Auch drei Wochen nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine verharren Europas Gasmärkte im Ausnahmezustand. Eine Megawattstunde Gas kostete am liquidesten europäischen Handelspunkt TTF weiterhin deutlich mehr als 100 Euro.
Zudem gingen zum ersten Mal seit Kriegsbeginn die russischen Gasflüsse merklich zurück. Während der Strom über Nord Stream 1 stabil blieb, fielen die Importe über die ukrainische Pipeline. Über Polen kam Stand Mittwochmorgen gar kein Gas nach Deutschland. Preisdämpfend wirkt dagegen weiterhin das ungewöhnliche warme Wetter.
Nord Stream 2: Kaum Hoffnung
Entlastung hätte die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 bringen können. Diese darf aber vorerst nicht in Betrieb gehen, das Zertifizierungsverfahren setzte die Bundesregierung inmitten des Konflikts mit Russland aus.
Hoffnung, dass die Pipeline irgendwann doch noch Gas nach Deutschland liefern könnte, scheinen selbst die Betreiber kaum mehr zu haben. "Unter den momentan gegebenen politischen Rahmenbedingungen ist das auf unbestimmte Zeit auf Eis", sagte Ulrich Lissek, Sprecher der Gesellschaft Nord Stream 2 bei einem Webinar, das die Kanzlei Rosin Büdenbender organisiert hatte.
Fragezeichen bei Terminals und Schiffen
Auf den europäischen Gasmarkt sieht Lissek unsichere Zeiten zukommen. Stichwort Flüssigerdgas, das wohl zu großen Teilen ausfallendes russisches Pipelinegas ersetzen müsste: "Das ist ja nicht nur eine Frage der Quelle, sondern auch des Transportes. So viele Schiffe gibt es aktuell gar nicht auf dem Weltmarkt, um [das dann benötigte LNG nach Europa zu liefern.]"
Und Stichwort LNG-Terminals: "Mit den Genehmigungsverfahren, die wir in Deutschland haben, werden wir [einen schnellen Bau] nicht hinbekommen." Zudem würden die geplanten LNG-Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven lediglich 25 Prozent der Kapazitäten von Nord Stream 1 oder 2 decken. Die gleichzeitige Beschleunigung der Energiewende würde Investitionen in fossile Infrastruktur überdies umso riskanter machen. "Die Frage ist: Wer will das alles finanzieren?"
Entspannung ab 2025
Felix Matthes vom Öko-Institut sieht Europa vor drei kritischen Wintersaisons. Vom Jahr 2025 an seien die Handlungskorridore dann aber relativ absehbar, führte er aus. Der Grund: Von 2025 an dürfte insbesondere Katar sein Gasangebot deutlich ausweiten. "Wir werden Erdgas dann so diversifizieren, dass wir den Ausfall eines großen Lieferanten verkraften können", sagte Matthes.
Kurzfristig erwartet Gasmarktexperte Jochen Weise weiterhin ein extrem hohes Preisniveau. "Wir können davon ausgehen, dass wir Preise von deutlich über 100 Euro pro MWh sehen, selbst wenn Russland weiter liefert."
Sommer-Winter-Spread
Viel Gas benötigen jedenfalls deutsche Gasspeicher, sollten sie bis in den Winter hinein tatsächlich bis zu 90 Prozent gefüllt werden. Dazu will das Bundeswirtschaftsministerium die Betreiber verpflichten. Notfalls soll sogar der Marktgebietsverantwortliche THE selbst das benötigte Gas einkaufen und einspeichern. Aktuell sind die Speicher im Schnitt zu 25 Prozent gefüllt.
Gasspeicher sind vor allem dann wirtschaftlich, wenn das im Sommer eingespeicherte Gas deutlich günstiger ist als im darauffolgenden Winter. Das Problem: Dies ist zurzeit nicht der Fall.
Krise als Chance
"Wenn die Konstellation so wie jetzt bleibt, ist auch ökonomisch kein Anreiz da [einzuspeichern]", warnte Michael Kohl, Geschäftsführer vom Speicherbetreiber RWE Gas Storage West. "Das könnte dazu führen, dass der Marktgebietsverantwortliche ein deutlich größeres Volumen abzudecken hätte, um die Speicher zu füllen."
Trotz aller schlimmen Umstände gewinnt EnviaM-Chef Stephan Lowis der aktuellen Lage auch etwas Positives ab, zumindest was den Standort Deutschland betrifft. "Wir werden uns mittel- und langfristig nun schneller auf den Transformationspfad [hin zu einer nachhaltigen und klimaneutralen Energiewelt] machen", sagte er. "Jetzt ist auch klar geworden: Gas ist keine Brückentechnologie mehr oder wird uns [zumindest] nicht mehr so zur Verfügung stehen, wie wir es vor vier Wochen noch gedacht haben."
Tesla-Effekt
Das Gute sei: "Grüne Elektronen und grüne Moleküle sind und werden der entscheidende Standortfaktor für Wirtschaftsansiedlung." Dies habe nicht nur die Ansiedlung des Elektroautobauers Tesla in Grünheide (Brandenburg) gezeigt, sondern auch der jüngst verkündete Bau einer Chip-Fabrik durch den IT-Riesen Intel in Magdeburg. (aba)



