Die Frage, ob ein Vollrollout sinnvoll ist oder nicht, ist keine Frage der Größe des Unternehmens. Denn sowohl kleine Messstellenbetreiber (unter 140 000 Zählpunkte) als auch sehr große Messstellenbetreiber (über 900 000 Zählpunkte) sind sich hier uneins.
Deutlich wird, ein Vollrollout wäre wirtschaftlicher. „Beim aktuellen Vorgehen kommt man nur teilweise in die Gebäude und muss den Rest immer noch manuell ablesen. Bei einem Vollrollout könnte man auch bessere Übertragungstechniken, etwa durch Powerline, aufbauen und die Daten abholen“, so ein Netzbetreiber.
Technik hinkt noch hinter her
Den höchsten Nutzen bietet nur der Full-Rollout, bekräftigt ein weiterer Messstellenbetreiber. Damit er wirtschaftlich durchführbar ist, müsse der Gesetzgeber zum einen die Rahmenbedingungen verändern und zum anderen noch in der Technik eine weitere Standardisierung erfolgen und mehr Funktionalitäten/Mehrwertdienste zur Verfügung stehen.
Die Stadtwerke Jena betonen, dass „ein Vollrollout erst dann sinnvoll ist, wenn alle Prozesse rund um die Gateway-Administration funktionieren, die Geräte fehlerfrei arbeiten und – vor allem – lieferbar sind.
Derzeit noch vieles offen
Die Stadtwerke München stehen einem Vollrollout grundsätzlich nicht negativ gegenüber, weil er für die Datenaufnahme und Prozessoptimierung entscheidende Vorteile biete. „Unter den gegebenen Rahmenbedingungen für einen grundzuständigen Messstellenbetreiber sehen wir derzeit jedoch keine wirtschaftliche und technische sinnvolle Umsetzung eines Rollouts und können diesen daher nicht befürworten“, sagt Stefan Schachermeier, Leitung Anschluss- und Messservice der SWM. Gründe die gegen den komplett flächenden Einsatz der intelligenten Messsysteme stehen, sind laut SWM folgende:
- Die Technik sei derzeit zu kompliziert, fehleranfällig und teuer. Der Funktionsumfang für die vorgesehenen Einsatzzwecke sei zu gering.
- Zudem: „Das Konzept der Messstelle als zentraler Knoten für alle energiewirtschaftlich relevanten Aktionen innerhalb eines Gebäudes ist nicht mit der Realität vereinbar.“ Deutlich werde dies am Beispiel des Mehrparteienhauses mit Dezentraler Erzeugung, Ladeinfrastruktur und zusätzlichen Services innerhalb des HANs für den Anschlussnutzer.
- Ein weiterer Punkt: Durch die Liberalisierung des Messstellenbetriebs sei eine zu starke Volatilität bei systemkritischen Anlagen schon heute schon zu sehen. „Etwa 25 Prozent der zu schaltenden Lasten und Erzeuger liegen nicht in der Hand des jeweiligen grundzuständigen Messstellenbetreibers und damit des Verteilnetzbetreibers sondern müssen über Dritte „gesteuert“ werden“. Hier seien sinnvollere Vorgehensweisen erforderlich. Etwa die Vorgabe von einheitlichen Sicherheitsniveaus bei offener Ausgestaltung von Prozessen und Systemen durch die Marktakteure, sowie eine einfachere und klarere Befähigung des Verteilnetzbetreibers für kritische Netzeingriffe. „Denn unter den gegebenen regulatorischen Rahmenbedingungen ist keine sinnvolle und einheitliche Umsetzung der Schaltung und Steuerung in der Niederspannung zu bewerkstelligen.“
- Zudem würden Marktprozesse auf der einen Seite fehlen und auf der anderen Seite stellen zu starke Eingriffe in die Prozesse der jeweiligen Messstellenbetreibers zu große Hinderungsgründe für einen Vollrollout dar.
- Hinzu komme, „die Frage der Kostenanerkennung ist in keiner Weise geklärt“, so Schachermeier. Durch Inflationsraten in Höhe von bis zu fünf Prozent und der fix vorgegebenen Preisobergrenze bis zum Jahr 2027 sei eine wirtschaftliche Darstellung des grundzuständigen Messstellenbetreibers kritisch zu hinterfragen. „Bei der Festlegung der Preisobergrenzen waren die vielen zusätzlichen Anforderungen (Ausgestaltung der Steuerung, Einführung der SiLKe, Einführung des ESA und kostenfreie Übermittlung von Daten) nicht eingepreist.“
Bevor daher die Frage zu einem Vollrollout sinnvoll beantwortet werden könne, sollte das grundsätzliche Konzept der Digitalisierung der Energiewende, sowie die gesamte Harmonisierung von dezentraler Erzeugung und volatilem Verbrauch in der Niederspannung, basierend auf einem einzigen Gerät, betrieben durch eine liberalisierte Marktrolle, überdacht werden, fordert Schachermeier von den SWM. „Forschungsprojekte zeigen dabei sinnvollere und gezieltere Konzepte zur Verbrauchs- und Erzeugungsoptimierung in selbst regulierenden Mikrozellen (runter bis auf das Gebäude).“
Fullrollout liegt in der Hand des Verteilnetzbetreibers
Stromnetz Hamburg befürwortet aufgrund einer verbesserten Wirtschaftlichkeit einen Full-Rollout. Die technischen Voraussetzungen sind dafür aber heute nicht gegeben, weil die technische Entwicklung hier gerade beginne. Es wäre daher wenig sinnvoll, heute über weitergehende gesetzliche Regelungen nachzudenken. „Das Messstellenbetriebsgesetz gibt den Fullrollout richtigerweise in die Entscheidungshoheit des MSB“, so der Verteilnetzbetreiber aus Hamburg.
Die Wichtigkeit eines Vollrollouts zur Digitalisierung der Energiewende und für digitalisierte Geschäftsprozesse betonen die Technischen Werke Ludwigshafen. „Mehrspartenmetering ist kundenorientiert und auch prozessual von Vorteil, so kann man keinem Eigentümer erklären, dass der Stromzähler über eine hochsichere Kommunikationsanbindung die Daten an die Abrechnungssysteme sendet, während parallel der Ableser für den Wasserzähler einen Termin vereinbaren möchte“, verdeutlicht Thomas Mösl, TWL-Geschäftsführer.
Zudem müsse die Digitalisierung digital und nicht nur über Hardware-Komponenten stattfinden. Solche zusätzlichen Hardwarekomponenten und aufwendige IT-Landschaft müssen von der Agenda gestrichen werden, damit der praktische Realbetrieb umsetzbar und dauerhaft rentabel werden könne, so die Forderung aus Ludwigshafen. Erst dann mache ein Vollrollout Sinn und werde bei der Zielsetzung zur Digitalisierung der Energiewende in der erforderlichen Zeit den nötigen und wichtigen Beitrag leisten können.
Nicht überall Einsatz von intelligenten Messsystemen nötig
Der Netzbetreiber der Stadtwerke Kiel sieht bei einem Vollrollout einen zu hohen Aufwand für minimale Vorteile: In den Abnahmestellen, die nicht gesteuert werden müssen, würde ein „normaler“ fernauslesbarer Zähler reichen, um eine bessere Bilanzierung zu ermöglichen.
Stadtwerke Karlsruhe Netzservice verfolgt die Linie, dass, sobald die gesetzlichen Pflichteinbaufälle ausgestattet sind, die Digitalisierung der Messstellen über alle Sparten konsequent vorangetrieben werden sollen. Voraussetzung sei aber die Stabilität und Massentauglichkeit der eingesetzten Systeme.
Vollrollout kommt wohl so oder so
Stuttgart Netze sehen zum aktuellen Zeitpunkt aufgrund der Wirtschaftlichkeit und der zusätzlichen Komplexität keinen Mehrwert in einem Vollrollout. „Mit fortschreitender technologischer Entwicklung – vor allem in Hinblick auf 1:n-Einbauten, sprich, ein Gateway für mehrere Zähler, können sich weitere Einbindungen in Mehrfamilienhäusern, großen Objekten sicher gut realisieren lassen.“ Dies wäre jedoch nur über eine Funklösung denkbar.
N-Ergie erklärte, dass die Energiewende generell hohe Anforderungen an die Intelligenz und Flexibilität unserer Stromnetze stelle. „Dies wird uns letztlich automatisch zum Vollrollout führen“. (sg)



