Nach der panikhaften Rallye der Vorwoche mit Preisen über 300 Euro pro MWh, die durch Versorgungsängste am Gasmarkt ausgelöst wurden, sanken die Gaspreise im Wochenvergleich auf unter 250 Euro. Im volatilen Marktumfeld bleibt jedoch das Aufwärtsrisiko weiterhin sehr hoch.
Die extremen Preise zeigen, dass am Gasmarkt ein reales Risiko einer Gasmangellage und am Strommarkt ein akutes Risiko von Stromengpässen in diesem Winter bestehen.
EU-Intervention beruhigt Märkte
Der Preisanstieg und die Anspannung an den Märkten waren in der Vorwoche so extrem, dass die EU am Montag eine "Notintervention und Strukturreform" ankündigte. Das Merit-Order-System, wonach das teuerste Kraftwerk den Preis bestimmt (zuletzt meist die Gaskraftwerke), steht zur Disposition.
Die Beruhigung an den Märkten in dieser Woche ist im Wesentlichen auf diese Intervention der EU und das mögliche neue Design des Strommarktes zurückzuführen und weil das EU-Gasspeicherziel für November in Höhe von 80 Prozent Füllstand bereits Ende August erreicht wurde.
EU-Gasangebot auf Rekordtief
Am Mittwoch hat die angekündigte dreitägige Wartung der Nord Stream Pipeline begonnen. Ob die Gasflüsse von zuletzt rund 350 GWh pro Tag danach wieder zurückkehren, ist unklar. Preisausschläge in den nächsten Tagen sind also wahrscheinlich.
Das Gasangebot in der EU fällt in dieser Woche mit rund zehn TWh pro Tag auf ein neues Rekordtief, rund 20 Prozent unter dem Fünfjahresmittel.
Ungeplante Reparaturen in Norwegen
Die norwegischen Lieferungen sind wegen einer Reihe von Ausfällen eingeschränkt. Das Kvitebjørn-Gasfeld ist seit letzter Woche wegen eines Kompressorschadens außer Betrieb. Dazu kamen ungeplante Reparaturen im Trollfeld und Verarbeitungswerk Kollsnes.
Nun folgt den ganzen Monat hindurch eine längere Wartungsphase in den Gasfeldern Oseberg und Kristin sowie in der Anlage Karstø mit Kapazitätskürzungen von bis zu 150 Mio. Kubikmeter pro Tag.
Angespannter LNG-Ausblick
Das LNG-Angebot in der EU zeigt sich auch in dieser Woche auf hohem Niveau. Die Ausspeicherungen liegen mit rund 3400 GWh pro Tag auf dem Niveau der Vorwoche.
Der LNG-Ausblick ist jedoch angespannt. Die steigende Nachfrage in China und Indien wird den Wettbewerb um die LNG-Schiffe in den nächsten Wochen erhöhen. Die Wiederinbetriebnahme des US-Freeport-LNG-Terminals verzögert sich weiter. Ende November soll eine Kapazität von 85 Prozent und die volle Kapazität erst im März 2023 verfügbar sein.
80-Prozent-Ziel vorzeitig erreicht
In dieser Woche wurden in der EU bisher durchschnittlich 3500 GWh pro Tag eingespeichert – ein Minus im Vergleich zur Vorwoche von knapp zehn Prozent. Dennoch wurde das 80-Prozent-Ziel in der EU bereits vorzeitig erreicht.
Die Speicher in Deutschland sind zu 84 Prozent gefüllt. Ob die deutsche Zielvorgabe zum 1. November, einen Füllstand von 95 Prozent zu erreichen, erfüllt werden kann, ist fraglich.
Gasverbrauch stark rückläufig
Der Gasverbrauch lag in der EU im August um 20 Prozent unter dem Fünfjahresmittel. Bisher wurden in 2022 rund 13 Prozent weniger Gas verbraucht als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.
Deutschland reduzierte zuletzt seinen Gasverbrauch deutlich stärker. Im August lag der Verbrauch mit rund 1400 GWh pro Tag um 40 Prozent unter dem Fünfjahresmittel. Bislang bewegt sich der Verbrauch in diesem Jahr um rund 25 Prozent unter dem Fünfjahresmittel. Die bisherigen Einsparungen machten die hohen Gaseinspeicherungen der vergangenen Wochen erst möglich.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Europas Gasmarkt wandelt sich rasant – und zwei Länder stehen zunehmend im Fokus" (aba)
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.


