Die Verdichterstation in Mallnow nahe der deutsch-polnischen Grenze übernahm bislang vorwiegend russisches Erdgas, das über die Jamal-Pipeline transportiert wurde.

Die Verdichterstation in Mallnow nahe der deutsch-polnischen Grenze übernahm bislang vorwiegend russisches Erdgas, das über die Jamal-Pipeline transportiert wurde.

Bild: © Patrick Pleul/dpa

Deutschlands große Gasimporteure haben Post bekommen. Vom einst so zuverlässigen und nun so unzuverlässigen Handelspartner Gazprom.

Darin begründet der russische Energiekonzern, warum vertraglich zugesicherte Lieferungen bislang ausgeblieben seien und derzeit weiter ausbleiben. Er beruft sich demnach auf "Force Majeure" oder "höhere Gewalt". Also auf die Standardklausel, wonach Krieg, Naturkatastrophen oder Pandemien Vertragspartnern erlauben, Leistungen nur unzureichend oder gar nicht erfüllen zu können.

Wirbel um Turbine

Am Dienstagabend hatten zumindest Uniper und RWE bestätigt, entsprechende Schreiben erhalten zu haben. Der Leipziger Großhändler VNG ließ eine ZfK-Anfrage dazu vorerst unbeantwortet.

Doch kann Gazprom "höhere Gewalt" überhaupt in Anspruch nehmen? Gern verweist Russland auf die in Kanada gewartete, für einen reibungslosen Betrieb der Ostseepipeline aber demnach notwendige Turbine. "Davon hängt die verlässliche Arbeit der Gasleitung Nord Stream und die Versorgung der europäischen Verbraucher ab", teilte Gazprom am Wochenende mit.

Uniper-Chef enttäuscht

Doch reicht dies aus, um sich auf "höhere Gewalt" zu berufen? Uniper hält dies für nicht gerechtfertigt und wies diesen Anspruch zurück.

Schon vor einigen Tagen hatte sich Konzernchef Klaus-Dieter Maubach über das Verhalten Gazproms enttäuscht gezeigt und darauf verwiesen, dass ein Weltkonzern wie Gazprom, der in einer Liga mit Saudi-Arabiens Aramco oder dem US-amerikanischen Ölriesen Exxon Mobil spielen wolle, auch in der Lage sein müsse, auf anderem Wege seine Lieferverpflichtungen zu erfüllen.

Alternativrouten bleiben ungenutzt

Tatsächlich hat es Gazprom bislang unterlassen, trotz ausreichender Kapazitäten zusätzliche Gasmengen über die durch Polen gehende Jamal-Pipeline oder die Ukraine zu leiten. Seit Wochen fließt kein russisches Gas mehr durch Polen. In der Ukraine blieben die Gasflüsse zuletzt stabil bei 400 MWh pro Tag.

Das in Russland zirkulierende Argument, die Turbine falle unter EU-Sanktionen, wies wiederum ein Sprecher des deutschen Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) zurück. "Weder die Einfuhr der Turbine von Kanada nach Deutschland noch der Weitertransport von Deutschland nach Russland ist von den EU-Sanktionen erfasst", teilte er auf ZfK-Nachfrage mit. "Die Ausfuhr der fraglichen Turbine nach Russland erfordert damit keine Genehmigung."

Gaspreise steigen wieder

Unklar ist, wo genau sich die Turbine derzeit befindet. Kanada hat jedenfalls bereits die Auslieferung erteilt, wie der Bafa-Sprecher bestätigt. SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert beteuerte, dass die Bundesregierung alles dafür getan habe, dass es "kein technisches Argument mehr für die russische Seite" gebe, die Pipeline nicht wieder ans Netz zu nehmen.

In Russland erwartet aber offenbar niemand, dass die Turbine noch bis zum Ende der regulären Wartungsarbeiten am 21. Juli eingebaut wird, wie Korrespondenten berichten. Auch Gashändler werteten die Gazprom-Briefe als Zeichen, dass es länger dauern kann mit dem Nord-Stream-1-Stopp. Waren seit Mittwoch die Gaspreise im Großhandel gefallen, zogen sie am Dienstag wieder an und kletterten erneut über die 160-Euro-Marke (TTF, Liefermonat August).

Kehrtwende am späten Nachmittag

Doch am späten Nachmittag dann eine Kehrtwende. Die US-Nachrichtenagentur Reuters berichtete unter Berufung auf zwei mit den russischen Exportplänen vertraute Personen, dass nach dem 21. Juli wieder Gas durch Nord Stream 1 fließen werde, wenn auch auf reduziertem Niveau.

Daraufhin sackte der Preis von 164 auf 156 Euro pro MWh ab.

Speicherfüllstand bei 65,1 Prozent

Die Befüllung der deutschen Speicher nahm zuletzt wieder etwas an Fahrt auf. Stand Sonntag lag der Füllstand bei 65,1 Prozent – nach einem Zuwachs von 0,25 Prozentpunkten im Vergleich zum Vortag.

Marktexperten fürchten allerdings, dass bei einem weiteren Ausbleiben russischen Gases über Nord Stream 1 das Speicherziel von mindestens 80 Prozent bis zum 1. Oktober verfehlt wird. Die Ausrufung der Gas-Notfallstufe würde dann wohl deutlich näher rücken. (aba/dpa)

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