Das Online-Vergleichsportal Verivox erwartet aufgrund der Preissprünge im Gasgroßhandel eine „große Preiswelle“ bei den Endverbraucherpreisen für Gas. „Neben den höheren Großhandelspreisen steigt auch der CO2-Preis für fossile Brennstoffe zum Jahreswechsel von 25 auf 30 Euro pro Tonne. Diese Kosten geben viele Gasversorger direkt an ihre Kunden weiter“, sagt Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox.
Vor allem Gasversorger, die sich kurzfristig mit Gas eindecken müssten, kämen in Zugzwang, heißt es in einer Pressemitteilung von Verivox. Für September, Oktober und November haben 42 regionale Gasanbieter Preiserhöhungen von durchschnittlich 12,9 Prozent angekündigt oder bereits durchgeführt.
Verivox-Erhebung: "Haushalte vor teurer Heizsaison"
Bei einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh entspreche das Mehrkosten von rund 189 Euro pro Jahr, heißt es weiter. Laut Check24 hatten bis Ende vergangener Woche 58 Grundversorger bereits ihre Preise erhöht oder Preiserhöhungen angekündigt.
Generell müssten deutsche Haushalte im kommenden Winter fürs Heizen deutlich tiefer in die Tasche greifen, so Verivox weiter. Die Gaskosten seien im Jahresvergleich um mehr als ein Viertel gestiegen, die Preise für Heizöl legten gemäß einer Auswertung des Vergleichsportals um knapp 87 Prozent zu.
Die Gaskosten für einen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden lägen im Oktober 2021 bei durchschnittlich 1.402 Euro pro Jahr. Vor 12 Monaten habe der durchschnittliche Gaspreis noch bei 1.094 Euro gelegen. Das entspreche auf Jahressicht einem Plus von 28,2 Prozent.
Russland: Gründe für hohe Energiepreise liegen zum Teil in der EU
Für diese Preisrallye sind in erster Linie die galoppierenden Großhandelspreise verantwortlich. Diese seien zum einen der hohen Nachfrage aus Asien, zum anderen den gedrosselten Liefermengen aus Russland geschuldet. Darüber hinaus trieben die CO2-Preise im europäischen Emissionshandel, die ebenfalls steil nach oben gehen, die Preisentwicklung, so der Energieexperte Storck.
Russland hat indes die Verantwortung für den starken Anstieg der Gaspreise erneut kategorisch zurückgewiesen und das Augenmerk auf die Klimapolitik in der EU gerichtet. «Wir bestehen drauf, dass Russland keine Rolle dabei spielt, was auf dem Gasmarkt in Europa vor sich geht», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch der Agentur Interfax zufolge.
Er wies Vorwürfe aus der EU zurück, dass Russland den Gaspreis manipuliere, um so eine schnelle Inbetriebnahme der umstrittenen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 zu erwirken. «Nur Nicht-Profis, Leute, die das Wesen der Vorgänge nicht verstehen, können hier Russland in diesem Zusammenhang erwähnen», meinte Peskow.
Russland warnt vor "unberechenbaren erneuerbaren Energien"
Der Vertraute von Präsident Wladimir Putin wies vielmehr darauf hin, dass in der EU einige Faktoren zusammenkämen, die Einfluss hätten auf die Energiepreise. So sei einerseits der Energiebedarf nach dem Ende von Einschränkungen in der Corona-Pandemie wieder hoch, die Wirtschaft nehme an Fahrt auf, sagte Peskow.
Andererseits setze die EU auf erneuerbare Energien, die wie im Fall der Windenergie unberechenbar seien. So hätten etwa Windenergieanlagen zuletzt nicht die erwartete Leistung gebracht.
«Das hängt auch einfach mit den Klimaveränderungen zusammen – es gibt dort Windstillen, und dann entsteht wenig Energie aus der Windkraft», sagte Peskow. Nach russischen Angaben musste in der Folge auf Gasreserven zurückgegriffen werden, weshalb die Speicher weniger gut gefüllt seien als sonst.
"Gazprom bereit zum Abschluss neuer, langfristiger Verträge"
Die russische Seite erfülle alle Verträge, betonte Peskow. Die Lieferungen seien schon jetzt im Rekordbereich. Russland warnt immer wieder davor, sich zu sehr auf erneuerbare Energien zu verlassen. In der Gas- und Ölgroßmacht liegt der Anteil an erneuerbaren Energien bei gerade einmal einem Prozent.
Zudem sei der Staatskonzern Gazprom bereit, mit Kunden neue langfristige Verträge abzuschließen, hieß es. Der Energieriese hatte zuletzt darauf hingewiesen, dass er einen schneereichen und kalten Winter erwarte, der gut fürs Geschäft sei. Gazprom und der Kreml hatten auch erklärt, dass eine rasche Inbetriebnahme der fertigen Gaspipeline Nord Stream 2 dabei helfen könne, um etwas gegen die «Energiekrise» in Europa zu tun und die Lage auf dem Gasmarkt zu entspannen. Einen Starttermin gibt es aber bisher nicht.
EU-Minister verteidigen Klimaziele
Umweltminister mehrerer EU-Staaten haben unterdessen die gemeinsamen Klimaziele als Lösung gegen die stark ansteigenden Energiepreise verteidigt. «Erneuerbare Energien und der beherzte Ausbau dieser Energien machen uns unabhängiger von Importen von fossilen Energieträgern und sind deshalb die Lösung des Problems», sagte Umweltministerin Svenja Schulze vor einem Ministertreffen in Luxemburg.
«Wir müssen Sonne und Windenergie zu unseren Haupt-Energieformen machen», sagte Schulze. Deutschland habe gezeigt, dass man den Preis von Kohlenstoffdioxid (CO2) sozial gestalten könne. Einige Mitgliedstaaten wie Polen oder Ungarn haben unter anderem den steigenden CO2-Preis im Emissionshandel für die hohen Energiepreise verantwortlich gemacht. (hoe/dpa)



