Gute Laune trotz unterschiedlicher Meinungen (obere Reihe von links): ZfK-Redakteur Andreas Baumer, Frank Hirschi, Manager bei der Horizonte Group und Marion Nöldgen, Geschäftsführerin Tibber Deutschland. In der unteren Reihe von links: Andreas Fabri, Leiter Messstellenbetrieb bei der N-Ergie, Bouke Stoffelsma, Geschäftsführer Hausheld und Holger Schneidewindt, Energiejurist bei der Verbraucherzentrale NRW.

Gute Laune trotz unterschiedlicher Meinungen (obere Reihe von links): ZfK-Redakteur Andreas Baumer, Frank Hirschi, Manager bei der Horizonte Group und Marion Nöldgen, Geschäftsführerin Tibber Deutschland. In der unteren Reihe von links: Andreas Fabri, Leiter Messstellenbetrieb bei der N-Ergie, Bouke Stoffelsma, Geschäftsführer Hausheld und Holger Schneidewindt, Energiejurist bei der Verbraucherzentrale NRW.

Bereits die erste Frage von den Moderatoren Frank Hirschi, Manager bei der Horizonte-Group, und ZfK-Redakteur Andreas Baumer, ob der Entwurf des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende als Aufbruchgesetz zu werten ist, rief unterschiedliche Reaktionen bei den Diskutanten hervor. Bouke Stoffelsma, Geschäftsführer von Hausheld, antwortete hier mit klarem Ja. Die Rechtunsicherheit, die vergangenes Jahr den Markt geprägt habe, werde damit behoben. "Es gibt keine Abhängigkeit mehr zur Markterklärung, sondern feste Rollout-Fristen. Viele Details sind deutlich klarer. Der Gesetzgeber verfolgt das Ziel, aus dem Smart Metering ein Smart Grid zu machen“, so seine Begründung.

Holger Schneidewindt von der Verbraucherzentrale hingegen sieht keinen Neustart in dem Entwurf. „Ich bin da ganz bei Herrn Busch vom BNE, der vor kurzem gesagt hat, das ist ein Reparaturgesetz.“ Der Nutzen für Verbraucher sei weiterhin nicht griffig.  Die Kosten seien vorher schon viel zu hoch gewesen, jetzt seien sie überdies noch unklar, weil eine neue Finanzierungslogik – mit direkten Kosten über Messentgelte und indirekte Kosten über Netzentgelte – gewählt wurde. „Ich kann bis jetzt immer noch nicht beurteilen, was Haushalte und Prosumer jetzt mit dieser Novelle wirklich zahlen würden.“

Große Nachfrage nach Smart Metern

Marion Nöldgen, Geschäftsführerin von Tibber Deutschland, sieht die Kostenfrage ebenfalls kritisch: „Den Smart-Meter nur im Keller zu haben, nützt keinem Haushalt und keinem Verbraucher, sondern man muss etwas damit machen können, gerade, wenn das mit Kosten verbunden ist.“ Fallen Kosten an, die über die jetzigen hinausgehen, müsse es irgendeinen Anreiz geben oder irgendein Angebot geben, damit der Einbau auch Sinn mache. Eine Option wären hier dynamische Tarife.

Ansonsten gebe es sehr viel Gutes im neuen Gesetzentwurf. Vor allem das Recht auf einen Einbau. „Hier gibt es genug Haushalte, die das wollen. Bei uns landen jeden Tag wahnsinnig viele Anfragen, woher man einen Smart Meter bekommen kann und ob Tibber helfen könne, diesen beim Netzbetreiber zu beantragen. Das neue Gesetz gibt hier einen viel besseren Rahmen vor, inklusive gesetzter Bauzeiten. Das erste Mal bewerten wir das positiv.“

Nullsummenspiel für Messstellenbetreiber

Andreas Fabri, Leiter Messstellenbetrieb bei der Nürnberger N-Ergie, bewertet die neue Kostenaufteilung bei den Preisobergrenzen – künftig sollen die intelligenten Messsysteme für Verbraucher nur noch 20 Euro kosten, zusätzliche Kosten sollen über die Netzentgelte abgerechnet werden – als Nullsummenspiel für Messstellenbetreiber. „Wir haben seit zehn Jahren keine einzige Preisänderung. Das was vor zehn Jahren beschlossen wurde, bekommen wir immer noch, trotz immenser Preissteigerungen“, so Fabri.

Nun gebe es eine andere Kostenaufteilung „Für uns bedeutet das erst einmal deutlich mehr Arbeit". Für diese neue Kostenaufteilung müssen neue Prozesse installiert werden. "Jeder Messstellenbetreiber muss nun im Endeffekt in zwei Richtungen abrechnen.“ Der Prozess werde daher nicht einfacherer oder besser, sondern erst einmal größer.

Zudem sei bei den Netzbetreibern nicht geklärt, wie sie den Betrag wieder zurückholen können. „Im Endeffekt belasten wir das Netz mit Kosten, ohne dass das Netz weiß, was es sich genau von den Kosten zurückholen darf.“ Zwar stehe im Gesetz, dass die Kosten über die Netznutzungsentgelte geltend gemacht werden dürfen. Aber in welcher Höhe, sei noch von der Bundesnetzagentur zu entscheiden.

Die richtige Strategie

Diskussionen gab es auch zu der neu eingeführten Einbaupflicht. Kunden können verlangen, dass der Messstellenbetreiber Ihnen einen Smart Meter innerhalb von vier Monaten einbaut. Bouke Stoffelsma von Hausheld sieht diesen Vorstoß positiv: „Es fällt damit eine Strategieoption weg und zwar die: Ich mache mal gar nichts." Messstellenbetreiber können sich nun entscheiden, ob sie dies Anfragen passiv abarbeiten oder in Vorleistung gehen und dabei diese Aufträge mit einbinden. Monteure könnten dann viel effizienter arbeiten, statt quer durch die Stadt zu fahren.

Zustimmung gab es auch von Marion Nöldgen von Tibber: „Wir arbeiten inzwischen mit vielen großen Unternehmen zusammen, weil es, eine klügere Strategie ist, die Leute zu bündeln, die eh wollen. Für einzelne Fälle den Einbau vorzunehmen sei einfach zu teuer. „Ich weiß es aus dem Alltag, es gibt genug, die gerne einen Smart Meter hätten und dass kann man auch effizient von Unternehmensseite heraus steuern.“

Thema der Zukunft: Steuern

Andreas Fabri von Energie verwies dagegen auf das Problem, dass er als Messstellenbetreiber sowohl regional als auch städtisch unterwegs sei. „Wir haben etwa 300.000 Messeinrichtungen in der Region und 300.000 Zähler hier in Nürnberg. In der Stadt sei es einfacher, weil alles relativ nahe und meistens Mehrfamilienhäuser sind. Hier könne man die sogenannte 1:n-Verbindung – mehrere moderne Messeinrichtungen an ein Gateway angebunden – „wirklich super umsetzen.“

EEG-Anlagen gebe es allerdings vor allem in der Region. Hier kämen auch noch die ganzen Anlagen hinzu, die steuerbar gemacht werden müssen. „Das wird das Thema der Zukunft werden. Und dann kommen noch Kunden mit 1000 oder 2000 Kilowattstunden dazu, die einen dynamischen Tarif wollen. Da sind die Ressourcen eben auch begrenzt.“

Eines der größten künftigen Probleme werde auch sein, „wo bekomme ich die Monteure her, die wir im Netzausbau, bei der Montage von Wärmepumpen oder Wallboxen brauchen. Die sind nicht da. Sie werden feststellen, sie bekommen keine Monteure“, so Fabri.

Funktionalität der Smart Meter

Holger Schneidewindt von der Verbraucherzentrale macht sich vor allem um den Prosumer große Sorgen. „Ich weiß nicht, warum mir keiner erklären kann, welche Gesamtkosten auf die Kunden zukommen. Ich mache mir Sorgen, dass auf die Konsumenten doch noch viele Kosten zukommen. Was können die Geräte?“

Dem widersprach Andreas Fabri von N-Ergie: „Wir haben jetzt relativ klare Termine, bis wann welche Leistungen kommen sollen. Ab dem 1. Januar 2025 müssen die Geräte funktionieren, ab da muss auch jedes intelligente Messstellensystem seinen Leistungsumfang komplett erbringen können.“

Niederspannung fit fürs Steuern?

Fabri befürchtet, dass vor allem das Thema Steuern noch eine große Herausforderung werde. "Das sind zwei Prozesse. Wir vermengen etwas, bei dem wir wir versucht haben, das jahrelang auseinander zu halten. Da haben wir gesagt, wir haben die Rolle Messstellenbetreiber und die Rolle Netzbetreiber und die haben nicht viel miteinander zu tun – höchstens ein bisschen Datenaustausch.“

Jetzt müsse der Netzbetreiber über den Messstellenbetreiber steuern. „Jetzt sind plötzlich wieder zwei Rollen abhängig voneinander und der eine kann gar nicht ohne den anderen.“

Jetzt gelte es, dass der Messstellenbetreiber eine Anlage über das Gateway steuern müsse. Davor müsse jedoch der Verteilnetzbetreiber erst einmal eine Leitstelle im Niederspannungsnetz haben. „Ich weiß nicht, ob sich das jemand klar gemacht hat, was das bedeutet. Im Heute agieren wir in einer Mittelspannung. Wir wissen noch nicht einmal, was der Aufbau solch einer Leitstelle im Niederspannungsnetz kostet. Da finde ich 22 Monate, um das umzusetzen wirklich sportlich.“

Dies entzürnte wiederum Holger Schneidewindt: „Wenn das so ist, dann blasen wir den ganzen Rollout ab!“ Der Verbraucherschützer ärgert sich zudem, dass zwei Unique-Selling-Points des vesprochenen Smart-Meter-Rollouts aus Verbraucher- und Datenschutzsicht nicht umgesetzt wurden: "Die sternförmige Kommunikation aus dem Gateway ist tot und die Steuerbarkeit wurde auf die lange Bank geschoben. Ich verfolge beide Ziele noch“, so Schneidewindt

Europa ist schon weiter

„Hier ist die Diskussion ja immer so, als wären wir die Ersten, die das (Verschieben von Lasten Anmerk. der Redaktion) überhaupt jemals gemacht haben. Wir können nach ganz Europa schauen, da gibt es das schon überall“, so Marion Nöldgen. Klar, gehe Deutschland einen Sonderweg, es mache sich aber das Leben ein schwerer, als es sein müsste. „Aber außerhalb von Deutschland, in Norwegen und Schweden da werden gerade variable Netzentgelte ausgerollt. Dort zahlen die Kunden, die das Netz stark belasten, mehr.“

In Deutschland wirke das immer wie: „Wir finden jetzt für jede Lösung ein Problem und gucken, dass es möglichst lange noch rausgezögert wird.“ Letztlich würden aber alle wissen, dass es sowieso kommen müsse, „sonst können wir, mit dem Ausbau der Erneuerbaren aufhören, weil dann werden wir das nicht verarbeiten können.“

Gesetzesänderungen erwartet

Versöhnliche Töne zum Schluss fand Andreas Fabri von N-Ergie: „Wir freuen uns, wenn das Gesetz irgendwann verabschiedet ist. Wir sind gespannt, was die nächsten zwei, drei Monate bringen.“

In der ersten Lesung im Bundestag habe es schon sehr kontroverse Diskussionen gegeben. „Von daher bin ich gespannt, inwieweit, da noch ein paar Sachen angepasst werden.“ Er sehe das Thema Steuern als echte Herausforderung. „Das heißt nicht, dass wir es nicht umsetzen wollen, aber es ist eine Herausforderung.“

Nach Ansicht von Holger Schneidewindt könne der Rollout nur gelingen, „wenn der Nutzen größer ist als die Kosten für den Verbraucher. Alles andere fährt vor die Wand und ich wünsche mir, dass wir weg von Buzzwords kommen.“ (sg)

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