Christian Jochemich ist Leiter des Innovations- und Veränderungsmanagement der evm. Das nächste Bild zeigt das gesamte Team (auf den weißen Pfeil in der Bildmitte rechts klicken)

Christian Jochemich ist Leiter des Innovations- und Veränderungsmanagement der evm. Das nächste Bild zeigt das gesamte Team (auf den weißen Pfeil in der Bildmitte rechts klicken)

Bild: © evm/Sascha Ditscher

Herr Jochemich, Sie leiten das Innovationsmanagement bei der evm. Seit wann gibt es diesen Bereich?
Vor etwas mehr als einem Jahr hat sich die Energieversorgung Mittelrhein dazu entschlossen, die Zukunftsthemen der Unternehmensgruppe in einer eigenen Organisationseinheit zu bündeln. Zusätzlich ist dieser Fachbereich auch für das Veränderungsmanagement zuständig und begleitet beispielsweise die Einführung neuer Arbeitsweisen und neuer Abläufe im Unternehmen. Den Ausschlag für die Einführung des Innovations- und Veränderungsmanagements bei der evm gab die Erkenntnis, dass Energieversorger mit dem reinen Verkauf von Strom, Gas, Wasser und Wärme dauerhaft nicht überleben werden. Daher sind wir auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen, neuen Produkten und Dienstleistungen. Dafür ist mein Fachbereich zuständig.

In welcher Abteilung ist der Bereich angesiedelt?
Der neue Fachbereich gehört organisatorisch zum Bereich „Marktmanagement und Innovation“, der von unserem Prokuristen Christian Schröder geleitet wird. Über ihn ist der Draht zur Unternehmensführung sichergestellt. Wir tauschen uns aber auch auf direktem Wege mit dem Vorstand der evm sowie der Geschäftsführung unserer Netzgesellschaft aus und sind darüber hinaus in der gesamten Unternehmensgruppe inzwischen bestens vernetzt.

Und wie viele Mitarbeiter arbeiten hier?
Zu meinem Team zählen zwei Innovationsmanager sowie eine Kollegin, die das Veränderungsmanagement betreut. Außerdem beschäftigen wir Werksstudenten, Praktikanten und Auszubildende, die bei uns auch sehr selbstständig arbeiten können. Für sie ist gerade das Innovationsmanagement ungemein reizvoll.

Ihre Arbeitsräume sind allerdings nicht wie die eines klassischen Büros?
Wer die normalen Büros der evm kennt und dann das erste Mal unsere Räume im Erdgeschoss der Hauptverwaltung besucht, ist meist zunächst irritiert. Bei uns hängen viele bunte Zettel mit unzähligen Ideen an der Wand, wir haben eine Couchgarnitur und Sitzsäcke, außerdem sind unsere Schrankwände beschreibbar. Alles sieht bei uns etwas anders aus und zeigt deutlich: Hier herrscht eine kreative Atmosphäre, und jede Idee, jeder Gedanke ist willkommen und wird festgehalten.

Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich aus dem Innovationsmanagement?
Wir sind ständig auf der Suche nach den guten Ansätzen für die Zukunft und halten daher permanent Augen und Ohren offen. Wir werten Fachzeitschriften und Newsletter aus, sind auf Kongressen und Messen unterwegs, unterhalten uns mit innovativen Unternehmern sowie Start-ups und werden auch von unseren Kollegen aus den unterschiedlichsten Bereichen mit Hinweisen, Informationen und Ideen gefüttert. Alles, was wir dann aus- und bewerten, soll uns helfen, die Innovationsthemen herauszufiltern, die für uns als regionaler Energieversorger in wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle sowie Produkte und Dienstleistungen münden können. Das erfordert nicht nur den richtigen Riecher, sondern auch unternehmerischen Mut und die Bereitschaft, auch einmal mit einer Idee zu scheitern. Am langen Ende geht es aber um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Nach den guten Ansätzen, die wir in den vergangenen Monaten gefunden haben, ist mir da aber nicht bange.

Sie nehmen Kontakt zu Start-ups auf, wie darf man sich das vorstellen?
Gute Start-up-Unternehmen finden Sie überall: auf Fachkongressen, auf Internetseiten – und auch bei uns in der Koblenzer Region. Neben dem validen Geschäftsmodell ist aber besonders auch die Chemie zum Gründer und dem Team sehr wichtig. Wir legen Wert auf persönlichen Kontakt und sprechen einfach miteinander. Manchmal sind es gar nicht die klassischen Energiethemen, die uns zusammenbringen, sondern interessante digitale Ansätze, Smartphone-Apps oder andere technische Lösungen, die uns interessieren und über die wir dann ins Gespräch kommen.

Apropos Lösungen, wie entwickeln Sie überhaupt die neuen Ideen?
Wir versuchen das Ohr nah am Markt und unseren Kunden zu haben. Das geht zum Beispiel über viel Recherche innerhalb unserer Suchfelder rund um Energie, Smart City und neue Mobilität, aber auch viel über den persönlichen Austausch mit Kunden oder auf entsprechenden themenbezogenen Messen, Kongressen und Veranstaltungen. Außerdem nutzen wir unsere Kontakte zu Start-ups. Und wenn etwas Erfolgversprechendes dabei ist, dann wird dies in einem Ideen-Steckbrief festgehalten, der vor allem die Vorteile für den Nutzer und auch den Nutzen für die evm beschreibt. In der hauseigenen Zukunftswerkstatt trifft sich dann ein kleiner Kreis aus meist fünf Kollegen aus der Unternehmensgruppe, um die jeweilige Idee zu diskutieren und zu bewerten. Wir gehen gewissermaßen schwanger mit der Idee und wägen ab, ob etwas daraus werden kann. Hat eine Idee diese Hürde genommen, dann geht es an die Testphase. Wann immer es geht, verproben wir ein neues Angebot direkt mit einer Kundengruppe. Dabei werden wertvolle Hinweise zur Verbesserung gesammelt und eruiert, ob das Produkt möglicherweise vom Kunden schlechte Noten bekommt. Unser Ziel ist es, möglichst schnell zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen und ein Produkt zügig an den Markt zu bringen. Das Ganze sollte bis zur Piloteinführung maximal sechs Monate dauern. Dazu sind die Freiheitsgrade, die wir innerhalb der evm genießen, enorm wichtig.

Welche Produkte haben Sie schon in Angriff genommen?
Derzeit arbeiten wir am Modell „MeinRegiomix“. Die Idee dahinter: Kunden sollen in die Lage versetzt werden, ihren Strommix aus der Region selbst zusammenzustellen. Hintergrund ist die Tatsache, dass im Jahr 2022 die ersten Anlagen aus der Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz herausfallen und Betreiber vor der Frage stehen, wie sie den selbst produzierten Strom sinnvoll nutzen. Dazu wird nun eine digitale Plattform inklusive App entwickelt, auf der Betreiber von Photovoltaikanlagen ihren Strom direkt zu den Verbrauchern der Region vermarkten können. Auf diese Weise können Kunden regionalen Strom beziehen. Das stärkt das Heimatgefühl und fördert die lokale Energiewende.

Sie sagen, Sie sind offen für alle Ideen und Anregungen. Wie sammeln Sie hier die Ideen?
In Projekten befragen wir Kunden anhand von Testflyern oder besser noch Prototypen. Auf der Straße, per Telefon oder via Mail.  Hier nehmen wir die Anregungen auf. Grundsätzlich kann uns aber jeder Kunde oder Bürger der Region  anrufen oder schreiben und seine Ideen unter zukunftswerkstatt@evm.de einreichen. Wir schauen uns die Idee an und bewerten diese dann gemeinsam. Um diesen Prozess noch transparenter zu machen, prüfen wir gerade die Einführung einer Open-Innovation Plattform. Hier können Ideen in einer Community gemeinsam diskutiert und bewertet werden.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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