Russlands Präsident Wladimir Putin

Russlands Präsident Wladimir Putin

Bild: © Alexander Nemenov/Pool AFP/AP/dpa

Am Tag des Stopps russischen Gases an die Niederlande orteten Marktexperten erste Anzeichen für reduzierte Gasmengen nach Mitteleuropa. Wie der Gasversorger GVS in seinem Wochenbericht festhielt, kam es am Morgen zu einer Verringerung des Gasflusses durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1.

Am ukrainisch-slowakischen Grenzpunkt Valke Kapusany wurden derweil 435 GWh pro Tag registriert und damit in etwa so viel wie in den Tagen zuvor. Die Bundesnetzagentur stufte die Gasversorgungslage in Deutschland weiterhin als stabil ein. Der angekündigte Lieferstopp gegenüber den Niederlanden habe bislang keine Auswirkungen, hieß es weiter – weder auf die Versorgungssicherheit hierzulande noch auf die beim Nachbarn.

Streit um Euro und Rubel

Am Montag hatte Russland angekündigt, seine Lieferungen in die Niederlande einzustellen. (Die ZfK berichtete.) Damit ist der Beneluxstaat nach Bulgarien, Polen, Litauen und Finnland mindestens das fünfte EU-Land, das nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine kein russisches Gas mehr erhält.  Ab dem heutigen Mittwoch wird der russische Staatskonzern Gazprom auch den dänischen Versorger Ørsted sowie Shell Energy Europe nicht mehr mit Gas beliefern

Hintergrund ist, dass sich Unternehmen der betroffenen Länder weigern, für die Gaslieferungen wie von Russland gefordert Gas in Rubel zu bezahlen. Bestehende Verträge sehen eine Überweisung in Euro oder US-Dollar vor.

Gaspreise ziehen an

Bis zum 1. Oktober werden werden zwei Mrd. Kubikmeter Gas aus Russland in den Niederlanden fehlen, hatte Gasversorger Gas Terra am Montag mitgeteilt. Danach wäre der Vertrag ohnehin ausgelaufen.

Infolge des Gasstopps und des in Brüssel bekanntgegebenen europäischen Teilembargos auf russisches Erdöl zogen am Dienstag die Gaspreise im Vergleich zum Vortag an. So wurde der Frontmonatskontrakt am Handelspunkt TTF zwischendurch wieder für mehr als 95 Euro pro MWh gehandelt. Der Januarkontrakt übersprang die 100-Euro-Marke.

LNG-Terminal und Eigenproduktion

Noch 2021 hatten die Niederlande etwa 15 Prozent ihres Gasbedarfs aus Russland gedeckt. Die heimischen Gasspeicher sind zurzeit zu 37 Prozent gefüllt. Sorgen macht insbesondere der Riesengasspeicher in Bergenmeer (48 TWh Fassungsvermögen), der zu Teilen von Gazprom genutzt wurde und nun lediglich einen Füllstand von 25 Prozent aufweist. Er soll nach dem Willen der niederländischen Regierung nun von anderen Unternehmen aufgefüllt werden.

Die Niederlande verfügen in Rotterdam über ein LNG-Terminal. Zudem produzieren sie in Groningen selbst Gas. Allerdings sollte die Förderung wegen Erdbebengefahr noch in diesem Jahr gestoppt werden. Unklar ist, ob dies nach dem vorzeitigen Ende der Gazprom-Lieferungen weiterhin haltbar ist.

Dänemark kann weiter Gas am Markt beziehen

In Dänemark wird derweil mit keinen Versorgungsengpässen gerechnet. Nach Angaben von Ørsted kann Russland die Gaslieferung nach Dänemark nicht direkt abschneiden, weil es keine Gas-Pipeline gibt, die direkt von der Energiegroßmacht ins Land führt. Es sei Dänemark deshalb weiterhin möglich, Gas zu beziehen. Dies müsse jedoch dann in größerem Maßstab auf dem europäischen Gasmarkt erworben werden.

Italien-Ausstiegsszenario

Ørsted beliefert nach eigenen Angaben vor allem größere Unternehmen in Dänemark und Schweden mit Gas. Zudem hat es Gasspeicherkapazitäten unter anderem in Dänemark und Deutschland, die es als Reserven nutzen will.

Deutlich schwerer mit einem russischen Gasstopp würden sich voraussichtlich Großimporteure wie Deutschland, Österreich und Italien tun. So prognostizierte Claudio Descalzi, Chef des italienischen Energiekonzerns Eni, in einem Interview mit der Tageszeitung "Corriere della Sera", dass sein Land erst im Winter 2024/25 russisches Gas vollständig ersetzen könne. (aba)

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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