Angesichts der Preissprünge beim Gas schägt Spanien einen gemeinsamen Einkauf oder eine gemeinsame  Lagerung von Energie innerhalb der EU vor.

Angesichts der Preissprünge beim Gas schägt Spanien einen gemeinsamen Einkauf oder eine gemeinsame Lagerung von Energie innerhalb der EU vor.

Bild: © Ingo Bartussek/Adobestock

Die Preiskapriolen am Energiemarkt gingen in der vergangenen Woche unvermindert weiter. Die Vermarktung von Kohlekraftwerken ist mittlerweile deutlich attraktiver als die Vermarktung von Gaskraftwerken. Auch Ölkraftwerke werden weltweit aufgrund des hohen Gaspreisniveaus in Betrieb genommen. Das Team der im internationalen Energiegroßhandel tätigen Handelsabteilung der Stadtwerke Heidenheim AG zeigt die wichtigsten Entwicklungen auf und gibt einen Ausblick. Die Stadtwerke-Gruppe belieferte Ende 2020 insgesamt 15 Stadtwerke respektive Energieversorgungsunternehmen über entsprechende Lieferverträge.

Im Gasgroßhandel wurden in der vergangenen Woche neue Höchststände erreicht. Wie haben sich die Preise konkret entwickelt?
Handelsabteilung der Stadtwerke Heidenheim:
Die Gaspreise schnellten aufgrund der weiterhin angespannten Lage zum Wochenbeginn wieder auf neue Höchststände. Vor allem die Frontmonate, sowie das Frontquartal auf dem TTF Markt zeigten rasante Anstiege. Während der Anstieg von Montag auf Dienstag mit rund zwie Prozent von Close-to-Close noch verhältnismäßig moderat ausfiel, konnte im Frontquartal und in den Frontmonaten von Dienstag auf Mittwoch ein Anstieg von rund 20 Prozent beobachtet werden. In absoluten Werten ist somit ein Anstieg von rund 19,50 Euro pro MWh zu verzeichnen gewesen.

Am vergangenen Mittwoch lagen die Höchst- und Tiefstpreise innerhalb eines Tages zwischen 150 Euro und 100 Euro pro MWh.

Was waren die stärksten Preisbewegungen innerhalb eines Tages in der vergangenen Woche?
Damit notierten die Frontmonate und das Frontquartal am Dienstagabend bei über 115 Euro pro MWh. Am Mittwoch setzte sich diese Bewegung zunächst fort. So notierten die Preise am Morgen mit 150 Euro pro MWh noch deutlich über dem Close. Im weiteren Verlauf des Tages waren dann ebenfalls starke Bewegungen zu verzeichnen, bis dann ein deutlicher Einbruch des Marktes erfolgte. Damit lagen die Höchst-, und Tiefstpreise innerhalb eines Tages zwischen rund 150 Euro pro MWh und 100 Euro pro MWh, dies kommt einer Spannweite von 50 Euro pro MWh und einem Preisabfall von rund 30 Prozent gleich.

Die Volatilität und die Vehemenz der Preisausschläge im Gasbereich soll massiv zugenommen haben, zum Teil wird schon von Panik gesprochen?
Aktuell nimmt die Vehemenz der Ausschläge in der Tat sehr stark zu. Vor allem die Sorge um einen kalten Winter und die bisher geringen Gasspeicher sorgen im Moment für ängstliche Stimmung auf dem Gasmarkt. Jede Nachricht, sei es bezüglich der Gaspipeline Nordstream 2 oder über die russische Versorgung, sorgte in den letzten Wochen für große Ausschläge. Beispielsweise führte am Dienstag die Meldung, dass Gazprom den heimischen russischen Markt aufgrund eines erwarteten kalten Winters priorisiert, zu Panik.

Klar ist, dass die Preise momentan aufgrund der angespannten Lage ansteigen, da ein etwaiger kalter Winter in Europa für einen höheren Gasbedarf sorgen könnte und die Gasspeicherstände verhältnismäßig gering sind, doch Anstiege von teilweise über 20 EUR/MWh innerhalb eines Tages lassen sich kaum mehr durch Fundamentaldaten erklären.

Die Bepreisung für Handelspartner gestaltet sich bei solchen Preissprüngen zunehmend schwerer.

Vor welche Herausforderungen stellen derartige Preissprünge die bestehenden Handelssysteme?
Handelssysteme können zunächst mal die Preise gut abbilden. Allerdings gestaltet sich die Bepreisung für Handelspartner auf dem Markt bei solchen Preissprüngen zunehmend schwerer, da aufgrund der Geschwindigkeit der hohen Preissprünge das Risiko steigt. Vor allem das Bindefristrisiko kann nur noch durch einen zusätzlich hohen Aufschlag minimiert werden.

Auch die Strompreise erreichten neue Höchststände, gleichzeitig findet ein Fuel-Switch von Gas zur Kohle statt. Was waren hier die wichtigsten Entwicklungslinien?
Auch die Strompreise werden aktuell weiterhin stark durch die steigenden Kohlepreise, sowie die steigenden Gaspreise beeinflusst. Durch das aktuell sehr hohe Niveau der Gaspreise liegt der „Fuel-Switching-Price“ für einen Wechsel hin von Kohlekraftwerken hin zu Gaskraftwerken aktuell weit über dem aktuellen CO2-Preis. Deshalb ist die Vermarktung von Kohlekraftwerken bis weit in das zweite Quartal des nächsten Jahres hinein deutlich lukrativer als die Vermarktung von Gaskraftwerken.  Aktuell werden vermehrt auch Ölkraftwerke aufgrund des aktuellen hohen Gaspreisniveaus in Betrieb genommen.

Auch auf dem Strommarkt sind die Preissprünge der vergangenen Tage kaum mehr fundamental zu erklären.

Durch eine sich anbahnende Energiekrise in China und einer hohen Nachfrage nach Kohle sind die Kohlepreise in den letzten Wochen und Monaten stark angestiegen. In China mussten bereits erste Industriekunden vom Netz genommen werden. Hier sorgt die hohe Nachfrage nach Energie für einen stärkeren Kohlebedarf. Zusätzlich sorgt ein Handelsstreit zwischen Australien und China für Knappheit auf dem Markt. Doch auch auf dem Strommarkt sind die Preissprünge der letzten Tage kaum mehr fundamental zu erklären.

Auch hier waren vor allem die Frontmonate und das Frontquartal sehr stark betroffen. Auf dem Strommarkt konnten teilweise sogar stärkere Bewegungen verzeichnet werden. So stiegen die Preise zunächst von Freitag auf Montag um rund vier bis 13 Prozent an. Ein weiterer hoher Anstieg zwischen zwölf und sogar 40 Prozent konnte von Montag auf Dienstag beobachtet werden. Der Close am Dienstag für die am stärksten betroffenen Produkte lag zwischen 200 Euro pro MWh und 233 Euro pro MWh in den Frontmonat-Base-Kontrakten, sowie dem Frontquartal-Base-Produkt. Auch hier zeichnete sich am Mittwoch zunächst ein stark steigender Verlauf ab. So konnte der Frontmonat im Baseload auf einen Preis von rund 350 Euro pro MWh ansteigen. Im weiteren Tagesverlauf ging es auch hier stark abwärts und der Kontrakt verzeichnete am tiefsten einen Preis von etwa 224 Euro pro MWh. Somit wurde der Kontrakt in einer Spanne von 126 Euro pro MWh gehandelt.

Wovon hängt jetzt die weitere Entwicklung der Gaspreise ab? Wie lange kann die aktuelle Phase noch anhalten?
Die weitere Entwicklung der Gaspreise hängt stark von den russischen Gasflüssen nach Deutschland und dem Verlauf des Winters in Europa ab. So hat Russland aktuell nur geringe zusätzliche Kapazitäten nach Europa gebucht, da aufgrund des heimischen langen Winters die Gasspeicherstände dort auch sehr gering gefüllt sind und zunächst diese priorisiert wurden. Doch wird ab November aufgrund größerer Lieferverpflichtungen von Seiten Gazproms mehr Gas im nordwesteuropäischen Gebiet erwartet. Doch sollte Gazprom unerwarteter Weise diesen Verpflichtungen nicht nachkommen, besteht ein hohes Risiko von weiter steigenden Gaspreisen.

Zusätzlich steht noch die Zertifizierung von Nordstream 2 als unabhängiger Transportnetzbetreiber aus. Es wurde zunächst erwartet, dass die Pipeline bereits dieses Jahr erstes Gas liefern könnte, doch dauert der Zertifizierungsprozess noch an, weshalb es aktuell als unwahrscheinlich angesehen wird, dass die Pipeline noch dieses Jahr in Betrieb geht. Ferner ist aktuell noch unklar, inwiefern und ob die Gaspipeline das Angebot in Europa erhöhen wird.


Sollte der Winter sehr kalt ausfallen, sind weitere Preissteigerungen möglich.

Des Weiteren wird die weitere Entwicklung zusätzlich stark von der Entwicklung des Winters beeinflusst werden. Sollte der Winter sehr kalt ausfallen sind weitere Preissteigerungen durchaus möglich. Doch auch ein milder Winter ist aufgrund der aktuellen Situation kein Garant, für nachhaltig fallende Preise. Wichtig wird auch sein, wie sich die Lage in Asien allen voran in China weiterentwickelt, da aktuell der europäische Markt mit dem asiatischen Markt um LNG-Lieferungen konkurriert und dadurch die Preise zusätzlich hochgetrieben werden.

Einzelne EU-Länder, etwa Frankreich, deckeln die Energiepreise bis ins Frühjahr. Die EU diskutiert zudem über Maßnahmen, um Verbraucher vor massiven Preissprüngen zu schützen. Wäre solch eine Deckelung der Preise auch in Deutschland ein realistisches Szenario?
Eine Energiepreisedeckelung, etwa auf Strom, sorgt für eine massive Verschärfung der Situation. Die aktuellen Preise hängen mit einem knappen Angebot an Rohstoffen, wie etwa Kohle und Gas, zusammen. Kraftwerksbetreiber sind von diesen Rohstoffen abhängig, sodass ein Energiepreisdeckel zu einer Schließung der Kraftwerke führt, da diese nicht weiter rentabel betrieben werden können. Versorgungsengpässe könnten die Folge sein, weshalb aus unserer Sicht eine Deckelung der Energiepreise nicht realistisch ist.

(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

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