Von Andreas Baumer
Es ist gute vier Jahre her, dass Deutschlands viertgrößte Stadt Köln beschloss, schon 2035 klimaneutral zu werden – also zehn Jahre früher als die Bundesrepublik. Geht es nach Andreas Feicht, Chef der Stadtwerke Köln und des örtlichen Energieversorgers Rheinenergie, ist dieses Ziel zu hinterfragen. "Muss Köln im Jahr 2035 klimaneutral sein?", warf er bei den ZfK Media Days auf. "Warum eigentlich?" Würde das Klimaziel nach hinten geschoben, könne man auch Investitionen strecken.
Hintergrund der Aussage ist, dass die Stadtwerke Köln in den nächsten Jahren einerseits vor massiven Investitionen stehen. Der Querverbundkonzern rechnet mit einem Investitionsvolumen von insgesamt zehn Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren, vor allem um die Energieversorgung und den Nahverkehr klimaneutral zu gestalten. Andererseits könnten die Verluste bei der strukturell defizitären Nahverkehrstochter KVB so hoch werden, dass erwartete Gewinne der Energietochter Rheinenergie dies nicht mehr auffangen. 2027 könnten die Stadtwerke Köln, bislang ein zuverlässiger Goldesel für die Stadt, ins Minus rutschen.
Öffentlicher Nahverkehr als "burning platform"
Der öffentliche Nahverkehr sei eine "burning platform", sagte Feicht. Als "burning platform" bezeichnet man eine Situation, die in die Katastrophe führt, wenn man nichts ändert.
"Es muss wahnsinnig viel investiert werden", führte der Stadtwerke-Chef aus. Die Investitionen seien auch spezifisch viel teurer, weil es bei Stahl und Fahrzeugbau eine "irre Inflation" gebe. Dann habe die Bundesregierung durch das Deutschlandticket auch die Einnahmen reduziert. Zudem bewegten sich die Fahrgastzahlen etwa wegen verstärktem Home-Office unterhalb des Vor-Corona-Niveaus. "Das will die Kommunalpolitik aber nicht wahrhaben."
"Überall steigen die Kosten tierisch an"
Feicht sagte, dass sich das Defizit im öffentlichen Nahverkehr von 90 Millionen Euro im Jahr 2019 auf 180 Millionen Euro verdoppelt habe. "Und in der Planung steigt es auf 200 bis 250 Millionen Euro." Die Stadtwerke müssten effizienter werden, sagte Feicht. Ein Eindämmen der Defizite werde man aber auch dann nicht schaffen, "wenn wir die Pommes in der Kantine ein bisschen dünner machen."
Die Politik müsse sich ehrlich machen und hinterfragen, was man sich leisten könne, forderte der Stadtwerke-Chef. Das gelte für die Kultur, aber auch für kommunale Krankenhäuser. "Überall steigen die Kosten tierisch an." Feichts Fazit: Das kommunale Erfolgsmodell Querverbund funktioniert so nicht mehr. "Wir sind eigentlich schon mitten in einer veritablen kommunalen Finanzkrise."
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Querverbund unter Druck: Köln kein Einzelfall
Die Domstadt ist bei weitem kein Einzelfall. Auch in vielen anderen Städten ist der kommunale Querverbund unter Druck. Besonders offenkundig wurde das in Osnabrück, als dort zu Beginn der Energiekrise auch die Energiesparte rote Zahlen schrieb. Mit Blick auf die kommenden Energiewende-Investitionen warnte der damalige Interimschef Stefan Grützmacher, dass das Kommunalunternehmen die strukturellen Bereiche Mobilität und Bäder in dieser hohen Angebots- und Leistungsqualität nicht mehr aus eigener Kraft gegenfinanzieren könne. Der städtische Eigentümer sicherte in der Folge Unterstützung zu.
Bei kleineren Stadtwerken ist es oftmals das ebenfalls traditionell defizitäre Bädergeschäft, das den Verantwortlichen zu schaffen macht. "Wir können die Bäder gern als Dienstleister weiter betreiben", sagte Ernst Reng, einer der beiden Leiter der Stadtwerke Neuburg an der Donau (Bayern), in einem ZfK-Interview. "Die Kosten müssten wir dann aber von unserem Auftraggeber, der Stadt, erstattet bekommen. Dann kann auch die Stadt frei wählen, ob sie noch einen Schwimmkurs oder eine Außenrutsche haben will. Wir können dann sagen: Ja, machen wir, das kostet so und so viel. Zurzeit ist es leider so, dass mit jedem Zusatzwunsch unser Defizit noch größer wird."
Feichts Einschätzung zur Zukunft des Querverbunds und zum Kölner Klimaziel ist auch deshalb bemerkenswert, weil sich die kommunalen Machtverhältnisse in der Domstadt gerade neu sortieren. Bei der Oberbürgermeisterwahl im September setzte sich der SPD-Kandidat Torsten Burmester in der Stichwahl gegen die Bewerberin der Grünen durch. Burmester folgt auf die parteilose Henriette Reker, die von den Grünen unterstützt wurde.
Die SPD schwieg in ihrem Wahlprogramm im Gegensatz zu den Grünen zum Klimaziel 2035. Laut dem Kölner Nachrichtenportal "Meine Südstadt" sagte Burmester, dass Klimaschutz eine grundsätzliche Aufgabe sei, die jede Politik zu erfüllen habe. Mit Blick auf das Klimaziel 2035 fand er: "Es ist wichtig, bei diesem ambitionierten Ziel zu bleiben." Klimaschutz könne aber nur gelingen, wenn er sozial akzeptiert ist, und zwar gerecht, führte er aus. "Das vergessen die Grünen häufig. Wir müssen auf gesellschaftliche Akzeptanz setzen, sonst kann man Klimaschutz nicht erreichen."
Kassel kassiert 2030-Klimaziel ein
Köln ist nicht die erste Stadt, in der das Vorziehen der Klimaneutralität teilweise kritisch gesehen wird. In Kassel (Hessen) wurde das einst angestrebte Klimaziel im Frühjahr von 2030 auf 2040 verschoben. In Wiesbaden wird die zwischendurch angestrebte Klimaneutralitätsziel 2035 mittlerweile für unrealistisch gehalten. Und in Krefeld hält der dortige Stadtwerke-Chef Carsten Liedtke das 2035-Ziel zumindest für "sehr sportlich".
Den entgegengesetzten Weg ging zuletzt Deutschlands zweitgrößte Stadt Hamburg. 53 Prozent der Wahlberechtigten stimmten dafür, die Klimaneutralität von 2045 auf 2040 vorzuziehen.
Hinweis: Die ZfK Media Days gehen nächstes Jahr im neuen Format comm.days 2026 auf, das von Trurnit, VKU Akademie, VKU und ZfK gemeinsam organisiert wird. Die Kommunikationsbranche trifft sich live in Berlin am 6. und 7. Mai. Hier können Sie sich ein Ticket sichern.
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