Zwar hat die Kundschaft nichts gemerkt, aber die Lage war sehr ernst: Mitte März dieses Jahres waren die Speicherkapazitäten für L-Gas in Deutschland erschöpft, und auch bei der Versorgung mit H-Gas drohte kurzfristig Ungemach. Der Grund war eine ungewöhnlich harte Kältewelle, die in der zweiten Februarhälfte eingesetzt hatte und sich über mehrere Wochen hinweg anhielt.
Zwar waren laut Gas Infrastructure Europe (GIE) die Gasspeicher in Deutschland am Anfang des Novembers durchschnittlich zu rund 88 Prozent gefüllt, aber das ist kein Grund zur Beruhigung. Denn es kann auch im kommenden Winter das Szenario eintreten, das vor nicht einmal neun Monaten die Energiebranche in Sorge versetzte – zumal nicht allein die Witterung der Grund für den Engpass war.
„Bedarf an 1.400 Kilometer Gasleitung“
Die zur Neige gehenden L-Gas-Mengen in den Speichern konnten damals nicht zu marktüblichen Preisen nachgekauft werden, weil auch bei Gaspool, dem niederländischen Hub für L-Gas, über Wochen hinweg durchschnittlich ein Drittel des Gases über Regelenergie beschafft werden musste. An einzelnen Tagen war dieser Wert sogar auf 70 Prozent angestiegen. Am 1. März dieses Jahres entstanden so zum Beispiel 22,6 Mio. Euro an zusätzlichen Kosten.
Matthias Jenn, Geschäftsführer der Bayernets GmbH, sieht jedoch nicht allein die Speicherung von Gas als Problem: „In Deutschland sind laut Netzentwicklungsplan Gas 1.400 Kilometer Gasleitung und 500 MW Verdichterleistung geplant. Das bedeutet in etwa sieben Mrd. Euro Investitionen, auch um die Versorgungssicherheit mit Gas in den nächsten zehn Jahren sicherzustellen.“ Die Bayernets versorgt den Süden Bayerns, und Jenn sagt auch mit Blick auf Baden-Württemberg: „Wir sehen in Süddeutschland einen ständig steigenden Kapazitätsbedarf.“
Es geht um die täglichen Versorgung
Über eine aus Tschechien kommende, von Open Grid Europe betriebene Pipeline strömt im oberpfälzischen Waidhaus eine große Menge an H-Gas aus russischer Förderung nach Deutschland. Doch die meisten anderen Quellen für L- und H-Gas liegen nördlich oder westlich. Jenn betont deswegen: „Den Zubau von 1.400 Kilometer Gasleitungen benötigen wir, um den Transportbedarf dauerhaft sicherzustellen.“ Von Ausnahmen wie im letzten Winter einmal ganz abgesehen.
Zusätzlich verschärft wird der Mangel an Erdgas nach Jenns Angaben durch ein sinkendes Angebot an L-Gas. Zunehmende geologische Probleme rund um Groningen – es gab regelrechte Erdbeben – zwingen die Niederlande, die L-Gas-Produktion langfristig deutlich herunterzufahren. Und so warnt der Bayernets-Geschäftsführer denn auch: „Auf die Umstellung von L- zum H-Gas müssen wir weiterhin verstärktes Augenmerk legen.“
Auch die EWE stellt auf H-Gas um
Im letzten Jahr wurden bundesweit 110.000 Geräte auf H-Gas umgestellt, in diesem Jahr sollen es über 160.000 werden. Mit dabei ist der fünftgrößte Gasversorger Deutschlands, die EWE aus Oldenburg. Seit Montag strömt das energiereichere Gas jetzt auch zu den Verbrauchern im südlichen Landkreis Rotenburg. In den vergangenen neun Monaten schickte die EWE ihre Fachleute zu 45.000 Gaskunden.
Das vorwiegend aus Norwegen und Russland stammende H-Gas setzt beim Verbrennen mehr Energie frei als das L-Gas. Deshalb müssen die Endgeräte aller Gaskunden umgestellt werden, bevor die neue Gasqualität strömen kann. Bei mehr als 99 Prozent der Haushalte sei das problemlos möglich gewesen, sagt EWE-Sprecher Jens Witthus dem NDR. Nur Heizungen und Gasherde, die älter als 30 Jahre sind, hätten zum Teil ausgetauscht werden müssen. (sig)

