahre, kurz nach der Wiedervereinigung, standen viele ostdeutsche Energieversorger vor einem Problem. Sie mussten sich betriebswirtschaftlich und technisch neu aufstellen, doch fehlten die finanziellen und personellen Ressourcen dafür. Westdeutsche Unternehmen halfen ihnen bei der Transformation von Strukturen, Prozessen und Technik. So auch der Konzern Gelsenwasser, der sich in den Folgejahren dauerhaft an neuen Stadtwerken im Osten etwa in Zeitz, Perleberg, Burg und Weißenfels beteiligte – der Grundstein der heutigen Stadtwerke-Aktivitäten in ganz Deutschland.
Derzeit hält Gelsenwasser Beteiligungen an 25 Stadt- und Gemeindewerken, unter anderem Magdeburg, Delitzsch, Kalkar, Finnentrop, Kaarst, Velbert, Wesel, Göttingen. Alle zwei bis drei Jahre geht man neue Partnerschaften ein, entweder durch Beteiligung an existierenden Stadtwerken oder durch Neugründung von Stadtwerkegesellschaften gemeinsam mit Partnerkommunen. Wie zuletzt bei den im Dezember 2024 gegründeten Stadtwerken Hamminkeln.
Was weiterhin für Gründungen spricht
Trotz Energiekrise und dadurch deutlich veränderter Rahmenbedingungen scheinen Gründungen weiter attraktiv zu sein. Bernhard Schaefer, Leiter Unternehmensentwicklung Gelsenwasser, nennt einen Grund: "Stadtwerke unter mehrheitlich kommunalem Einfluss geben den Kommunen zum Beispiel die Möglichkeit, sich aktiv an der Energiewende zu beteiligen. Ein Stadtwerk ist ja immer auch eine Plattform für neue Projekte wie dem Bau von Anlagen zur erneuerbaren Energieerzeugung. Dafür lassen sich auch Partner aus der Region einbinden, das stärkt die regionale Wertschöpfung."
Von Anfang an einen Fachpartner mit an Bord zu haben, erleichtere den Start. "Neu gegründete Stadtwerke haben zuerst kein Bestandsgeschäft im Rücken und müssen sofort mit hohem vertrieblichem Einsatz ihre Geschäftsfelder definieren und ausbauen. Dazu gehört es auch, sich gegen größere Wettbewerber vor Ort durchzusetzen", sagt Schaefer.
Stadtwerke Castrop-Rauxel als Erfolgsbeispiel
In dieser typischen Ausgangslage befanden sich die 2013 unter Beteiligung Gelsenwassers gegründeten Stadtwerke Castrop-Rauxel: kein Geschäft und keine Kunden. Heute, nach einem "konsequenten und sukzessiven Ausbau zum Mehrspartenstadtwerk" sieht es ganz anders aus: Die Stadtwerke sind in Besitz der Gas- und Stromkonzession, haben einige Tausend Kunden, mehrere Windräder, Photovoltaikanlagen und rund 100 Ladesäulen.
Als Erfolgsfaktoren nennt Schaefer "die hervorragende Zusammenarbeit zwischen den Gesellschaftern, eine langfristige Strategie und die sehr aktive Präsenz der Stadtwerke vor Ort."
Was bietet Gelsenwasser Stadtwerken an? Zuerst einmal eine beratende und operative Unterstützung in den Bereichen kaufmännische und technische Prozesse, für kleinere und größere Stadtwerke. Alles, was diese machten, mache der Konzern auch, so Schaefer: Energieeinkauf und -vertrieb, Bau und Betrieb von Energienetzen, Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Erneuerbaren-Projekte, Elektromobilität.
Risiko trägt der größere Partner
Hinzu kommt die Flexibilität. Es gibt mehrere unterschiedliche Beteiligungsmodelle, passend zu den Verhältnissen vor Ort, die nie ganz gleich gelagert sind. Das Rückverpachtungsmodell wird in der Regel dann genommen, wenn die Konzession beim Alteigentümer bleiben soll. Das hat zwei Vorteile, erklärt Schaefer. "Synergien aus dem einheitlichen Betrieb mehrerer Verteilnetze oder vorgelagerter Netze gehen nicht verloren. Und die technischen und wirtschaftlichen Risiken bleiben bei dem in der Regel erfahreneren und größeren Versorgungsunternehmen."
Die Kommunen wollten manchmal auch keine eigenen betrieblichen Strukturen aufbauen oder die Rolle eines Netzbetreibers übernehmen, so Schaefers Erfahrung. Durch die Rückverpachtung partizipieren sie aber gleichwohl am wirtschaftlichen Erfolg. Und könnten zudem bei künftigen Entscheidungen über die Weiterentwicklung der örtlichen Infrastruktur ein Wörtchen mitreden.
Bei einem weiteren Beteiligungsmodell sind Stadtwerke der Netzbetreiber. Das ist möglich, sofern es sich um ein bereits existierendes Stadtwerk handelt, das andere Netzsparten und entsprechende betriebliche, vertriebliche und regulatorische Prozesse hat. Eventuell können technische und/oder kaufmännische Dienstleistungen dabei auch von Dritten, etwa von einem strategischen Partner, erbracht werden.
Intensiver Austausch im Stadtwerke-Netzwerk während jüngster Energiekrise
Fragt sich, ob Stadtwerke als Teil einer Gruppe auch krisenfester sind. "Eine starke Gemeinschaft kann in schwierigen Situationen Orientierung geben – das haben wir besonders in den ersten Monaten des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ganz deutlich gespürt. Wir haben unmittelbar nach Beginn der militärischen Handlungen unsere Beteiligungsunternehmen per Videochat zusammengerufen und die anstehenden Handlungserfordernisse und -optionen mit den Verantwortlichen der Häuser eingehend diskutiert. In den einzelnen Geschäftsfeldern gab es regelmäßige Update-Meetings", berichtet der Leiter Unternehmensentwicklung. Der intensive Austausch habe dazu beigetragen, dass alle Gelsenwasser-Stadtwerke die Energiekrise gut bewältigten.
Doch die nächste Krise kommt bestimmt – deshalb sollten unbedingt Lehren aus der vorangegangen gezogen werden, rät Schaefer. Viele Versorger hätten das auch getan. "Sie haben ihre Einkaufsstrategien angepasst und Risiken reduziert. Damit werden sie bei einer erneuten Energiekrise wohl stabiler und resilienter aufgestellt sein." Und, fügt Schaefer hinzu: "So schnell sterben Stadtwerke eben nicht, auch wenn Bürokratie und Regulierung ihnen die Arbeit oft erschweren."
Der richtige Finanzierungsmix
Was sind, neben der Bewältigung möglicher künftiger Krisen, die größten Herausforderungen für die Branche? Da steht für Schaefer in den kommenden Jahren und wohl auch Jahrzehnten das Meistern der Energie- und Wärmewende an erster Stelle. "Bei den notwendigen hohen Investitionen ist die Finanzierung sehr herausfordernd. Hier braucht es einen Mix: Bankenkredite, Gesellschafterdarlehen und Stärkung des Eigenkapitals."
Auch über die "noch recht ungewohnten" Genussrechte sollten Stadtwerke nachdenken. Grundsätzlich dürfe kein Finanzierungswerkzeug ausgeschlossen werden. Jeder Versorger müsse seinen eigenen Weg finden und dabei individuell bestehende Finanzierungsvereinbarungen und Eigenkapitalquoten immer im Blick haben.
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