Herr Stoffelsma, Hausheld wirbt für den sogenannten Vollrollout, das heißt, es werden auch intelligente Messsysteme bei Kunden unter 6000 kWh eingebaut. Warum sollten Messstellenbetreiber diese Strategie verfolgen?
Ganz Europa installiert bereits Smart Meter für die Energiewende. In Deutschland gelten Smart Meter bei Kunden über 6000 kWh bisher schon als wirtschaftlich und müssen verpflichtend verbaut werden. Bei kleineren Verbrauchern sind intelligente Messsysteme nur zu geringeren Kosten wirtschaftlich, der Gesetzgeber schützt den Kunden mit Preisobergrenzen, die auf Basis des zu erwartenden Kundenvorteils festgelegt wurden. Ein Vollrollout macht Smart Meter entscheidend wirtschaftlicher: Die Montage erfolgt von Straße zu Straße und von Haus zu Haus. Ein Smart Meter Gateway nutzt Hausheld immer für mehrere Kunden gemeinsam. Die Sim-Karten werden preiswerter und die Rechenzentren arbeiten wirtschaftlicher, wenn sie die neuen Prozesse gleich für alle Kunden automatisieren. Der Vollrollout ist ganz nachvollziehbar so wirtschaftlich, dass er das Stadtwerk weniger kostet, als die Preisobergenzen an Erlös bringen.
Verbraucher unter 6000 kWh sind eigentlich gar nicht beim Pflicht-Rollout vorgesehen…
Der Gesetzgeber hat diese Möglichkeit bewusst offen gelassen: Neben der ungeliebten Einbauverpflichtung nach §29(1) MsbG für Kunden ab 6000 kWh Jahresverbrauch hat er den grundzuständigen Messstellenbetreibern mit dem §29(2) bewusst die Chance gelassen, auch bei Kunden unter diesem Verbrauch die Technik einzuführen, allerdings mit geringeren Preisobergrenzen. Knackt man diese, ist das die Chance für Stadtwerke, die Digitalisierung quasi zu Nullkosten stadtweit zu organisieren. Strategisch hat das einen großen Vorteil: Weil die Smart Meter Gateways noch viel mehr können, als nur Stromzähler zu schützen, ist der Vollrollout der optimale Einstieg in eine nachhaltig sichere Smart City: von E-Mobilität bis zur Steuerung der Nachtspeicherheizungen und der Straßenbeleuchtung; das Gateway kann die Infrastruktur für eine smarte Stadt auf höchstem Niveau sichern. Das Bundeswirtschaftsministerium zeigt das in seiner Digitalisierungsstrategie vom Februar auf. Das Stadtwerk hat jetzt die Chance, die Digitalisierung seiner Stadt anzuführen. Sonst macht es übrigens sehr sicher jemand anderes.
"Wer heute ‘moderne Messeinrichtungen’ ohne Datenkommunikation über ein Smart Meter Gateway einbaut, wettet darauf, dass die Digitalisierung gar nicht kommt. Das halte ich für ein enormes Risiko, die Digitalisierung zu verpassen."
Sie sagen Ihre Kunden können in 24 bis 36 Monaten beim Vollrollout mit intelligenten Messsystemen ausgestattet werden. Das ist sehr ehrgeizig.
Bei einem Vollrollout unterscheiden sich die Installationen nicht mehr. Wir fassen alle Turnuswechsel und den straßenweisen Rollout optimal zusammen. Unsere Monteure arbeiten gemeinsam mit den Monteuren der Stadtwerke und können sehr effizient installieren. Bei einem einheitlichen Rollout sind nicht nur die Kosten geringer, die Geschwindigkeit ist auch viel höher, wenn wir alle Zähler in einem Haus wechseln, statt nur einzelne Zähler über 6.000 kWh.
Wir haben uns einfach auf das Ziel optimiert, möglichst schnell zu digitalisieren und darauf auch unsere Prozesse ausgerichtet. Ich bin der festen Überzeugung, dass nur ein schneller Rollout den Stadtwerken hilft, im kommenden Wettbewerb mit der Wohnungswirtschaft zu bestehen. Wer darauf wartet, dass ihn die Immobilienverwalter nach einem Liegenschaftsmodell anfragen, wird ab 2021 gegen hierauf spezialisierte Anbieter verlieren. Wer heute "moderne Messeinrichtungen" ohne Datenkommunikation über ein Smart Meter Gateway einbaut, wettet darauf, dass die Digitalisierung gar nicht kommt. Das halte ich für ein enormes Risiko, die Digitalisierung zu verpassen. Wenn nächstes Jahr die Energieeffizienzrichtlinine EU 2018/2002 in nationales Recht überführt wird, kommt ein enormer Druck auf die Digitalisierung der Wohngebäude. Es bleibt uns schlicht nichts anderes übrig, als gemeinsam mit Stadtwerken möglichst schnell loszulegen; wer die Strukturen von Stadtwerken kennt, weiß, dass das durchaus eine große Aufgabe ist. Gerade die Shared-Service-Abteilungen sollten uns als Partner für ihren eigenen Erfolg nutzen.
"Unser Funksystem war die entscheidende Idee, um die Systeme wirklich anwendbar zu bekommen und alle Folgeprozesse zu vereinfachen und billiger zu werden. Wir haben es einfach ganz anders angepackt als alle anderen."
Neben den Stadtwerken Saarlouis sind Sie Messstellen-Dienstleistunger für weitere Versorger…
Wir haben bis zur Markterklärung in zahlreichen Städten Pilotinstallationen fertiggestellt: Sie finden unsere Technik beispielsweise in Monheim am Rhein oder in Bochum oder in Schwerte. Da geht es teilweise schon nicht mehr um das reine Messen, sondern schon um die ersten Steuerungsaufgaben in einer Zeit nach Rundsteueranlagen. In Monheim steuern wir heute Straßenbeleuchtung und die Stadt weiß, dass sie mit den Gateways auch immer die IT-Security des BSI eingebaut bekommt. In Schwerte und in Bochum gibt es viele Nachtspeicher, die künftig netzdienlich geschaltet werden sollen. Das geht alles nur mit intelligenten Messsystemen und genau darauf haben wir uns spezialisiert.
Sie haben eine spezielle Lösung beim Metering entwickelt, die bisher kein anderer Dienstleister einsetzt. Könnten Sie uns Ihr Vorgehen kurz schildern?
Wir haben mit namhaften Herstellern wie Itron oder Theben mehrere Jahre daran gearbeitet, die Systeme wirtschaftlicher, praxistauglich und benutzerfreundlich zu machen. Das BSI Schutzprofil beschreibt den Rahmen, im dem wir uns bewegen. Das BSI hat uns immer wieder beraten und die geltenden Anforderungen erläutert. Das Herzstück unserer Lösung ist natürlich unser einzigartiges Funksystem. Das ist der Game-Changer: Wir vernetzen die Zähler statt per Kabel über unser TLS-fähiges Funksystem mit den Gateways. Jeder Zähler kann dabei auch Daten weiterleiten und so baut sich ein stadtweites Funknetz auf. Dadurch können wir die Gateways in der Infrastruktur der Stadtwerke verbauen, in der Regel in den Ortsnetzstationen. Von dort aus fragen die Smart Meter Gateways alle Zähler entsprechend ihren jeweiligen Tarifanwendungsfällen ab. Anschließend werden die Daten von den Gateways zentral bis zu den Gateway-Admin-Systemen übertragen. Dafür nutzen wir LTE oder UMTS-Verbindungen oder wo das geht, auch Glasfaseranschlüsse bzw. das 450-MHz-Netz, wenn ein Stadtwerk sich dort engagiert hat. So wird die Technik beherrschbar, wir können 24/7 Wartungsarbeiten und Entstörungen vornehmen, ohne den Kunden zu behelligen. Unser Funksystem war die entscheidende Idee, um die Systeme wirklich anwendbar zu bekommen und alle Folgeprozesse zu vereinfachen und billiger zu werden. Wir haben es einfach ganz anders angepackt als alle anderen, dabei hat das BSI unsere Idee 2014 schon auf Seite 17 und in Fußnote 31 des Protection Profiles für die Smart Meter Gateways für jedermann beschrieben.
"Das BSI hat uns schon vor vier Jahren in ersten Gesprächen Mut gemacht, unsere Lösung weiter zu verfolgen und das Schutzprofil als Lösungsraum für viele Umsetzungen der geforderten Schutzziele zu sehen."
Apropos BSI: Auf den Metering Days vergangenes Jahr gab es Stimmen, dass Ihre Lösung nicht BSI-konform sei. Inzwischen hat sich die Haltung der Behörde geändert: "Bieten Ortsnetzverteilerstationen, Transformatorengebäude und Telekommunikationsverteilstationen über den MSB den Letztverbrauchern Zugang, sieht das BSI die Bedingungen erfüllt", heißt es jetzt. Wie kam es zu dieser veränderten Sichtweise?
Das BSI hat uns schon vor vier Jahren in ersten Gesprächen Mut gemacht, unsere Lösung weiter zu verfolgen und das Schutzprofil als Lösungsraum für viele Umsetzungen der geforderten Schutzziele zu sehen. Vieles liegt an der richtigen Fragestellung, das BSI bewertet immer nur Vorschläge, die vom Hersteller erdacht werden müssen. Wir haben vermutlich beharrlicher als andere nach sicheren Wegen gesucht, die im Schutzprofil beschriebenen Anforderungen zu erfüllen. Auch wir standen immer wieder vor neuen Aufgaben.
Bei Hausheld arbeiten aber auch besonders viele Mitarbeiter, die die Lösung des BSI schon lange gut finden, weil sie Datenschutz und Cybersecurity ohnehin als Qualitätsmerkmale guter Lösungen verstehen. In den Aufsichtsrat haben wir zum Beispiel ganz bewusst Peter Schaar berufen, den Bundesbeauftragten für den Datenschutz a.D. Er ist sicherlich einer der renommiertesten Datenschützer in Deutschland. Die neue Messtechnik ist einfach viel sicherer als einfach nur Zählerfernauslesung und hat deshalb auch bei Kunden eine viel höhere Akzeptanz. Der Messstellenbetreiber muss eben nicht wissen, wann ein Kunde im Urlaub ist oder ein Arbeitnehmer krank ist, nur weil der Kunde künftig einen Smart Meter hat. Wir halten Stadtwerke für vertrauenswürdige Institutionen, die am besten für ihre Bürger die Digitalisierung organisieren können. Unsere Technik schützt die Privatsphäre der Kunden und liefert gleichzeitig Messdaten für die Energiewende. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch und Deutschland ist aktuell das einzige Land, dass beide Anforderungen in einer Technologie verbunden hat: dem Smart Meter Gateway. Das wird meiner Meinung nach ein Export-Schlager und das ist genau das, wo wir als Exportweltmeister haben müssen.
"Es hat für Stadtwerke sicherlich mehr Vorteile als Nachteile, jetzt möglichst schnell zu starten"
Freuen Sie sich, wenn es jetzt endlich losgeht mit den drei zertifizierten Gateways?
Ehrlich gesagt, haben alle Techniker die Zeit bis zur bald erwarteten Markterklärung gebraucht und ja, wir freuen uns natürlich darauf, in die anstehenden Vollrollouts zu starten. Wir haben nahezu 10.000 Zähler verbaut und dabei geübt. Von daher erwarte ich jetzt keine ganz großen Überraschungen mehr. Mein ehrlicher Rat an Stadtwerke ist, möglichst schnell mit dem Rollout zu starten, weil sie die Zeit am Ende nicht mehr einholen können. Zudem sind Montage- und Produktionskapazitäten nicht unbegrenzt verfügbar, auch wenn wir große Orders platziert haben. Es hat für Stadtwerke sicherlich mehr Vorteile als Nachteile, jetzt möglichst schnell zu starten und natürlich freuen wir uns, wenn dabei unsere spezielle Technik für den Vollrollout genutzt wird.
Und zu guter Letzt, wo sehen Sie den größten Stolperstein beim Smart Metering in Deutschland?
Ich bin ein sehr konstruktiver Mensch und versuche, Dinge vorausschauend zu organisieren. Wir haben beispielsweise mit Jürgen Jacob den früheren Marketing-Chef der MediaMarkt-Kampagne "Ich bin doch nicht blöd!" ins Unternehmen geholt. Er hat mit einem Team eine eigens für Stadtwerke entwickelte Informationskampagne für Verbraucher entwickelt, passend zum Vollrollout der intelligenten Messsysteme und adaptierbar auf viele Städte. Damit können Stadtwerke bei der Digitalisierung auch ihre Bürger mitnehmen und selbst punkten. Das wäre aus meiner Sicht eine der Herausforderungen, weil manche Stadtwerke nicht gewohnt sind, mit ihren Kunden zu reden. Das sollte man aber, damit die Kunden das Stadtwerk als das wahrnehmen was es ist: ein vertrauenswürdiger Betreiber der Energieinfrastruktur und auch für die Digitalisierung der Städte. Wir können die Information an die Endverbraucher nicht alleine von der Regierung verlangen.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
