Von: Alexander Neuhaus, Vice President Customer Advisory Energy & Healthcare, SAP Deutschland SE & Co.KG
Der Wunsch nach Einführung von zeit- und lastvariablen Tarifen hat unterschiedliche Ursachen. Zunächst haben wir das immer stärke Bewusstsein des Klimaschutzes. Der Verbrauch fossiler Rohstoffe soll zurückgefahren werden, was regional zu Kapazitätsengpässen führen kann. Eine dezentrale Erzeugung basierend auf erneuerbare Energien soll diese Kapazitätslücke schließen. Weiter ist der Bezug von Energie für die Konsumenten ein Grundbedürfnis. Die Verknappung führt aber zu einem Bewusstsein des sparsamen Einsatzes. Jeder – auch die Tarifkunden – möchten ihren Geldbeutel schonen.
Beim Umbau des Energieversorgungssystem müssen technische Restriktionen beherrscht werden. Spitzenlasten wirken auf Netze und Erzeugungseinheiten. Diese in den Griff zu bekommen, würde einen ressourcenschonenden Ausbau der Infrastruktur bedeuten, so dass auch diese Kosten nicht explodieren. Das wiederum sollte auch dem Verbraucher zu Gute kommen.
Lastvariable Tarife: Keine neue Erscheinung
Bereits Anfang des Jahrhunderts gab es hierzu verschiedentliche Untersuchungen. Die California Energy Commission veröffentlichte 2004 einen Report, in dem die Ergebnisse des Statewide Pricing Pilots (SPP) vorgestellt wurden. Mit der Einführung von zeit- und lastvariablen Tarifen wollte man den Anreiz schaffen, Peak-Lasten runterregulieren zu lassen. Gerade in den warmen Sommermonaten wirkte der Einsatz der Klimaanlagen erheblich auf den Verbrauch und die Belastung des Stromnetzes.
Automatische Regelungen dieser Verbraucher, gepaart mit einem tariflichen Anreiz, zeigten Erfolge. Auf Basis der 11,5 Mio. Haushalte wurde errechnet, dass man die Peak-Leistung im Netz um 1.500 – 3.000 MW reduzieren konnte. Zum Vergleich: der Kernreaktor ISAR 1 hatte eine Leistung von 880 MW, ISAR 2 von 1.400 MW.
Erzeugungs- und Verbrauchssituation ändert sich
Damals argumentierte man in Deutschland, dass man weder einen derart großen Einbau von Klimageräten hatte, sowie das Netz deutlich stärker vermascht ausgebaut ist. Mit Blick auf die letzten Jahre im Zuge des Klimawandels und der Energiewende der Politik ändert sich das. Fossile und nukleare Erzeugungseinheiten gehen vom Netz. Photovoltaik, Klimaanlagen, Ladestationen werden zugebaut.
Die Herausforderung des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage sowie der Steuerung der Netzstabilität bis hinunter in die Niederspannungsebene wird auch bei uns immer wichtiger. Die Entwicklung der Strompreise sowie deren Schwankungsbreite sind das Abbild dieser Herausforderung. So wurden im vergangenen Mai zum ersten Mal an acht aufeinanderfolgenden Tagen Strom zu negativen Preisen gehandelt. Tendenz steigend.
Daher sind Stromlieferanten nun gemäß EnWG verpflichtet, einen zeit- bzw. lastvariablen Tarif anzubieten. Je nach Anzahl belieferter Stromkunden zum jeweils 31.12. eines Jahres besteht die Verpflichtung zeitlich abgestuft. Spätestens zum 1. Januar 2025 müssen alle Lieferanten auf die Anforderung reagieren.
Was aber haben Kunden davon? Vergleich aus anderen Ländern
Feldversuche haben auch in Deutschland gezeigt, dass zu komplexe Tarife bei Endkunden kaum umsetzbar sind. Diese müssen einfach und transparent sein. Das bestätigen auch Erfahrungen aus anderen Ländern. In Australien wurden zum Beispiel bereits in den 2010er Jahren, parallel zum Smart Meter Roll Out, flexible Tarife in hoher Variantenvielfalt eingeführt. Die Kunden wünschten sich letztlich eine begrenzte Komplexität der Tarife.
Bei vielen Lieferanten sind daher Tarife mit wenigen Tarifzonen Standard. Ein 3 bis 4-Zonen Tarif scheint hier kundengerecht. Zwischen Hoch- und Niederzeit, speziellen Wochenendtarifen oder auch die temporäre Abschaltung der Ladestation in Spitzenlastzeiten sind vorstellbar. Monetäre Anreize werden hier angenommen, schaffen das Energiebewußtsein und treffen den Nerv des Sparens gerade in Zeiten hoher Energiepreise. Mit entsprechenden Tarifen sind auch negative Strompreise denkbar und für den Kunden nutzbar.
Sowohl die Erfahrungen aus dem Ausland als auch Pilotversuche in Deutschland belegen, dass es dabei allerdings nicht um die viel zitierte Waschmaschine geht. Eine signifikante, aktive Veränderung des Verbrauchverhaltens kommt bei Kunden zum Tragen, die eigene Wallboxen nutzen, mit Strom heizen, Batteriespeicher und PV-Anlagen nutzen, etc. In einem solchen Umfeld können Kunden signifikant von lastvariablen Tarifen profitieren und ihren Beitrag zur Lastverschiebung und zur Stabilisierung des Systems leisten.
Was bedeutet das für die Energieversorger?
Die technischen Voraussetzungen für Messung uns Steuerung müssen im Netz geschaffen werden. Das ist Aufgabe der Netz- und Messstellenbetreiber. Die so gewonnen Daten sind zu verteilen, wie es auch die EU in der „Durchführungsverordnung (EU) der Kommission…/... - vom 6.Juni 2023 über Interoperabilitätsanforderungen und diskriminierungsfreie und transparente Verfahren für den Zugriff auf Mess- und Verbrauchsdaten“ beschreibt.
Diese Daten sind dann von den berechtigten Marktteilnehmern aufzunehmen, zu analysieren und im Rückschluss seitens des Lieferanten auch wieder in neue, flexible Produkte zu gießen. Mit geeigneten Prozessen, die durch die IT unterstützt werden, sind diese Produkte an die Endkunden zu tragen, um schrittweise die Wende erfolgreich umzusetzen.An diesem Punkt setzt die aktuelle Nervosität bei einigen Lieferanten an. Ist das eine zusätzliche Bürde, ein Umsetzungsrisiko oder eine Chance für weitere Differenzierung und der Unterstützung neuer Geschäftsmodelle?
Welche Unternehmen schon jetzt auf dynamische Tarife setzen
Es ist nicht verwunderlich, dass Unternehmen, die im Umfeld von Energiemanagement, PV-Anlagen, Elektromobilität, etc. besonders aktiv sind, prominent auf dynamische Tarife setzen, wie Elli, 1komma5Grad, Tado, SMA, Tibber. Die dynamischen Tarife sind für den Kunden das kommerzielle Bindeglied der angebotenen technischen Komponenten und verstärken das Nutzungs- und Kaufrational immens.
Mit fortschreitender Durchdringung von Wärmepumpen, PV-Anlagen und Wallboxen wird der Markt für dynamische Tarife relevanter. Dabei sind insbesondere die typischen Einfamilienhaus- Besitzer und Nutzer angesprochen, die entsprechende Möglichkeiten zur Lastverschiebung autonom nutzen können.
Für den Lieferanten kann mit variablen Tarifen auch das Beschaffungsrisiko besser gemanaged werden. Zudem kann geschickte Tarifgestaltung die Vergleichbarkeit im Wettbewerb reduzieren.
Die System hinter den Prozessen
Wie sieht es aber mit den dahinterliegenden Systemen und der Massentauglichkeit im Abrechnungsprozess aus, so dass der Cash-Flow gesichert bleibt? Das Thema ist nicht neu in der Energiewirtschaft. Bei lastganggemessenen Kunden hatte man schon früh die Anforderungen, die Energiemengen der Zeitreihe zu zerlegen und mit unterschiedlichen Preisen zu versehen. Im Tarifkundenbereich kannte man insbesondere bei Nachtspeicheröfen die HT/NT Tarife.
Mit dem integrierten Energiedatenmanagement der SAP Abrechnungsplattform wurde bereits zu Beginn der Entwicklung auf die Leistungsfähigkeit nicht nur der Energiemengenbilanzierung sondern auch der integrierten Massen-Abrechnung geachtet. Die Zeitreihen konnten in einzelne Bestandteile (Zeitscheiben, Bänder, Peaks …) zerschnitten und über eine integrative Schnittstelle (Real Time Pricing) der Tarifierung und Abrechnung zugeführt werden. Diese Schnittstelle ist sehr flexibel, so dass den rLM-Kunden aufgrund ihrer Zeitreihen maßgeschneiderte Produkte angeboten und abgerechnet werden konnten.
Anpassungen von SAP in den Prozessen
Mit dem weltweiten Smart Metering kamen derartige Anforderungen auch auf den Tarifkundenbereich zu. Auch wenn in anderen Märkten die Abrechnungsflexibilität bereits umfänglich für Privatkunden genutzt wurde, um zum Beispiel neben lastvariablen Tarifen Mengenpakete für eine Heizsaison anzubieten, kommen hier eher standardisierte Produkte zum Tragen. Diese Produkte unterteilen in der Regel zwei bis vierTarifzonen. Zudem hat man es mit der Herausforderung der Massenabrechnung und der Produktpflege zu tun.
SAP hat darauf reagiert und die oben beschriebene Schnittstelle in eine ToU-Schnittstelle (Time of Use) neu konfiguriert. Sehr einfach können für einen eingehenden Lastgang Zonen definiert und die so entstehenden Produkte den Kunden zugeordnet werden. Bereits vor zehn Jahren wurden mit diesem Lösungsansatz Tests durchgeführt, die zehn Millionen Zeitreihen und Kunden verarbeiten konnten. Im rollierenden Verfahren sind so für 500.000 Anlagen/Tag über vier ToU-Tarife Validierungen und Abrechnungen erstellt worden. Seither ist diese Form der Tarifierung weltweit erfolgreich im massengeprüften Einsatz.
Spezielle Entwicklung für Deutschland
In Deutschland wurde der Tarifierungsansatz weiterentwickelt. Das BSI ging von einer Datensparsamkeit bei der Verteilung der Messwerte aus und wollte eine Vortarifierung mittels Tarifanwendungsfällen (TAF’s) auf den Smart Meter Gateways durchführen. Je nach TAF werden Register angelegt, die die Messwerte speichern. Das erfordert effiziente Prozesse, um dem Gateway diese Anforderungen gesichert mitzuteilen.
SAP entwickelte hierzu in der Abrechnungsplattform das Konzept eines Messproduktes, das das Anlegen und Verproben auf Richtigkeit von Messaufgaben bis hin zur Konfiguration der Register und OBIS-Kennzahlen effizient ermöglicht. Diese Anforderungen an das Messprodukt werden dann über moderne Schnittstellen (Webservices) an die Vorsysteme übergeben, so dass der Gesamtprozess über alle beteiligten Systeme in einer heterogenen Landschaft funktioniert.
SAP-Abrechnungsplattform
Die aktuelle SAP Abrechnungsplattform basierend auf SAP S/4HANA Utilities bedient neue Anforderungen zur Abbildung zeit- und lastvariabler Tarife prozesseffizient, performant und gemäß der Regulatorik. Die Offenheit dieser Plattform erlaubt auch die modulare Einbindung von SAP- und Partnerlösungen, die u.a. über die SAP Industry-Cloud angeboten werden. Die Lösungen unterstützen in der Preisbildung, in der Kommunikation mit dem Endkunden oder gar in der Verbrauchsoptimierung beim Kunden.
Anbieter solcher Lösungen, die bereits mit SAP-Systemen arbeiten sind zum Beispiel Endios, Enytime.green oder Solarize. Dem Endkunden kann mit App’s auf seinem Smartphone die Möglichkeit der Verbrauchs- und Kostenkontrolle gegeben werden. Vorteil für den Lieferanten ist ein intuitiver, ständiger und kostengünstiger Kommunikationskanal zum Endkunden.
So kann jedem Lieferanten mit der Plattform individuell eine Lösungsarchitektur angeboten werden, die der dem eigenen Geschäftsmodell Rechnung trägt.
Wie geht es weiter?
Dynamische Tarife sind ein zwingender Baustein der Energiewende. Eine massentaugliche Umsetzung erfordert eine effiziente, kunden- und anbietergerechte Digitalisierung des gesamten Prozesses – am besten bis hin zur automatisierten Steuerung der großen Verbraucher im Haus, um Physik mit Ökonomie zu verbinden. Die technologische Umsetzung der Tarife in weit verbreiteten Abrechnungssystem, wie SAP S/4HANA Utilities, ist langjährig stabil erprobt. Eine zunehmende Zahl von Softwareanbietern liefert bereits ergänzende, integrierbare Lösungen, die insbesondere die Kommunikation mit dem Kunden und die Transparenz unterstützen.
In anderen Märkten, ebenso wie in den Vorgaben des EnWG, hat sich eine maximale Variabilität, mit der damit verbundenen Komplexität, nicht etabliert. Die Anforderungen der Kunden und der Regulatorik sind heute umsetzbar. Die Frage bleibt, welches Geschäftsmodell der jeweilige Lieferant forcieren möchte und dafür seine eigene Produkt- und Tariflogik entwickelt, die gegebenenfalls über die regulatorischen Anforderungen hinaus gehen. Die Antwort hängt im Wesentlichen an den bedienten Kundensegmenten und der Produkt- und Geschäftsstrategie des Lieferanten.
Da sich der Markt noch in der Entwicklung befindet ist es schwer möglich, die mittelfristig beste Antwort auf die Art der Umsetzung, die Produktgestaltung und die Strategie zu haben. Offene, flexible Architekturen ermöglichen, kosten- und aufwandsreduziert, im realen Markt zu testen und sein Geschäftsmodell evolutionär zu entwickeln und die sich ergebenden Chancen bestmöglich zu nutzen. (sg)


