Wasserstoff gilt als wichtiger Baustein für den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft.

Wasserstoff gilt als wichtiger Baustein für den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft.

Bild: © Adobe Stock/malp

Ist die Bundesregierung beim Thema Wasserstoff nicht ehrgeizig genug? Ja, sagen die Verfasser der nun veröffentlichten Studie „Wasserstoffbasierte Industrie in Deutschland und Europa: Potenziale und Rahmenbedingungen für den Wasserstoffbedarf und -ausbau sowie die Preisentwicklungen für die Industrie“ von Enervis, die in Kooperation mit der Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE entstanden ist. Kurz- und mittelfristig brauche es einen deutlich ambitionierteren Elektrolyseurausbau als in der aktuellen Nationalen Wasserstoffstrategie vorgesehen, heißt es dort. Andernfalls würden Verteilungswettbewerbe zwischen Sektoren und Branchen drohen.

Zudem sei es für den Markthochlauf von Elektrolyseurkapazitäten und damit für die Investitionsentscheidungen der energieintensiven Industrie sinnvoll, vorrangig den Einsatz von Elektrolyseuren zur Erzeugung von buntem Wasserstoff – die strommarktbasierte Wasserstofferzeugung – voranzutreiben, schreiben die Autoren weiter. Eine Beschränkung auf die alleinige Wasserstofferzeugung direkt an Anlagen erneuerbarer Energie (EE) sei betriebs- und volkswirtschaftlich teurer und gefährde den schnellen Markthochlauf der Wasserstofftechnologie sowie damit die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der EE-basierten Industrie, warnen die Verfasser der Analyse.

Grüner Wasserstoff ist Mangelware

„Nur mit gigantischen Mengen an Wasserstoff können energieintensive Industriebranchen wie Chemie oder Stahl klimaneutral werden. Das Ziel ist, dass er mit Hilfe erneuerbarer Energien erzeugt wird. Nur: Es wird diesen „grünen Wasserstoff“ auf mittlere Sicht nicht in relevanten Größenordnungen geben“, gibt Michael Vassiliadis, der Vorsitzende der Stiftung Arbeit und Umwelt sowie der IG BCE, in einer Pressemitteilung zu bedenken. Es sei wichtig daher zumindest zu Beginn des Transformationsprozesses die Farbenlehre zu erweitern. Es sei wenig sinnvoll, vor „buntem“ Wasserstoff zurückzuschrecken. Schließlich könne man bei dessen Herstellung ebenfalls vermeiden, dass CO2 in die Atmosphäre gelangt. „Wichtig ist, dass jetzt in die Technologie investiert wird, um den Wasserstoff dann auch zeitnah in der Produktion einsetzen zu können. Das aber wird niemand tun, wenn Wasserstoff noch nicht ausreichend zur Verfügung steht“, kommentiert Vassiliadis weiter.

Beim Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) sorgen die Ergebnisse der Enervis-Analyse für Ärger – schließlich ist mit strommarktbasiertem Wasserstoff auch Strom aus Gas, Kohle und Atomkraft gemeint. Der BEE lehne ein solches Vorgehen strikt ab, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbands. „Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern muss immer der Energiewende und der Erreichung der Klimaschutzziele dienen. Einzig und allein grüner Wasserstoff kann dies leisten. Wasserstoff darf nicht als Lebenselixier einer klimaschädlichen Energieproduktion missbraucht werden“, mahnt BEE-Präsidentin Simone Peter. 

Elektrolysekapazität hochfahren

Richtig sei hingegen, dass zur Deckung der steigenden Bedarfe an grünem Wasserstoff die inländische Elektrolysekapazität deutlich hochgefahren werden müsse. LEE NRW und BEE hatten in einer gemeinsamen Studie kürzlich dargelegt, dass die heimische Erzeugung von grünem Wasserstoff unter Berücksichtigung aller ökonomischer Faktoren konkurrenzfähig zu Importen sein kann und darüber hinaus enorme Chancen für Wertschöpfung und Klimaschutz bietet. „Der in der nationalen Wasserstoffstrategie festgelegte Zielwert von fünf Gigawatt Elektrolyseleistung bis 2030 ist deutlich zu niedrig, Hier muss dringend nachgebessert und für den Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft jetzt der notwendige Rechtsrahmen gesetzt werden“, so Peter. 

Hierbei müsse sichergestellt werden, dass nachgewiesen bilanziell ausschließlich Strom aus Erneuerbaren Energien genutzt werde. Einen hohen Anteil des benötigten erneuerbaren Stroms könnten in einem ersten Schritt Post-EEG-Anlagen liefern. Besonders wichtig sei es jedoch, jetzt die Ausbaupläne für die erneuerbaren Energien um die Bedarfe für die Wasserstoffelektrolyse zu erweitern. „Der beschleunigte Ausbau der erneuerbaren Energien ist die notwendige Voraussetzung für grünen Wasserstoff“, ist Peter überzeugt. (amo)

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