Herr Poppe, was die Digitalisierung anbetrifft gelten Städte und Gemeinden gelten zumeist als ein wenig verstaubt. Energieversorger könnten hier doch der ideale Partner sein, dies zu ändern? Wie unterstützen Sie "Ihre" Stadt digital zu werden?
Timo Poppe: Die erste Frage würde ich klar mit „ja“ beantworten. Als kommunaler Energieversorger kennen wir „unsere“ Stadt bis in die letzte Ecke, wir haben den notwendigen Zugang zu den Bürgern und sind natürlich auch im engen Austausch mit den Entscheidungsträgern der Stadt.
Ich denke, für die digitale Stadt tun wir heute schon einiges. Bei größeren Baumaßnahmen verlegen wir Glasfaser mit und schaffen damit schon den Grundstein für die Konnektivität von morgen. Mit dem Ausbau von öffentlichem Wlan bieten wir eine kostenfreie Alternative zum Datentarif und mit unserer Beleuchtungstochter setzen wir neue Lichtkonzepte um, wie aktuell rund um das Bahnhofsareal.
So kann zum Beispiel die Polizei das Licht in diesem Areal in einer riskanten Situation aus der Ferne regeln, was erheblich zur Sicherheit beiträgt. Eine mögliche Koppelung mit Videoüberwachung, Ladeinfrastruktur oder Sensoren, wie etwa für die Messung von Luftqualität, und Paniktaster sind weitere Beispiele die wir uns in diesem Zuge anschauen. Der Plan ist, dieses intelligente Beleuchtungsmodell schrittweise auch an anderen zentralen Stellen der Stadt zu installieren.
Als Energieversorger setzen wir aber auch auf die Mobilität von Morgen und sind dabei, die Infrastruktur für E-Mobilität weiter auszubauen und den Bürgern drumherum weitere Services anzubieten. Beispielsweise sammeln wir vor diesem Hintergrund auch erste Erfahrungen mit steuerbaren bzw. flexiblen Ladesäulen.
Ein weiteres Beispiel ist unsere Start-up-Schmiede, das CAB, durch das wir Start-ups fördern und nach Bremen holen. Dort sind natürlich auch Gründer zu finden, die sich mit digitalen Diensten auseinandersetzen.
Der Begriff Smart City wurde in der Vergangenheit eher im Zusammenhang mit großen Metropolen verwendet. Inwiefern eignet sich das Konzept der digitalen Stadt auch für eine mittelgroße Stadt wie Bremen?
Digitalisierung ist überall ein zentrales Thema, egal ob auf dem Land oder in der Metropole. Grundsätzlich denke ich, dass die Bedürfnisse der Menschen überall weitgehend dieselben sind. In großen Städten sind natürlich bei Themen wie Mobilität und Infrastruktur die Dimensionen und Fragestellungen anders gelagert. Dabei steht Bremen als Großstadt vor ähnlichen Herausforderungen wie Berlin oder Frankfurt.
Aber die Digitalisierung macht meines Erachtens nach nicht irgendwo halt und sagt, du bist als Stadt nicht groß genug. Bremen wird sich hier, wie andere Städte und Gemeinden auch, weiterentwickeln müssen. Es ist nicht die Frage nach dem „ob und wann“ sondern vielmehr nach dem „wer und wann“. Nicht umsonst besetzen auch heute schon große Player zunehmend Teile des Marktes.
Ab wann gilt eine Stadt als digital? Reicht es, wenn es elektronische Fahrtickets gibt, oder braucht man mehr? Wenn ja, wann fängt für Sie der digitale Mindeststandard an, der eine Kommune smart macht?
Großes Potenzial für Städte und Gemeinden sehe ich im Bereich der digitalen Verwaltung, der Bezahlsysteme und natürlich bei der Verfügbarkeit großer Bandbreiten. Gerade vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte zur Luftverschmutzung in Innenstädten werden früher oder später intelligente Mobilitätskonzepte an Bedeutung gewinnen. Der Mindeststandard heute wäre für mich, wenn ich mich online ummelden, einen neuen Ausweis beantragen oder eine Firma anmelden und so meine sämtlichen Geschäftsvorgänge online und schnell abwickeln kann.
Welche smarten Dienste bieten die swb Ihren Kunden?
Privatkunden können in einer sehr umfangreichen Service-App alle wesentlichen Interaktionen mit uns vornehmen. Dazu gehört das Melden von Zählerständen, auch per Foto, und ein Umzugsservice. Außerdem haben wir einen Piloten gestartet, bei dem Kunden online und mobil ihre Stromverbräuche sehen und beispielsweise Stromfresser identifizieren können. Nebenbei profitieren sie auch von unterschiedlichen Tarifzeiten. Aber natürlich bieten wir auch Produkte und Dienstleistungen rund um Smart Living an.
Für unsere Geschäftskunden haben wir unter anderem ein Produkt zum Tranchenkauf mit automatisierter Marktbeobachtung im Angebot.
Worin sehen Sie in der Digitalisierung die größten Chancen für Energieversorger?
Die Digitalisierung hat den Bereich der Energieversorgung recht lange verschont, holt die Branche aber jetzt umso schneller ein. Wir als Energieversorger können dadurch vielfältigen Herausforderungen begegnen und definitiv auch Chancen der Weiterentwicklung nutzen, zum Beispiel in der Automatisierung von Prozessen. Dadurch werden wir zum einen effizienter, zum anderen können wir aber auch demographischen Auswirkungen begegnen.
Gerade im Netzbetrieb wird auf Grund der vielfältigen Herausforderungen, etwa im Lastmanagement und beim Thema fluktuierende Erzeuger die Digitalisierung weiter an Bedeutung gewinnen. Auch im Bereich der Kundenschnittstelle sehen wir durch ein effektives Datenmanagement die Chance, zielgerichteter auf die Bedürfnisse unserer Kunden einzugehen und einen Mehrwert für sie zu schaffen.
Großes Thema ist auch die Infrastruktur: Ohne Glasfaser oder künftig 5G wird es wohl nichts mit den – zumindest datenintensiven – smarten Diensten. Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Ausbau von 5G?
Der Funkstandard 5G wird unsere Welt noch einmal grundlegend verändern. Insbesondere das autonome Fahren wird dabei einer der wesentlichen Anwendungsfälle sein, den es ohne schnellere Funkverbindungen nicht geben wird. Aber 5G wird auch nicht ohne Glasfaser auskommen, da besonders in Sachen Sicherheit, Latenz und Bandbreite Glasfaser immer die Nase vorne haben wird.
Der Ausbau in Deutschland hinkt aber im internationalen Vergleich merklich hinterher. Interessanterweise profitieren aktuell eher ländliche Gebiete, weil sie früher vernachlässigt wurden. In städtischen Gebieten wie auch Bremen stellt sich das Thema Breitband noch etwas vielschichtiger dar. Hier kann auch auf andere konventionelle Technologien zurückgegriffen werden, deren Ertüchtigung relativ hohe Bandbreiten ermöglicht wie zum Beispiel Vectoring oder Docsis 3.1. Das sehe ich aber kritisch, da es den wettbewerblichen Glasfaserausbau ausbremst und keine langfristige Lösung darstellt.
Wir verlegen Glasfaser bei Bauvorhaben mit und bieten unseren Kunden auch Glasfaseranschlüsse an. Auch die sukzessive Erschließung einzelner Gebiete in Bremen steht dabei auf unserer Agenda.
Die Blockchain gilt derzeit als eine der größten digitalen Trends. Wie ist hier Ihre Meinung?
Die Blockchain ist mehr als ein großer Trend und besitzt besonders für die Energiewirtschaft im Bereich Peer-to-Peer-Handel, also dem Ende-zu-Ende-Handel, großes Potenzial. Je dezentraler und autarker unsere Energieerzeugung wird, desto mehr werden Technologien nötig, die vollautomatisiert und vor allem sicher den Strom zwischen Nachbarn – die ihn sich gegenseitig verkaufen wollen – handelt und abrechnet. Hierfür stellt die Blockchain-Technologie praktisch den Ermöglicher dar.
Spannend wird es sein, welche Rolle der klassische Energievertrieb hier künftig einnehmen wird, denn die bisherige Rolle des „Trustees“ im klassischen Commodity-Geschäft wird wegfallen. Umso wichtiger wird es für die Energieversorger sein, sich frühzeitig über ihre zukünftige Rolle in der veränderten Energiewelt klar zu werden. Dies gilt für die Themen der künstlichen Intelligenz sowie Machine Learning gleichermaßen. Die Rolle der Energieversorger wird morgen eine „beyond energy“ sein.
Besitzen Sie selbst schon ein Smart Home daheim? Wenn ja, was alles ist bei Ihnen smart?
Smarte Jalousien, smarte Thermostate, Überwachungskameras, Bewegungsmelder, gesteuerte Bewässerungssysteme, Rasenmähroboter, intelligente Gartentorsteuerung – und wenn Sie meine Frau fragen würden, dann würde die Ihnen sagen, dass wir viel zu viel davon haben.
Die Fragen stellte Klaus Hinkel
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