Herr Seitz, BayWa r.e. Energy Ventures investiert gerade vermehrt in Start-ups – beispielsweise Blixt und Raycatch. Was versprechen Sie sich von diesen Beteiligungen? Welches Potenzial sehen Sie in diesen Energie-Startups?
Nicht nur gerade. Das Eingehen von Minderheitsbeteiligungen an innovativen Startups ist fest in unserer Unternehmensstrategie verankert, um neue Geschäftsmodelle hautnah kennenzulernen. Und das ist auch nötig: Unsere immer digitaler werdende Wirtschaft und Gesellschaft verbrauchen mittlerweile zehn Mal mehr Strom als noch vor 50 Jahren. Gleichzeitig haben sich auf der internationalen Klimakonferenz in Paris erstmals alle Staaten dazu verpflichtet, die Weltwirtschaft auf klimafreundliche Weise zu verändern. Die Akteure der Energiewirtschaft sind also geforderter denn je! Und genau da kommen Start-ups ins Spiel. Mit ihren frischen, innovativen Ideen setzen sie wertvolle Impulse, ohne die – davon bin ich fest überzeugt – die Energiewende wesentlich langsamer voranschreiten würde.
Unsere beiden Portfolio-Neuzugänge Raycatch und Blixt sind dafür die besten Beispiele. Raycatch hat eine hochinnovative Softwarelösung entwickelt, die als erste im Solarbereich Künstliche Intelligenz zur Analyse und Vorhersage möglicher Störfälle verwendet. Diese Innovation hat das Potenzial, den PV-Markt zu revolutionieren und die Solarerträge erheblich zu steigern. Eine ähnlich radikale Innovation mit sehr hohem disruptivem Potenzial hat Blixt zu bieten. Die digitale Sicherung eröffnet eine Vielzahl an Möglichkeiten – von der Echtzeitmessung, über Smart Metering bis hin zum Grid Management und neuen kundenzentrierten Geschäftsmodellen für Energieversorger.
Welche Vorteile ergeben sich für kommunale Anbieter konkret?
Die KI-gestützte Vorhersage und Analyse möglicher Zwischenfälle und Störfaktoren von Raycatch ermöglicht Anlagenbesitzern eine vorausschauende Wartung und die Erzielung eines höheren Energieertrags sowie eine deutliche Profitabilitätssteigerung der Anlagen. Da PV-Anlagen zu einem sehr hohem Prozentsatz fremdkapital-finanziert sind, hat jede wenn auch nur minimale Steigerung auf der Ertragsseite eine enorme Auswirkung auf die Profitabilität der Anlage als Investment. Das gilt selbstverständlich auch für kommunale Anbieter: Sie profitieren durch die optimierte Analyse und Wartung von einer gestiegenen Profitabilität und Rentabilität ihrer Anlagen, was sich wiederum positiv auf ihre Kunden auswirkt, denen sie so beispielsweise langfristig günstigeren Grünstrom anbieten können.
Auch die Sicherung von Blixt bietet Vorteile für kommunale Anbieter: Dank der intelligenten Steuerung können Preise und Tarife bedarfsgerecht gestaltet werden, womit Blixt die Basis für Demand-Response-Programme und eine intelligente Netzsteuerung schafft. Die Kunden der Anbieter wiederum profitieren von einem intelligenten Schaltzentrum für das Energiemanagement, das einfach nachgerüstet werden kann und die Funktionen von existierenden Sicherungen, Fernsteuerungen und intelligenten Zählern in einem einzigen Gerät vereint.
Mit Blixt haben Sie ein schwedisches Start-up, mit Raycatch ein israelisches. Eignen sich beide Produkte auch für den deutschen Markt? Werden hier auch alle wichtigen Standards und Normen erfüllt?
Das ist im stark regulierten Energiemarkt natürlich ein zentraler Punkt. Bei Raycatch ist die Anwendbarkeit für den deutschen Markt bereits uneingeschränkt gegeben. Blixt befindet sich in einer deutlich früheren Entwicklungsphase und bereitet sich derzeit intensiv auf die Zertifizierung durch verschiedene Pilotprojekte vor.
Was kann Bay Wa r.e. von der Start-up-Kultur lernen? Und umgekehrt?
Etablierte Unternehmen im Energiesektor sind wichtig – sie stabilisieren das Gesamtsystem. Trotzdem können sie viel von innovativen Start-ups lernen, beispielsweise im Bereich Risikobereitschaft. Das gilt auch in der Mitarbeiterführung. Denn auch langjährige Mitarbeiter brauchen Raum für neue Ideen. Nur so kann Fortschritt in den eigenen Reihen stattfinden. Im Gegenzug bieten wir Start-ups ein sicheres, finanziell stabiles Umfeld mit vielen bestehenden Kunden innerhalb des BayWa r.e.-Netzwerks. So profitieren sie bei Bedarf von unserer Branchenexpertise, Infrastruktur und Vertriebspower – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.
Die Fragen stellte Stephanie Gust


