Herr Germies, in der Studie von Haselhorst Associates heißt es, 55 Prozent der deutschen Städte hinken bei der Digitalisierung hinterher. Erschreckt Sie diese Zahl?
Nein, erschreckt hat uns das nicht. Wir hatten kein wesentlich anderes Ergebnis erwartet. Eigentlich hinkt – gefühlt – ganz Deutschland hinterher. Insbesondere auf internationalem Niveau gibt es hier herausragende Projekte, beispielsweise in Dänemark oder Finnland. Im direkten Vergleich hierzu ist Deutschland im Schnitt schwächer aufgestellt. Der Anteil deutscher Haushalte mit einem tatsächlichen Glasfaseranschluss, also FTTB/FTTH, liegt deutlich unter 5 Prozent. International in diesem Bereich führende Nationen wie Japan oder Südkorea liegen hier bei über 75 Prozent.
Interessant ist, dass nicht nur unsere Kommunen sich mit dem Thema "Smart City" etwas schwertun. Auch viele Industrieunternehmen stellen das Thema intensiv auf der Homepage dar, häufig jedoch ohne tatsächlich bedeutende Umsätze mit entsprechenden Smart-City-Produkten zu erzielen. Dies, obwohl der Markt auch in Deutschland für die Industrie hoch attraktiv ist: Haselhorst Associates prognostiziert hier für die nächsten zehn Jahre ein Marktpotenzial für Smart City-Produkte und Services von rund 474 Mrd. Euro.
Das jährliche Investitionsvolumen wird bei circa 25 Mrd. Euro liegen – mit jährlichen Wachstumsraten von durchschnittlich etwa zehn Prozent. Für den Erfolg dieser Anbieter wird es künftig wesentlich darauf ankommen, ihre Markteintrittsstrategien deutlich mehr auf die tatsächliche Bedarfssituation der jeweiligen kommunalen Kunden anzupassen.
Was ist Ihr Gesamteindruck bei der Digitalisierung in Städten? Wo gibt es vor allem Fortschritte, wo hinken Städte hinterher?
Digitalisierung ist für Kommunen keine Option, sondern bildet das zukünftige Umfeld für Bürgerinnen und Bürger sowie erfolgreiche Unternehmen. Je weiter die Digitalisierung in Städten voranschreitet, desto attraktiver sind sie insbesondere für Bürger und Unternehmen. An "digitalen" Standorten wächst die Konjunktur.
Fachkräfte fühlen sich angezogen, die Bevölkerung wächst. Viele Kommunen haben diese Chance und die daraus resultierende Notwendigkeit des Aufbaus einer Digitalen Daseinsvorsorge erkannt und investieren in Projekte zur Digitalisierung. Doch nicht immer sind diese Investitionen eingebunden in eine umfassende "Digitalisierungsstrategie".
Zu wenige Kommunen erkennen, dass "Smart City" eine Führungsaufgabe ist. Digitalisierung und "Smart City" sind die Chance für Politik, die Daseinsvorsorge der Stadt in Zukunft abzusichern, im Thema "Digitalisierung" die Richtung vorzugeben und sich nicht von Geschäftsmodellen Dritter in eine ungewollte Richtung treiben zu lassen.
Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem die Digitalisierung der kommunalen Lebenswelt angegangen werden muss, mit fundiertem Wissen und klaren strategischen Zielsetzungen.
Städte wie Darmstadt, Wuppertal und Dortmund sowie Wolfsburg sind keine Metropolen, aber Sieger oder weit vorne in den jeweiligen Einzel-Rankings Ihrer Studie. Was machen diese Städte anders, wo liegt der Schlüssel für Ihren Erfolg begründet?
Die von Ihnen hier aufgeführten Städte sind nicht riesig, aber allesamt Großstädte. Häufig ist ganzheitlicher Ansatz in "überschaubaren Großstädten" am besten umsetzbar. Diese Städte haben oftmals schon eine gewisse "kritische Masse" sind aber dabei noch übersichtlich genug, um alle wesentlichen Lebensbereiche und Akteure der Stadt an einen Tisch zu bringen.
Das was alle von Ihnen angeführten Städte darüber hinaus auszeichnet ist, dass Sie sich bereits frühzeitig und dabei ganzheitlich mit einer individuellen Smart City-Strategie beschäftigt haben.
Städten muss es gelingen, die eigenen Besonderheiten herauszuarbeiten und erfolgreich zu nutzen, um so die Digitalisierung in der eigenen DNA zu verankern. Ausgehend von der Entwicklung einer Digitalisierungsvision, über die Formulierung einer übergreifenden Digitalstrategie bis zur strukturierten Umsetzung von Einzelprojekten muss es Kommunen gelingen, die Bürgerinnen und Bürger mit auf die fortwährende Reise der digitalen Transformation zu nehmen.
Was würden Sie einer Kommune raten, die smart werden will? Welche Rolle spielen dabei die Stadtwerke oder kommunale Unternehmen?
Wichtigster Rat: Sich von uns beraten zu lassen! Aber im Ernst: Wichtig ist, zunächst eine solide Grundlage für das künftige Handeln zu schaffen. Also im Konsens der wesentlichen Akteure und Lebensbereiche der Stadt eine gemeinsame "Vision", eine gemeinsame "Strategie" zu erarbeiten und auf dieser Grundlage dann gemeinsam die individuell für die Stadt richtigen digitalen Projekte und Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Smart City ist für Kommunen die Chance, aktiv die digitale Daseinsvorsorge der Zukunft zu gestalten. Leider werden stattdessen häufig einfach nur die Geschäftsmodelle Dritter realisiert, ohne dass dadurch tatsächlich ein Beitrag zu einem eigenen kommunalen Wachstumskonzept entsteht.
Stadtwerke sind häufig ein bedeutender Teil der Finanzierung der kommunalen Daseinsvorsorge. Energiewende und Digitalisierung führen in weiten Bereichen zu rückläufigen Ergebnissen aus den bestehenden Geschäftsmodellen. Gleichzeitig sind die gleichen Faktoren, Energiewende und Digitalisierung, auch die Chance zur Generierung neuer (digitaler) Erlösquellen. Stadtwerke bleiben somit "Versorger" und "Problemlöser" ihrer Kommune und spielen bei allen Smart-City-Projekten eine sehr zentrale Rolle.
Welche neuen Geschäftsmodelle sind besonders wichtig, oder anders gesagt, wie finde ich heraus, welche Geschäftsmodelle in meine Stadt passen?
Das zentrale Geschäftsmodell zur Digitalen Daseinsvorsorge ist der Glasfaserausbau. Nicht Breitband, Glasfaser! Ohne diese zentrale Infrastruktur wird die anstehende Digitalisierung der kommunalen Lebenswelt in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht realisiert werden können. Wir sind davon überzeugt, dass der Glasfaserausbau für viele Kommunen ein zusätzliches ertragreiches Geschäftsfeld darstellen kann!
Darüber hinaus müssen sich Kommunen des Vorhandenseins und des Wertes des "Kommunalen Datenraums" bewusst werden. Sie müssen diesen Datenraum "besetzen" und sicherstellen, dass künftige Geschäftsmodelle in diesem Datenraum nicht stattfinden, ohne dass sie dabei auch entsprechenden Nutzen für Bürger und/oder Unternehmen der Kommune stiften.
Welche konkreten Geschäftsmodelle zu welcher Stadt passen und dort optimal Daseinsvorsorge und Wachstum sicherstellen ist höchst individuell. Eine strategische Vorgehensweise, ausgehend von der Erarbeitung einer individuellen, ganzheitlichen Strategie legt hier den wesentlichen Grundstein für ein optimales Vorgehen.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



