Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Woher bezieht Europa eigentlich sein Gas? Ein Überblick über die zurückliegenden sechs Sommermonate zeigt: Mit einem Marktanteil von über 40 Prozent der europäischen LNG-Importe dominieren die USA das LNG-Angebot. Damit sind die Vereinigten Staaten nach Norwegen der wichtigste Gaslieferant für Europa.

Die Gasexporte Norwegens lagen in der Sommersaison mit 532 TWh rund zehn Prozent unter der Fünfjahresmittel. Vor allem die zwei Wartungsintervalle im Juni und September führten zu deutlich rückläufigen Exporten.

Wartungen schmälern norwegische Gasexportbilanz

Die Wartungen in Norwegen im Juni ließen die Gasexporte bereits auf 78 TWh und damit 14 Prozent unter das Fünfjahresmittel fallen. Die mehrfachen Wartungsverlängerungen im September jedoch verringerten die Gaslieferungen des größten Gasversorgers Europas auf rund 58 TWh. Das waren 30 Prozent weniger als im Durchschnitt der Vergleichszeiträume 2018 bis 2022.

Algerien lieferte in den Monaten April bis September knapp 180 TWh Pipelinegas in die EU. 135 TWh flossen nach Italien und 45 TWh nach Spanien. Vor allem die starken Exporte nach Italien sorgten dafür, dass die pipelinegebundenen Gasexporte des nordafrikanischen Landes knapp 16 Prozent über dem Fünfjahresmittel lagen.

Russische Gasflüsse

Aserbaidschan steigerte seine Gasexporte über die TAP-Pipeline bis zum Anlandepunkt in Italien in den vergangenen sechs Monaten auf knapp 63 TWh. Das waren sieben Prozent mehr als der Durchschnitt der vergangenen Jahre.

Russland lieferte zwischen April und September über die verbliebenen Transitpipelines durch die Ukraine und die Türkei 135 TWh in die EU. Die starken Gasflüsse auf der Turkstream-Pipeline erhöhten die Exporte am bulgarisch-türkischen Interkonnektor Strandzha auf 70 TWh.

USA dominieren europäisches LNG-Angebot

Die LNG-Aussendungen in Europa lagen in den Sommermonaten mit 797 TWh rund 41 Prozent über dem Fünfjahresmittel. Seit dem Rekordmonat April, als 163 TWh ausgesendet wurden, nahmen die LNG-Aussendungen der europäischen Terminals jedoch kontinuierlich ab und fielen zuletzt auf 105 TWh im September.

Die europäischen Länder importierten in den vergangenen sechs Monaten 803 LNG-Schiffsladungen. Die USA waren mit 342 LNG-Lieferungen der größte Lieferant für Europa, gefolgt von Russland (101 Lieferungen), Katar (95 Ladungen) und Algerien (93 Ladungen).

Einspeicherungen 22 Prozent unter Norm

Frankreich war mit insgesamt 183 LNG-Lieferungen der größte Importeur in Europa, gefolgt von Spanien mit 138 und den Niederlanden mit 137 Lieferungen. An den drei schwimmenden LNG-Terminals in Deutschland wurden insgesamt 33 LNG-Schiffsladungen importiert.

In der Einspeicherungssaison April bis September wurden in den Gasspeichern der EU insgesamt 465 TWh netto eingelagert. Dies waren 22 Prozent weniger als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Wäre die Einspeicherung entlang dieser Norm verlaufen, wären die Gasspeicher bereits Mitte August vollständig gefüllt gewesen.

Deutsche Einspeicherbilanz

Maßgeblichen Anteil an der schwachen europäischen Bilanz hatten die unterdurchschnittlichen Einspeicherungen in Deutschland und Italien. In beiden Ländern werden üblicherweise jeweils rund 111 TWh während des Sommers netto eingespeichert. In Deutschland waren es dieses Mal jedoch nur knapp 83 TWh und in Italien sogar nur 76 TWh.

Einschränkend in diesem Statistikverweis sei jedoch darauf hingewiesen, dass mit den bereits zu Beginn des dritten Quartals hohen Füllständen der Gasspeicher die maximal mögliche Einspeicherungskapazität unter die technischen Maximalwerte fällt (in einigen Speichern auf bis zu 20 bis 30 Prozent).

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des jüngsten Artikels: "Oktober-Ausblick: Was für rückläufige Gaspreise spricht"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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