Görlitz-Vorstand Jörg Figge und Leiter Produktmanagement Christian Dietzel sehen heute schon  Anwendungsfälle im Bereich Submetering, die sich lohnen.

Görlitz-Vorstand Jörg Figge und Leiter Produktmanagement Christian Dietzel sehen heute schon Anwendungsfälle im Bereich Submetering, die sich lohnen.

Bild: © Görlitz

Herr Figge, Görlitz bietet eine vom BSI freigegebene Sub‐CA und betreibt gleichzeitig eine Plattform zur Gateway-Administration. Was ist das besondere an dieser Kombination? Immerhin gibt es inzwischen 35 zertifizierte Smart-Meter-Gateway-Administratoren…
Görlitz-Vorstand Jörg Figge: Der Markt für Anbieter von GWA-Produkten oder Dienstleistungen ist mittlerweile stark fragmentiert. Unseren Kunden ist es wichtig eine Lösung über die gesamte Prozesskette hinweg nutzen zu können. Angefangen bei der Erfassung von Messdaten auf der Feldebene, über den aktiven Externen Marktteilnehmer bis hin zum GWA, inklusive CA-Lösungen und dem damit einhergehenden kostengünstigen Bezug von Zertifikaten. Außerdem ist alles auf die individuellen Betriebsmodelle zugeschnitten: On Premise, SaaS oder als BPO. Die von uns betriebene Sub-CA wird zeitgleich vom gleichen Hersteller geliefert, wie die Root-CA des BSI. Der Kunde kann also sicher davon ausgehen, dass das Handling und die Zertifikate selbst einwandfrei funktionieren, beziehungsweise keine Schnittstellenprobleme zu erwarten sind.

Wie bewerten Sie die Verzögerungen des Rollouts? Glauben Sie noch an eine Markterklärung in diesem Jahr?
Figge: Angesichts der Potenziale die mit einem Smart Meter beziehungsweise dem Rollout intelligenter Messsysteme gehoben werden könnten ist die Entwicklung der letzten Jahre sehr bedauerlich. Nur zwei Beispiele: Allein das Ziel einer großflächigen Elektrifizierung des Individualverkehrs lässt sich ohne die Digitalisierung auf der Verteilnetzebene nicht erreichen. Auch die weitere Förderung und der Ausbau dezentraler Energieerzeugungsanlagen erfordern einen höheren Digitalisierungsgrad in kürzerer Zeit. Was im Übrigen den Mehrwert der Tarifanwendungsfälle über eine SMGW-Infrastruktur angeht, da darf man skeptisch sein. Davon sind heute nicht einmal 30 Prozent entwicklungstechnisch realisiert.

Herr Dietzel, manche sagen inzwischen, dass der Rollout scheitern wird, weil das Smart-Meter-Gateway zu spät auf den Markt kommt und es inzwischen zu viele parallele Lösungen gibt. Wie sehen Sie das?
Christian Dietzel, Bereichsleitung Produktmanagement / Geschäftsfeldentwicklung: Die institutionellen Zwänge einerseits und die geleisteten Investitionen andererseits, auf jeder Wertschöpfungsstufe, angefangen auf Bund- und Länderebene über die Hersteller im Hard- und Softwarebereich bis zur Kundenebene, sind sehr hoch und lassen ein Scheitern per Definition fast nicht zu. Allerdings wird die Markterklärung nicht zuletzt durch immer wieder neue Anforderungen, die im Übrigen niemals Bestandteil einer Kosten-Nutzen-Analyse waren – Beispiel SiLKe –, immer weiter verzögert.
So sucht der Markt nach Alternativen, mit denen Kundenmehrwerte und unternehmerisches Wachstum generiert werden können. Konkrete Lösungen gibt es bereits. Auf technisch höchstem Niveau etwa in den Bereichen Submetering und Quartiere – hier vor allem mit unmittelbaren betriebswirtschaftlichen Nutzen für die Kunden.

Wie gehen Sie mit der Verzögerung um?
Figge: Wir haben die Zeit genutzt und unsere Kompetenzen rund um das Thema „Daten“ in nichtregulierte Märkte einerseits und international andererseits skaliert. So können die angebotenen Lösungen heute Daten und Messwerte nicht nur aus Industriezähler- und Smart Meter Infrastrukturen erfassen und verarbeiten. Auch Sensordaten aus Submetering- und IoT-Infrastrukturen, etwa von Energieanlagen, Rauch- oder Leckagemeldesystemen oder andere Umweltdaten, wie Lärm oder Füllstände, können sicher empfangen, qualifiziert und aufbereitet werden. Unsere Daten-Analysetools dienen außerdem einer operativen Prozessoptimierung. Darüber hinaus nutzen  unsere Kunden die Analyseergebnisse auch als Basis zur Erschließung neuer Geschäftsfelder.

Herr Figge, Sie bieten unter Ihrer Marke Vivavis eine eigene IoT-Lösung?
Figge: Mit der fortschreitenden Digitalisierung werden Milliarden von smarten Komponenten im Internet of Things (IoT) miteinander verbunden sein und kommunizieren. Die Möglichkeiten sind unzählig, die Datenmengen riesig. Ihre Beherrschbarkeit ist aufwändig und komplex. Sie erfordert daher ganzheitliche und gleichzeitig technisch modulare Lösungen. Um die Mehrwerte des IoT zu nutzen, sind Lösungen über die Grenzen der eigenen Domänen hinweg erforderlich.

Hier setzen wir mit Vivavis an. Es handelt sich hier um einen modularen Lösungsbaukasten, der den Kunden von der Feldebene, über die Datenplattformebene zur Fachanwendungsebene, etwa  im Bereich Energie- und Umweltmanagement, bis hin zum Endkundenportal oder der Abrechnung unterstützt. So verknüpfen wir ein intelligentes Kapazitätsmanagement auf Mittel- und Niederspannungsebene mit den Umwelt- und Aggregatsdaten aus dem Quartier und managen die verbaute Feldtechnik, Sensorik und Aktorik gleichzeitig n einem geogestützten Asset Management. Letzteres bedient sich dabei modernster Analytik, beispielsweise in Form von Predictive-Maintenance-Ansätzen.

Zum Erfassen der IoT-Sensoren kommt bei Ihnen vor allem LoRaWAN zum Einsatz?
Dietzel: IoT ist ein sehr weit gefasster Begriff und eindimensionale Angebote, etwa nur auf LoRaWAN-Basis, werden dem Internet of Things nicht gerecht. Für uns bedeutet IoT, dass wir bei der Verarbeitung von Daten keine proprietären Schnittstellen verwenden, sondern die ganze Welt des IoT – angefangen von LoRa, über NB-IoT, SigFox oder anderen Kommunikationsvarianten oder Industriestandards – abbilden. Niemand von uns kann heute sagen, ob sich ein dediziertes Kommunikationsverfahren am Ende durchsetzen wird. Eher wird es vielleicht einen bunten Mix unterschiedlichster Verfahren geben, da auch jede Variante Vor- und Nachteile besitzt und man individuell, je Szenario oder je Anwendungsfall schauen muss, welches Kommunikationsmittel zum gewünschten Ziel führt.

Was können Sie schon umsetzen?
Dietzel: Die Anwendungsfälle sind äußerst unterschiedlich und immer fallbezogen. Angefangen von der Erfassung von Umweltdaten, wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Licht, Bewegung, Regen, NOx oder CO² über Schacht-Monitoring, Füllstandsmessungen, Parkraumsensorik bis hin zu komplexeren Anwendungsfällen, die sich in Industriegebäuden abspielen.
So stellt zum Beispiel eine große Wohnbaugesellschaft aus dem Raum Berlin für die Bewohner eines Quartieres die gesammelten Umweltdaten zentral auf Abruf webbasiert zur Verfügung, so dass stets ein Überblick über die hoffentlich guten Luft-, Licht- und Lärmwerte aufgezeigt werden kann.

Im Industriebreich gibt es Projekte, in dem Füllstände großer Tanks mit Hilfe von Füllstandssensorik überwacht werden. Die Ansteuerung von Tankaufträgen erfolgt im Nachgang an automatisierte Alarmmeldungen. Letztlich gibt es aber auch Retro-Fit-Ansätze, die Öltanks im Keller mit moderner IoT-Füllstandssensorik ausstatten, um den bislang sehr fehler- und reparaturanfälligen Schwimmern den Garaus zu machen. Das gleichzeitige Monitoring von energetischen Anlagen, wie Blockheizkraftwerke sowie deren Optimierung und gegebenenfalls die gleichzeitige Anbindung einer Gebäudeleittechnik, runden dann das Bild ab.

Spannend ist dabei, dass all diese „IoT-Mehrwert-Anwendungsfälle“ sich häufig bereits über einen einzelnen Enabler – Use Case, nämlich Submetering, auf Basis eines Smart Building Gateways, kaufmännisch rechnen lassen. So macht IoT und Digitalisierung Spaß!

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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