Zwar haben viele Unternehmen schon mit der Automatisierung ihrer wichtigen Geschäftsprozesse begonnen, etwa bei Abrechnungs-, CRM—oder Assetmanagement-Systemen, das digitale Kundenerlebnis sei aber demgegenüber bei Stadtwerken noch nicht besonders weit entwickelt, sagt Guido Wendt, Leiter des Sektors Energy & Utilities Deutschland bei Capgemini.
Den geringsten Reifegrad sieht das Beratungsunternehmen aktuell bei der Datennutzung – sei es für datenbasierte Geschäftsmodelle oder im Vertrieb und Kundenservice zur individualisierten Ansprache von Kunden. „Die Möglichkeiten, die sich aus dem großen „Datenschatz“ ergeben, werden heute nicht systematisch genutzt“, so Wendts Fazit.
Hemmnisse bei der Digitalisierung
Schwierigkeiten bei der Digitalisierung macht Stadtwerken etwa das Fehlen einer digitalen Agenda, die nicht überall konsequent formuliert sei, sagt Dirk Stieler, Partner bei Axxcon und EVU-Experte. Daraus folgen fehlende Verknüpfungen von Unternehmens- und Digitalstrategie sowie falsche oder fehlende Vorgaben zur praktischen Umsetzung.
Mehrfach mangle es auch am entscheidenden Mut, Digitalisierungsprojekte wirklich anzugehen. „Schließlich führen diese nicht selten zu Veränderungen in der Organisation: Prozesse und Teams sind neu zusammen zu setzen“, so Stieler.
Fachkräftemangel und Ressourcenverfügbarkeit
Echte Hemmnisse macht der Axxcon-Berater auch bei der Ressourcenverfügbarkeit und im Fachkräftemangel aus. Sinnvolle Alternativen seien hier Kooperationsmodelle.
Ähnlich sieht es Andre Schönberger, Director - Energy Process & IT Transformation bei PWC: Oftmals hemmen traditionelle Denk- und Verhaltensmuster umfangreiche Digitalisierungsinitiativen. „Des Weitern können neue und komplexe Fragestellungen der IT-Sicherheit Digitalisierungsprojekte vor allem im KRITIS-Kontext erschweren“, sagt Schönberger.
Entsprechende regulatorische Hürden müssen ihm zufolge beseitigt werden. Zudem sei es in der aktuellen Regulierung für Netzbetreiber deutlich einfacher und profitabler in zusätzliche Netzkapazitäten anstelle von Digitalisierungsmaßnahmen zu investieren.
IT-Sicherheit entscheidend bei Digitalisierung
Stieler von Axxcon betont ebenfalls die Schwächen in Bezug auf IT-Security. „Diese Kenntnisse gehören zu den absoluten Basics der Digitalisierung und sind von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, IT-services sicher und nachhaltig nutzbar zu machen. Leider interessieren sich Fachbereiche nicht immer ausreichend für die Risiken, die sich aus einem mangelndem Sicherheitsbewusstsein ergeben können“, so sein Fazit.
IT-Sicherheit koste, entsprechende Budgets würden in solchen Projekten allerdings gern „vergessen“. Auch hier gelte: „Man muss nicht alles selbst machen. Erfahrene und zertifizierte IT-Dienstleister sind hier eine gute Alternative, um möglicherweise intern fehlendes Expertenwissen zu kompensieren und wirtschaftlichen Schaden langfristig abzuwehren“, rät Stieler.
Digitalisierung kostet Geld
Allein zur Erneuerung ihrer IT-Landschaft benötigen Stadtwerke erhebliche Finanzmittel, erläutert Guido Wendt von Capgemini. Bei alternativen Investitionsprojekten führe das schnell zu Engpässen und kann die Modernisierung der digitalen Infrastruktur verzögern.
„Mehr Freiheit zu entsprechenden Investitionen können EVUs durch das Nutzen gemeinsamer Plattformen – zumindest für Standardprozesse – erlangen“, so Wendts Ratschlag.
Mitarbeiter mitnehmen
Wichtig sei es auch, die Mitarbeiter für die Chancen und Veränderungen durch die Digitalisierung zu begeistern. „Unserer Erfahrung nach ist das ein häufig unterschätzter, aber sehr wichtiger Punkt. Erst wenn das gelingt, wird in den Unternehmen nicht mehr über das Ob und Warum diskutiert – dann fokussieren sich die Mitarbeiter auf das Wie!“
Auch Klaus Kreutzer, Geschäftsführer von Kreutzer Consulting, verweist darauf, dass die Mitnahme der Belegschaft ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Digitalisierung sei. „Ein gutes Veränderungsmanagement im Unternehmen muss bei den Stadtwerken integriert sein, um die Digitalisierung erfolgreich zu gestalten.“
Verstärkt werde die Relevanz und die Mitnahme der Belegschaft auch durch die Notwendigkeit von finanziellen und reputativen Anreizen, um relevantes Know-how bei einem Stadtwerk einzubringen. Schließlich schlage sich auch hier der latente Fachkräftemangel nieder.
Ängste der Mitarbeiter
Zudem, so Kreuzer, Menschen neige dazu, Veränderungen – so notwendig sie auch sein mögen –, erst einmal skeptisch gegenüber zu stehen. „In Verbindung mit der Digitalisierung wird immer wieder von Effizienzsteigerung, Kontrolle und natürlich Kostensenkung gesprochen, was letztlich auch mit dem Verlust von Arbeitsplätzen verbunden sein wird. Dies hindert den ein oder anderen vielleicht daran, die Digitalisierungsprojekte mit der nötigen Konsequenz zu gestalten und umzusetzen, unterstreicht Kreutzer das Dilemma.
Digitalisierungsprojekte sind komplex
Als weiteren Hemmschuh sieht Kreutzer die Komplexität von Digitalisierungsprojekten. Möchte man Digitalisierung ganzheitlich begreifen, müsse man zuerst die Zusammenhänge und Wechselwirkung zwischen verschiedenen Prozessen aufdecken und die Prozesse erst einmal digital-ready designen. „Im Prinzip müssen alle Geschäftsprozesse neu gedacht und verknüpft werden, sonst droht das Digitalisierungsprojekt zu scheitern, bevor man richtig angefangen hat. Das ist aufgrund der vielen Interdependenzen schwierig und mit hohem Aufwand verbunden“, so Kreutzer.
Prozesse und Geschäftsmodelle sollten noch stärker vom Kunden her gedacht werden. „Erst mit diesem Perspektivwechsel wird es glingen, die Potenziale, die in den Datentöpfen der Stadtwerke liegen, wertbringend zu erschließen und sich so erfolgreich im Wettbewerb mit den bereits datengetriebenen Unternehmen zu positionieren. Richtig gemacht, ermöglicht die Digitalisierung den Stadtwerken deutlich mehr Kundennähe und Profitabilität, ist sich Wendt sicher.
Chancen für Stadtwerke
Kreutzer sieht daher wesentliche Potenziale in der Vernetzung bislang getrennter Geschäftsfelder und Prozesse, die etwa den Nutzungskomfort der Kunden deutlich erhöhen.
Zugleich entstehe durch die Vernetzung dezentraler Erzeuger und Verbraucher sowie Speichern immense Potenziale, lokale Energiesysteme aufzubauen, die über einen hohen Autarkiegrad zu einer Stabilisierung des Netzes und damit auch zu einer Kostensenkung beitragen.
„Chancen ergeben sich für Stadtwerke vor allem in den Geschäftsfeldern, in denen Regionalität und die kommunale Daseinsvorsorge eine Rolle spielen. Interesant sind aber auch neue Geschäftsmodelle, die auf die Wohnungswirtschaft abzielen. Das können Smart-Meter- oder Submetering-basierte Anwendungen oder stadteigene IoT-Funknetze (LoRaWAN) sein“, empfiehlt Kreutzer.
Schneller Einstieg in Daten-Themen nötig
Ähnlich sieht es auch Guido Wendt von Capgemini: „Stadtwerke können sich durch die Digitalisierung kosteneffizient aufstellen, Kunden individuell erreichen und sehr spezfisiche Produkte anbieten – aber auch Innovationen leicht lokal testen oder gegebenenfalls optimieren und sie schneller auf den Markt bringen. „Das fördert die Verzahnung mit den Kunden, hilft den Stadtwerken profitabel zu bleiben und macht es zukunftssicher“, so Wendt.
Ihm zufolge profitieren Stadtwerke stark von datenbasierten intelligenten Techonlogien. Ob sie allerdings schnell genug in Daten-Themen einsteigen können und werde, wird sich zeigen. Große Chancen würden intelligente Lösungen etwa bei Steuerungsfragen zum Ausgleich dezentraler Energieeinspeisung und -speicherung oder bei der Entwicklung von smarten Quartiers-Wärmelösungen mit dem Internet der Dinge bieten.
Digitalisierung stärkt Position im Zusammenspiel mit kommunalen Gremien
Schönberger von PWC betont dass sich mit der Digitalisierung der Weg zum ganzheitlichen Infrastrukturanbieter in der eigenen Kommune oder Region öffne. Schon heute ist das Stadtwerk in der Wahrnehmung der Bürger der lokale Betreiber von Netzen und Ansprechpartner bei Störungen. "Wenn es gelingt, das EVU auch als den Betreiber einer digitalen Infrastruktur zu positionieren, kann es damit glaubwürdig seine Position im Zusammenspiel mit den kommunalen Gremien stärken", sagt Schönberger. (sg)

