Wie geht es weiter mit den Gasflüssen aus Russland? Die Stimmung an den europäischen Gasmärkten ist nach wie vor angespannt.

Wie geht es weiter mit den Gasflüssen aus Russland? Die Stimmung an den europäischen Gasmärkten ist nach wie vor angespannt.

Bild: © Evgenii/AdobeStock

Das Wichigste voraus: Auch am 1. April floss russisches Gas nach Europa.

Und das sowohl über Nord Stream 1 als auch über die belarussischen und ukrainischen Transitlinien. Am ukrainisch-slowaktischem Grenzpunkt Velke Kapusany waren es erneut üppige 880 GWh pro Tag.

Abwicklung über Gazprombank

Zuvor hatte Russland angekündigt, Gaszahlungen nur noch in der landeseigenen Währung Rubel akzeptieren zu wollen. Konkret müssen Abnehmer aus dem Westen nun Konten bei der nicht sanktionierten Gazprombank eröffnen, um weiter russisches Gas zu bekommen.

Dort können Lieferungen weiter je nach vertraglicher Vereinbarung in Euro oder Dollar eingezahlt werden. Die Gazprombank konvertiert das Geld in Rubel und überweist den Betrag an Gazprom.

BASF-Chef warnt

Die Sorgen bei deutschen Politikern, Energieversorgern und Industrieunternehmen blieben allerdings groß.

So warnte BASF-Chef Martin Brudermüller für den Fall eines Importstopps von Gaslieferungen aus Russland vor beispiellosen wirtschaftlichen Schäden. "Das könnte die deutsche Volkswirtschaft in ihre schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs bringen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

BASF gehört zu Deutschlands großen Gasabnehmern. Über die Tochter Wintershall Dea ist der Chemiekonzern zudem indirekt an Nord Stream 1 und der auf Eis gelegten Schwesterpipeline Nord Stream 2 beteiligt.

"Ohne Erdgas keine Produktion von Stahl"

Siemens-Energy-Chef Christian Bruch sagte dem "Handelsblatt", bei einem kurzfristigen Boykott seien die negativen Auswirkungen für Deutschland größer als der Effekt auf Russland. Für manche Branchen sei die Gasversorgung existenziell, erklärte er mit Blick etwa auf die Glasindustrie.

Beim Stahlkonzern Salzgitter hieß es: "Ohne Erdgas keine Produktion von Stahl." Der Politik müsse klar sein, dass von der Produktion wiederum die Energieversorgung und die Energiewende abhingen, sagte ein Konzernsprecher.

Gasspeicher füllen sich

Am Handelspunkt TTF legten die Gaspreise am Freitagmorgen leicht zu. Der Frontmonat notierte zu Handelsbeginn bei 130 Euro pro MWh, ehe er im Laufe des Tages auf 112 Euro sank. Weiterhin wird erst im Frühjahr 2023 ein deutlicher Preisabfall erwartet.

Die Gasspeicherfüllstände stiegen in den vergangenen Tagen und bewegten sich zuletzt bei ungefähr 27 Prozent. Deutlich voller sind die Gasspeicher in Sachsen, wie das dortige Energieministerium bekannt gab. In den entsprechenden Anlagen des Gasversorgers VNG soll der Füllstand etwas mehr als 40 Prozent betragen.

Gazprom stößt deutsche Ableger ab

Neue Unsicherheit brachte die Mitteilung des russischen Staatskonzerns Gazprom, seine Tochter Gazprom Germania aufgegeben zu haben. "Am 31. März beendete die Gazprom-Gruppe ihre Beteiligung an dem deutschen Unternehmen Gazprom Germania GmbH und allen ihren Vermögenswerten", teilte der russische Konzern auf seinem Telegram-Kanal mit.

Weitere Details wurden nicht genannt. Von Gazprom Germania gab es zunächst keine Stellungnahme. Gazprom Germania war bislang nach eigenen Angaben ein 100-prozentiges Tochterunternehmen Gazproms. Sie ist wiederum Eigentümerin weiterer Unternehmen der deutschen Gaswirtschaft. Dazu gehören der Gasspeicherbetreiber Astora und die Gashändler WIEH und Wingas, der auch für Stadtwerke wichtige Vorlieferanten sind.

Über die Strategie hinter dem Abstoßen von Gazprom Germania könne man nur spekulieren, sagte Gasmarktexperte Fabian Huneke vom Beratungsunternehmen Energy Brainpool. "Die physischen Assets, die mit dem Abstoßen von Gazprom Germania aus russischer Sicht verloren gehen, können das Bauernopfer sein, um die Gaslieferverträge neu zu verhandeln."

Verstaatlichung von Gazprom-Assets?

Denn Gazprom Germania halte über die beiden Töchter Wingas und WIEH einen Großteil der Importverträge in der Hand. Die noch bestehenden Importverträge bänden Gazprom Export aktuell noch an Währung, Preis und Menge. "Diese Vertragsbindung könnte nun aufgehoben werden, etwa über das Vehikel einer Insolvenz von Gazprom Germania und ihren mit dem Gashandel befassten Töchtern."

Nach Informationen des "Handelsblatts" soll das Bundeswirtschaftsministerium intern bereits eine Verstaatlichung und Enteignung der deutschen Gazprom-Ableger durchspielen. Offiziell war dazu aus dem Ministerium am Freitag nichts zu vernehmen.

Lage im Neukundenvertrieb

Die Lage im Neukundenvertrieb hat sich im Vergleich zum Kriegsauftakt in der Ukraine etwas entspannt. Das billigste Verivox-Angebot für Gaskunden in München lag am Freitag bei 15 Cent pro kWh. Eon verlangte 21 Cent, die Stadtwerke München 23 Cent pro kWh. Insgesamt wurden 21 Angebote gelistet.

Angesichts der hohen Großhandelspreise kündigte N-Energie bereits am Donnerstag an, seine Gaspreise anzuheben. Demnach steigen die Erdgaspreise für Privatkunden zum 1. Juni um 2,75 Cent pro kWh. Laut Preisblatt zahlt ein Durchschnittshaushalt in der Grundversorgung  bislang 6,82 Cent pro kWh brutto. (aba)

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