Links und rechts die Geschäftsführer des Ausschreibungsportal-Betreibers Tender365, Helmut Kusterer und Frank Sonne, auf der Messe E-World 2019, in der Mitte Alexander Schießl, Chef des kooperierenden Portals Eless und mittlerweile im Tender365-Beirat.

Links und rechts die Geschäftsführer des Ausschreibungsportal-Betreibers Tender365, Helmut Kusterer und Frank Sonne, auf der Messe E-World 2019, in der Mitte Alexander Schießl, Chef des kooperierenden Portals Eless und mittlerweile im Tender365-Beirat.

Bild: Georg Eble © ZfK

Im Wettbewerb der Strom- und Gashandelsplattformen will sich Tender365 "gewissermaßen" zu einem "Lotsen im Plattform-Dschungel" entwickeln. Das teilte Helmut Kusterer (65) bei einem ZfK-Redaktionsbesuch mit. Kusterer konzentriert sich seit seinem Ruhestand bei der Gasversorgung Süddeutschland (GVS) ganz auf die Geschäftsführung von Tender365. Die GVS ist neben der energiewirtschaftlichen IT-Schmiede Exxeta der Initiator und Gründungsgesellschafter des Plattformunternehmens.

"App Store" für Energie B2B

Kusterers Kollege Frank Sonne ergänzte, die Plattform gehe in Richtung eines "App Store", der verschiedene IT-Anwendungen bündle mit dem Ziel, vom Business-to-Business(B2B)-Vertriebsgeschehen über die Beschaffung bis zur Abwicklung eine möglichst digitalisierte Prozesskette zu erreichen.

Mit anderen Worten möchte Tender365 die Automatisierung des B2B-Geschäfts bei Strom und Gas nicht nur selbst beziehungsweise durch seinen Betriebsführer und Mitgesellschafter Exxeta programmieren, sondern auch Schnittstellen zu Lösungen von Tender-Kunden für andere Kunden zulassen und deren Qualität sichern.

Das könne zum Beispiel eine gute Abrechnungs-IT sein, die einer der kommunalen Kunden für sich angeschafft habe, die sich aber für ihn allein als zu teuer erweise. Nun könne er diese über eine Schnittstelle zu Tender365 anderen Kunden in einem mit der Plattform vertraglich geregelten Pay-per-use-Modell ebenfalls zur Verfügung stellen und so Skaleneffekte generieren.

Fokus auf Nutzer und komplexe Produkte

Frank Sonne ist zugleich Director bei Exxeta, die der Betriebsführer von Tender ist. Je nach saisonalem Arbeitsanfall seien zwei bis sieben Entwickler der Exxeta für die Tender365 als einem ihrer Kunden tätig. Aus dem App-Store-Modell würden Wettbewerber von Exxeta natürlich nicht ausgeschlossen, doch der Fokus der Zusammenarbeit liege zunächst auf den Tender365-Kunden, also auf Stadtwerken und anderen Energieversorgern.

Und thematisch liege der Schwerpunkt auf "komplexen strukturierten Produkten", also weniger auf Standardhandelsprodukten. So könnten jetzt Stadtwerke beim Gas alle denkbaren Flexibilitätsprodukte sowie temperaturregressive Gaslieferungen (Tempreg-Produkte) samt Nominierungsregime ausschreiben.

Mit Liquidität "nicht über den Berg"

Mittlerweile seien auf Tender gut fünf Nutzer aktiv. Mit der Entwicklung der Handelsliquidität sei die Plattform, die seit dem vierten Quartal 2018 scharfgeschaltet ist, "noch nicht über den Berg", räumt Frank Sonne ein. Bisher wurden nach Eigenangaben 400 Mio. kWh Strom und Gas gehandelt; die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bieter einen Marktpartner bekommt, liegt demnach aktuell bei circa 25 Prozent. Zum Vergleich: Wettbewerber Enmacc liegt nach eigenen Angaben im Terawatt-Bereich und bei einer Hitrate von 50 Prozent. Und kürzlich ist die blockchainbasierte Handelsplattform "Enerchain 1.0" der IT-Schmiede Ponton mit 44 Teilnehmern gestartet.

"Ermutigend" ist für Helmut Kusterer, dass seit Februar/März mehr angemeldete Teilnehmer Aktivität entfalteten und mehr kleinere Geschäftspartner ihren Energiebedarf ausschrieben. Mittlerweile seien zudem Vattenfall, der EnBW-Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW und jüngst auch DB Energie auf Tender aktiv. "Gegenüber anderen Marktplätzen, auch regulierten, sind wir preislich mindestens ebenbürtig", fügte Kusterer unter Anspielung auf die Energiebörsen und die Brokerplattformen hinzu.

Markenbotschafter Bergschneider, Karasz und Schießl

Vertrieblich sieht sich Tender365 gut aufgestellt. Vier Persönlichkeiten aus der Energiebranche engagierten sich in einem seit Mai konstituierten Beirat als "Tender-Botschafter": darunter der Berater und ehemalige Gazprom-Germania-Manager Claus Bergschneider, der Gründer der Energy House GmbH, Michael Karasz, und der Tender-Kooperationspartner Alexander Schießl mit seiner Gewerbekunden-Energievertriebsplattform Eless. Dieser Beirat solle die Produktentwicklung und die Integration der Kunden vorantreiben sowie die Gesellschafterversammlungen vorbereiten.

Apropos Eless: Noch in diesem Jahr soll für Doppelkunden die Schnittstelle zwischen den Abschlüssen mit Gewerbekunden auf dem Portal Eless zur spiegelbildlichen Beschaffung durch das Stadtwerk auf Tender365 scharfschalten, samt Portfoliomanagement-Funktionen, Strom und Gas gleichermaßen. "Dabei können Kunden bereits beschaffte Mengen einfließen lassen", wirbt Helmut Kusterer.

Schlank und "gut durchfinanziert"

Zudem hätten sich alle vier Gesellschafter dazu verpflichtet, für den Tender-Vertrieb eine Halb- bis Vollzeitstelle abzustellen. "Wir sind dadurch vertriebsstärker geworden", sagt Helmut Kusterer. Tender365 selbst bleibe personell schlank aufgestellt. Die beiden Geschäftsführer sehen das Plattformunternehmen gut durchfinanziert. Die vier Gesellschafter hätten Tender mit Eigenkapital ausgestattet. Mit wie viel, wollten die Geschäftsführer nicht veröffentlichen. Die Ausgaben, im Wesentlichen fürs Programmieren, stammten zu 100 Prozent daraus.

Zu künftigen weiteren Gesellschaftern, die dann weiteres Eigenkapital einlegen würden, könne er noch keine Namen nennen, sagte Helmut Kusterer. Aber es zeichne sich eine durchaus erwünschte heterogene Gesellschafterstruktur aus verschiedenen Marktrollen, aber aus der Energiebranche, ab. Die Eigenkapitalverzinsung der Branchenunternehmen könne sich realistischerweise an deren sonstigen Neugeschäften orientieren, wie etwa E-Ladesäulen oder Photovoltaikanlagen.

Ohne den Namen des wagniskapitalfinanzierten Wettbewerbers Enmacc zu nennen, verwies Kusterer darauf, dass Venture-Capital-Geber mindestens 20 Prozent erwarteten. Enmacc-Geschäftsführer Jens Hartmann hatte im ZfK-Interview von Kapitalgebern mit einem langen Atem gesprochen. Frank Sonne nun: "Am Ende wird der Markt entscheiden." (geo)

Korrektur vom 16. Juli 2019: der Name des von Michael Karasz gegründeten Unternehmens (geo)

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