Die Krise an den Energiemärkten hat die kommunalen Versorger fest im Griff und bindet derzeit nahezu alle Managementkapazitäten. Die angespannte Situation droht wichtige Zukunftsthemen in den Hintergrund zu drängen, allen voran die rasant voranschreitende Entwicklung der digitalen Gesellschaft. Wie der Stand bei der digitalen Gestaltung des kommunalen Raums ist und welche Rolle Stadtwerke spielen, steht im Mittelpunkt der neuen Studie „Digitale Daseinsvorsorge nachhaltige Stadtentwicklung: Empirische Befunde zu Stadtwerken als Digitalisierungspartner und Gestaltungsperspektiven“.
Die Studie wurde unter Federführung von Professor Ulf Papenfuß, Inhaber des Lehrstuhls für Public Management & Public Policy an der Zeppelin Universität Friedrichshafen erarbeitet. Auftraggeber sind zehn Stadtwerke des „Netzwerks Digitale Daseinsvorsorge“ in Kooperation mit dem VKU. Basis ist ein gemeinsam mit Führungskräften entwickelter Fragebogen. Für die Auswertungen der Studie konnten Antwortdaten von 77 Top-Managementmitgliedern genutzt werden.
Drei Viertel sind kaum oder gar nicht aktiv
Die Ergebnisse geben einen guten Überblick, wie es um die Tätigkeitsfelder der digitalen Daseinsvorsorge im Stadtwerkekontext bestellt ist. So sind 75 Prozent der antwortenden Stadtwerke aktuell in den identifizierten Tätigkeitsfeldern digitaler Daseinsvorsorge bislang kaum oder gar nicht aktiv. Auf der anderen Seite gebe es einige große Stadtwerke, die „bereits aktuell umfangreiche Aktivitäten in diesem Bereich entfalten“, heißt es in der „Executive Summary“ der Studie, die der ZfK vorliegt. Für die Zukunft plane ein Viertel der Stadtwerke mit aktuell geringer Aktivität ihre Aktivität zu erhöhen - „aber nicht sehr ausgeprägt“.
Die Stadtwerke mit ohnehin hoher Aktivität wollen in der Zukunft in diesem Bereich noch mehr tun. Dabei werde die digitale Daseinsvorsorge in Bereichen verfolgt, die einen Bezug zu ihren klassischen Geschäftsfeldern haben (digitale Infrastruktur, Daten-Analyse und Sensorik). Shared-Service-Center Funktionen für die öffentliche Verwaltung bieten nur sehr wenige Stadtwerke an, diese jedoch sehr ausgeprägt. Im aktuell stark diskutierten Thema „Digitale Schule“ seien nur einzelne Stadtwerke sehr stark aktiv.
Einzelne Stadtwerke als Thementreiber
Große Unterschiede gibt es der Studie zufolge auch beim Rollenverständnis und den angegebenen Fähigkeiten. Bewerten einige Stadtwerke ihre Rolle nicht nur als Grundversorger, sondern auch als Vernetzer der Daseinsvorsorge, beschränken sich andere eher auf die „klassischen Aufgabenbereiche“, heißt es. In der Selbstwahrnehmung der Befragten sehen politische Stakeholder bei Stadtwerken durchgängig Vorteile bezüglich der Faktoren nachhaltige/zuverlässige Leistungserbringung, Bürger/-innen-Kenntnis und Bewusstsein für Datenverwendung. Beim Faktor Kompetenz für digitale Daten und Infrastruktur hingeben geben viele Stadtwerke selbst sehr niedrige Kompetenzwerte an und nur einige wenige Stadtwerke berichten von sehr hohen Kompetenzen.
Sehr differierende Vorstellungen sind laut Studie auch zu den eigentlichen Aktivitäten im Feld digitale Daseinsvorsorge zu verzeichnen. Zwar sei unbestritten, dass das Thema für alle kommunalen Gebietskörperschaften sehr hohe Bedeutung habe. Doch stelle sich die Frage, „wer das Thema digitale Daseinsvorsorge in den Gebietskörperschaften in der Zukunft zur Unterstützung der Verwaltung treibt und übernimmt, in denen die eigenen Stadtwerke hier nicht aktiv werden“. Es sei „wenig zielführend“, wenn sich zu viele isoliert im Nebeneinander auf den Weg machten und zu wenig mit Kooperationen gearbeitet würde. Einzelne Stadtwerke mit besonderen Kompetenzen könnten als interkommunaler Digitalisierungspartner und Thementreiber in den Fokus rücken.
Verhältnis zur Stadtverwaltung differiert stark
Bei den rechtlichen Rahmenbedingungen sehen zwei Drittel der Befragten einen sehr hohen Änderungsbedarf bei Gemeindeordnungen, Vergaberecht und Förderprogrammen.
Ein interessantes Ergebnis fördert die Studie bei den von den Stadtwerke-Führungskräften bevorzugten Kooperationspartnern zu Tage. Während einige Stadtwerke die eigene Verwaltung sehr stark als Partner für die Gestaltung der digitalen Transformation sehen, teilen andere Kommunalversorger diese Einschätzung gar nicht. „Die Identität und das Selbstverständnis der Top-Managementmitglieder schwanken hier sehr stark, was weitreichende Fragen für die Staats- und Verwaltungsmodernisierung aufwirft“, heißt es.
Nachholbedarf bei Universitäts-Engagement
Für die integrierte Governance von Verwaltung und kommunalen Unternehmen würden in wenigen Städten bereits „institutionalisierte Treffen von Chief Digital Officer bzw. Leiter/-innen Digitalisierung aus Verwaltung und öffentlichen Unternehmen, gemeinsame Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen und Cross Mentoring-Programme“ im größeren Umfang umgesetzt. In sehr vielen anderen Städten sei dies wiederum nicht der Fall. Auch hier wird somit großer Handlungsbedarf festgestellt.
Schließlich geht die Studie auf das Verhältnis zwischen Stadtwerken und Universitäten ein. So etablierten viele private Firmen Stiftungslehrstühle mit dem Ziel, systemrelevante Lehrinhalte zu verankern, Nachwuchstalente zu gewinnen oder Forschung zur Unterstützung der digitalen Transformation zu etablieren. Große öffentliche Unternehmen machten von diesem „sehr wirksamen Instrument“ bisher sehr wenig Gebrauch.
Top-Themen IT-Sicherheit und Cyberabwehr
„Die Bewältigung der außergewöhnlichen Problemlagen auf den Energiemärkten in Folge des Ukrainekriegs sollte in keiner Gebietskörperschaft davon abhalten, sich mit dem zentralen Thema digitale Daseinsvorsorge intensiv zu befassen“, sagte Ulf Papenfuß anlässlich der Vorstellung der Ergebnisse. Die Sicherstellung der Versorgungssicherheit müsse mit den Themen der digitalen Daseinsvorsorge und IT-Sicherheit bzw. Cyberabwehr gemeinsam gedacht werden. Von besonderer Bedeutung sei zudem, gezielt passende Kooperationspartner zu identifizieren und Kompetenzzentren zu bilden.
Aus Sicht des Netzwerkes werden regionale Hubs benötigt, in denen größere Stadtwerke die Rolle der Kompetenzzentren übernehmen können, um kleinere Stadtwerke bei der Bewältigung der Digitalen Daseinsvorsorge zu unterstützen. „Genau dort sehen wir uns auch als Partner der kleinen Stadtwerke in der Region“, erklärte Heinz-Werner Hölscher, Vorstand des Freiburger Regionalversorgers Badenova. „Wir sind an einigen Stadt- und Gemeindewerken beteiligt und können in diesem Netzwerk digitale Daseinsvorsorge verbreitern. Allgemein ist ein noch engerer Kompetenz- und Erfahrungsaustausch zwischen den Stadtwerken wichtig, um Digitalisierungsthemen effizient und mit größerem Tempo als bisher voranzutreiben“, so Hölscher.
Zehn Kommunalversorger am Netzwerk beteiligt
Das Netzwerk „Digitale Daseinsvorsorge“ wurde 2021 von zehn großen Stadtwerke Konzernen gegründet, um ein bundesweit einheitliches Verständnis von „digitaler Daseinsvorsorge“ zu schaffen. Beteiligt am Netzwerk Digitale Daseinsvorsorge sind Stadtwerke und kommunale Unternehmen aus Darmstadt, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Freiburg, Hannover, Lübeck, München, Münster und Wuppertal. (hil)
Lesen Sie zur Bewertung der Studienergebnisse das Doppel-Interview mit Jens Meier, Chef der Stadtwerke Lübeck und Tobias Brosze, Technischer Vorstand der Mainzer Stadtwerke, in der September-Ausgabe der ZfK auf Seite 4. Zum Abo geht es hier.



