Neue Geschäftsfelder für den klassischen Energieversorger waren in den letzten Jahren eher eine Seltenheit. Durch Digitalisierung, Regularien und sich wandelnde Kundenbedürfnisse muss inzwischen auch die Versorgungsindustrie umdenken. Dabei entsteht aktuell ein ganz neues Energiemodell, das CO₂-reduziert, dezentral und konsumentenorientiert ist. Das Beratungsunternehmen Accenture hat hier vor scon seit einigen Jahren den Begriff Connected Energy geprägt und dazu ein Konzept erarbeitet. Im ZfK-Interview spricht Tobias Gehlhaar, Geschäftsführer Utilities bei Accenture über die Chancen eines solchen neuen Energiemodells und die Herausforderungen, die Energieversorger hier noch zu meistern haben.
Herr Gehlhaar, ein neues umweltfreundliches, dezentrales und kundenorientiertes Energiemodell klingt fast zu schön um wahr zu sein – was genau kann man sich darunter vorstellen?
Das klingt in der Tat hervorragend. Die Idee hinter dem Connected Energy Modell ist eine besser ausbalancierte Nutzung von Energie. Diese basiert auf einer intelligenten und einfachen Energieversorgung für die Verbraucher, der smarten Steuerung von Erzeugung und Verbrauch seitens der Versorgungsunternehmen und natürlich auf einem Wandel in Richtung erneuerbare Energien. Kern des neuen Systems wird ein multi-direktionaler Energie- und Informationsfluss zwischen allen beteiligten Parteien sein – möglich dank umfassender Digitalisierung.
Zum Gelingen dieses neuen Energiemodells tragen am Ende also technologische Weiterentwicklungen sowie viele verschiedene Parteien bei – vom Versorger, über die Verbraucher, bis hin zur öffentlichen Hand im Sinne von Leitplanken für die Infrastrukturentwicklung und Energiepolitik. Durch die Vielzahl an Beteiligten und die Komplexität einer solchen Entwicklung wird die Versorgungsindustrie in den nächsten Jahre voraussichtlich aber noch mit einem Hybridmodell arbeiten müssen, sprich einer Kombination aus dem neuen dezentralen und dem klassisch zentralem System. Wir stehen hier noch am Anfang.
Was ändert sich dadurch für den Endverbraucher?
In Richtung Komfort sollte sich idealerweise nichts ändern – ganz im Gegenteil. Im Sinne des persönlichen CO₂-Footprint und der Achtsamkeit im besten Falle aber eine ganze Menge. Die vernetzten Energiedienste sowie die dazugehörenden Leistungen und Produkte sind kundeorientiert und sollten demnach den Anforderungen und Vorstellungen der Kunden entgegenkommen. Hier gewinnt etwa der Wunsch nach effizienten und nachhaltigen Energielösungen zur dezentralen Stromerzeugung immer mehr an Zuspruch. Im Rahmen des Connected Energy-Modells würde das beispielweise bedeuten, dass der Kunde auch bei der Installationen von Solarzellen, einer Elektroheizung oder Energieeffizienz-Maßnahmen und Energiemanagement-Lösungen vom Energieversorger unterstützt würde.
Solch tiefgreifende Veränderungen bedeuten für Energieversorger doch mit Sicherheit einen größeren zeitlichen und finanziellen Aufwand. Lohnt sich das für alle? Ist das Wachstumspotenzial so vielversprechend?
Nein, nicht für alle. Denn tatsächlich bedeutet eine Orientierung in die Richtung solcher Energieservices eine starke Verpflichtung des Unternehmens. Der Vertrieb entsprechender Services funktioniert fundamental anders als für die klassischen Commodity-Verträge. Zudem gilt es die Fähigkeiten für die intelligente Steuerung der Netze zunächst einmal aufzubauen. Gleiches gilt zum Beispiel für die Fähigkeiten rund um Datenanalyse und -nutzung. Das werden und sollten sich nicht alle Unternehmen zutrauen – zumindest nicht allein und in vollständiger Eigenleistung. Dazu ist der Markt noch zu jung, und es sind vom Vertrieb, über die Abrechnung bis hin zu den Technologien zu wenig vorgefertigte und standardisierte Services verfügbar.
Das heißt, für viele Unternehmen führt ein sinnvoller Lösungsansatz über mehr Zusammenarbeit, sowohl untereinander als auch mit Technologieunternehmen. Auch, um kritische Masse zu kreieren und Investitionskosten zu sozialisieren. Aber schon dieser Aspekt bedeutet Verpflichtung und Veränderung, denn so eine Zusammenarbeit muss weit in die operativen Prozesse und Lösungen reichen. Das ist für viele Unternehmen bisher Neuland. Langfristig gesehen sollten Unternehmen das große Wachstumspotenzial dieses Marktes aber nicht außer Acht lassen. Wir schätzen, dass allein in Deutschland der Markt für Produkte und Dienstleistungen des Connected Energy-Modells 2030 einen potenziellen Umsatz von 10 bis 20 Milliarden Euro allein in drei Marktsegmenten erreichen kann.
Und diese Segmente wären?
Zum einen wären da die „Behind-the-Meter"-Lösungen. Hier steuert ein ausgeklügeltes Energiemanagement-System den Zufluss und nutzt Überkapazitäten der dezentralen Stromerzeugung intelligent weiter. Zum anderen sehen wir großes Potenzial bei der E-Mobilität. Hier entsteht eine bessere Infrastruktur für Ladestationen, vereinfachte Bezahlmöglichkeiten für das Laden und weitere Dienstleistungen – nutzerfreundlich und auswertbar auf einer digitalen Plattform. Das dritte vielversprechende Segment ist das Angebot für flexible Kapazitätsanpassung. Energieerzeuger können durch die Interkonnektivität intelligent digitalisierter Geräte, wie Stromzähler und Thermostate und daran angeschlossene Energiemanagement-Systeme Daten sammeln, um Netzkapazitäten flexibel und vorausschauend zu steuern.
Warum schätzen Sie, ist es bei einem so großen schlummernden Potenzial so lange recht ruhig geblieben?
Vielleicht ist es eben genau die oben beschriebene Verpflichtung, die sich aus der Größe der Aufgabe und der Veränderung ableitet. Eine Mobilisierung innerhalb eines Unternehmens zu einer solchen Neuausrichtung ist sicher alles andere als leicht. Hinzu kommen Verflechtungen in die Politik und eine oft kleinteilige Landschaft an Anteilseignern und entsprechenden Erwartungen. Das sind nicht die optimalen Voraussetzungen für eine starke Strategieerweiterung bzw. -neuausrichtung.
Zudem ist der Erfolg eines solchen Energiemodells eine Frage der Akzeptanz und Adaption in der Bevölkerung. Solange der Besitz eines Automobils mit PS-starkem Verbrennungsmotor der Regel entspricht, wird sich das Modell nur schwer durchsetzen. Denn dann gibt es keine beschleunigte Nachfrage, keinen entsprechenden Markt für die Energielösungen und somit auch keine Investitionen, die aber dringend nötig sind. Das heißt, breite öffentliche Meinungsbildung ist ein großer integraler Teil der Aufgabe.
Was sind Ihres Erachtens nach die größten Herausforderungen für Energieversorger und wie bewältigen sie diese am besten?
Die größten Herausforderungen liegen im Spannungsfeld aus Veränderungswillen, kurzfristiger Gewinnerwartung und den Möglichkeiten für einen nachhaltigen Fähigkeitsaufbau. Daraus müsste sich dann eine Bewegung hin zu mehr Öffnung, mehr Zusammenarbeit und mehr Technologieadaption – als Synonym für Digitalisierung – ergeben. Auf breiter Front passiert das noch nicht ausreichend. Dabei betrifft dies nicht nur die Energieversorgung, sondern ebenso das größere Bild angrenzender Sektoren, wie den Verkehr, die Stadtentwicklung und die Administration. Bei den Möglichkeiten, die bereits heute machbar wären, ist aktuell noch viel Luft nach oben. (sg)



