Die Zeit läuft davon: Bis zum Jahresende geht die Frist für die Nutzungsrechte der 450-MHz-Funkfrequenzen zu Ende.

Die Zeit läuft davon: Bis zum Jahresende geht die Frist für die Nutzungsrechte der 450-MHz-Funkfrequenzen zu Ende.

Bild: © JustLife/AdobeStock

"Stünde ein 450-MHz-Breitbandnetz den energiewirtschaftlichen Anwendungen nur zum Teil zur Verfügung, hätte dies signifikant nachteilige Folgen für die Digitalisierung der Energiewende: In Smart-Meter-Gateways müssten dann zwei Kommunikationsmodule verbaut werden. Ein neues Hard- und Softwarekonzept für diese Gateways wäre erforderlich, das sowohl mehrere Kommunikationsmodule in einem Gehäuse ohne Funktions- und Sicherheitseinschränkungen unterbringen als auch die Daten zwischen den unterschiedlichen Kommunikationen aufteilen kann", teilte das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) den Grünen auf deren schriftliche Anfrage zu den Auswirkungen der 450-MHz-Vergabe mit.

Und weiter: Derartige Neuanforderungen würden eine umfassende Neubearbeitung der technischen Richtlinie und Schutzprofile sowie des gesetzlichen Zertifizierungsprozesses zur Folge haben; mehrjährige Verzögerungen und erhebliche Mehrkosten wären die Konsequenz, heißt es in der BMWi-Antwort weiter. Derzeit ist unklar, an wen die Frequenzen des 450-MHz-Netzes gehen: Entweder an die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS), die die innere Sicherheit und die Bundeswehr vertritt oder an die Energiewirtschaft, für die jeweils die Versorger-Allianz und 450connect als Bewerber auftreten. Bis spätestens Jahresende steht hier eine Entscheidung an, da dann die Nutzungsrechte auslaufen.

Hintergrund

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will, dass der Bereich für Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte und Bundeswehr zur Verfügung gestellt wird. Die BDBOS überlegt, der Energie- und Wasserwirtschaft einen geringfügigen Teil der Frequenzen zuzuteilen. Dieser Teil dürfte allerdings aus regulatorischen Gründen nur für KRITIS-Anwendungen genutzt werden. Sprich Mehrwertanwendungen wie Submetering, Smart Building, Fahrstuhlüberwachung oder ähnliches wären dafür nicht vorgesehen. 

Hinzu kommt, dass selbst die zur Verfügung gestellten Frequenzbänder laut den von der Bundesregierung beauftragten Gutachtern nicht ausreichend Kapazität liefern, die Priorisierung unklar ist und somit die tatsächliche Nutzbarkeit für kritische Services und der Netzaufbau – so jedenfalls die Befürchtung der Branche – deutlich zu langsam sein wird. Für eine komplette Vergabe an die Energie- und Wasserwirtschaft sprechen BMWi-Gutachten sowie der Beirat der Bundesnetzagentur, die die Wichtigkeit der Frequenz für die Branche unterstreichen.

Trauerspiel bei der 450-MHz-Frequenz

Ingrid Nestle, Bundestagsabgeordnete von Bündnis90/Grüne übte starke Kritik an der Antwort des BMWi: "Die Digitalisierung der Energiewende droht zu stoppen, noch bevor sie beginnen konnte. Ohne die 450-MHz-Frequenzen drohen womöglich mehrjährige Verzögerungen und erhebliche Mehrkosten für die intelligenten Messsysteme." Nachdem die Einführung der Gateways schon sehr lange verzögert wurde, "drohen der nun beginnenden Einbauwelle erhebliche Probleme". Es sei ein Trauerspiel zu sehen, wie die Vergabe der 450-MHz-Frequenzen im Zwist zwischen den unionsgeführten BMI und BMWi unter die Räder komme.

Zustimmung kommt von der Versorger-Allianz 450, Bewerber um die Frequenzen für die Energiewirtschaft: Man teile die Auffassung des BMWi, wonach die Digitalisierung der Energiewende und somit die Sicherstellung einer auch künftig sehr guten Versorgungssicherheit scheitern werde, sollte die 450-MHz-Frequenz nicht der Energie- und Wasserwirtschaft zugeteilt werden. "Dies gilt vor allem auch für den unmittelbar anstehenden Rollout intelligenter Messsysteme. Die 450-MHz-Frequenz gewährleistet den vom BSI geforderten sicheren Datenaustausch und würde auch die Kosten begrenzen", sagt Theo Waerder, Vorstandsvorsitzender der Versorger-Allianz 450 und Geschäftsführer der Stadtwerke Bonn.

Deutschland könne sich keine weiteren Verzögerungen hier mehr leisten, will man die Energiewende umsetzen und den Klimawandel stoppen. Die Bürgerschaftswahl in Hamburg habe gezeigt, wie wichtig den Bürgern diese Themen sind, so Waerder weiter. Die Versorger-Allianz 450 fordert daher eine schnellstmögliche Entscheidung pro Energie- und Wasserwirtschaft bei der Frequenzvergabe.

Contra

Mitnetz Strom sieht die Angelegenheit allerdings entspannter: "Die intelligenten Messsysteme sind nicht auf die 450-MHz-Funkfrequenz angewiesen. Die etablierten Funkfrequenzen für einen reibungslosen Betrieb der neuen Stromzähler reichen vollkommen aus. Deshalb drohen aus unserer Sicht ohne die 450-Mhz-Funkfrequenz weder erhebliche Verzögerungen noch Mehrkosten beim Smart-Meter-Rollout."

Zudem sind 450-MHz-Geräte schon aktiv: Hersteller PPC liefert nach eigenen Angaben seit Mai 2019 zertifizierte CDMA450 Gateways an seine Kunden aus. Viele seien davon auch schon im Einsatz. Allein die TEAG/TMZ habe über 2000 Stück bestellt, die auch schon geliefert wurden. PPC unterstütze außerdem alle relevanten Kommunikationstechnologien und könne bei Bedarf schnell neue implementieren, heißt es aus Mannheim.

Wichtige Kommunikationsinfrastruktur fürs Smart Metering

Allerdings spricht auch vieles für 450 MHz: "Die energiewirtschaftlichen Anforderungen können bislang nur beschränkt von den bisher verfügbaren Kommunikationsinfrastrukturen wie dem öffentlichen Mobilfunk erfüllt werden", sagt Frank Wolf, Bereichsleiter Zählerdienstleistungen bei Messstellendienstleister Voltaris. "Im Hinblick auf den Smart-Meter-Rollout brauchen wir unbedingt Alternativen, die die Erreichbarkeit von dezentral verteilten Komponenten sicherstellen, vor allem in ländlichen Netzgebieten oder einer Versorgung in Kellerräumen."

Das 450-MHz-Funknetz wäre hier die geeignete Kommunikationstechnik für das Energieinformationsnetz. Es biete im Vergleich zu allen anderen Funknetzen eine hohe Ausbreitung, Ausfallsicherheit, größere Reichweite und bessere Gebäudedurchdringung. "Dieses spielt eine Schlüsselrolle für die Kommunikation intelligenter Messsysteme. Wir als Gateway-Administrator würden die flächendeckende Kommunikationsinfrastruktur auf Basis von 450 MHz sehr begrüßen", betont Wolf. (sg)

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