Seit den ersten Tagen der deutschen Energiewende versucht die Gasbranche, ihre systemischen Vorteile ins Spiel zu bringen. Geglückt ist das bislang allenfalls in einigen Details. Bei der Reduktion des Treibhaus-Gases CO2 allerdings wurden die Erwartungen der Branche ebenso wenig erfüllt wie bei der Erwartung, mit Erdgas ließe sich als Brückentechnologie die Kohle verdrängen.
Doch das ist alles Teil des ersten Kapitels der Energiewende, die auf den Strommarkt beschränkt war. Mit der nun anstehenden Sektorenkopplung, die auch Mobilität und Wärmeversorgung in die Dekarbonisierung in ein sicheres und bezahlbares System einbinden soll, könnte es für die Gasversorger und Pipelinebetreiber tatsächlich zu einem nachhaltig lukrativen Wandel kommen – wenngleich viele wenn und aber im Raum bleiben.
Pipelines auch in 55 Jahren noch profitabel
Das große Zukunftsthema Gas stand deshalb im Mittelpunkt des 17. Mitteldeutschen Energiegespräches, wobei auch die Besetzung der Gesprächspartner dafür sprach, wie ernst die Sache inzwischen genommen wird. Mit dem Chef des Gashandelskonzerns VNG, an dem dem ostdeutsche Kommunen noch immer knapp 25 Prozent der Anteile halten, war ein Unternehmensvertreter erschienen, der sonst eher selten öffentliche Statements abgibt. Ulf Heitmüller aber kam und erklärte gleich zu beginn, dass die langen Abschreibungszeiträume für das Pipeline-Netz von bis zu 55 Jahren nur dann Investitionen wie derzeit in dreistelliger Millionenhöhe erlauben, wenn die Perspektive klar sei.
Und hier gebe es mit mit dem Paradigmenwechsel durchaus eine solche: Eine wachsende Erzeugung und Einspeisung von Wasserstoff sei die einzige Möglichkeit, die enormen Energiemengen bei einer umfassenden Sektorenkopplung zu transportieren und zugleich auch speichern zu können. VNG sei zwar kein Technologiekonzern, arbeite aber bei mehreren Projekten im Reallabor des Energieforschungsprogrammes mit – bis hin zur Bereitstellung von Risikokapital. "Ich bin da so zuversichtlich, weil auch die DVGW inzwischen diskutiert, die maximalen Einspeisemengen ernsthaft nach oben zu korrigieren", sagt Heitmüller. Hier seien durchaus mindestens 25 Prozent Wasserstoffanteil denkbar, zudem auch noch zusätzlich 25 Prozent Biogas, heißt es bei der Netzgesellschaft Ontras.
Zwölf Eckpunkte für Klimagesetzt
Patrick Graichen von der Agora Energiewende sieht, nachdem die Debatte um die All-Electric-Society seit zwei Jahren vom Tisch sei, eine Wärmewende ohne Power to Gas als schlicht undenkbar an. Die derzeit benötigten 1300 TWh seien aber auch mit Wasserstoff nicht darstellbar, es müsse vielmehr ein deutlicher Schub bei der Effizienz erreicht werden, meint Graichen. Eine Beimischungsquote von zehn Prozent sollte bis 2030 realistisch sein.
Ohne ein klares Commitment aus der Berliner Regierung werde das jedoch schwierig, meinte der Energieexperte mit Blick auf die zögerliche Position bei einer grundlegenden Neugestaltung der Umlagen und Energiesteuern. Agora werde in Kürze zwölf Eckpunkte für ein neues Klimagesetz veröffentlichen. "Wir müssen die Bürger mitnehmen, wenn wir einerseits Zusatzkosten verursachen, müssen auch Ausgleichszahlungen und Anreize für einen Umstieg angeboten werden." Graichen war sich mit Heitmüller und auch mit Jörg Müller, CEO von Enertrag völlig einig: Eine CO2-Bepreisung über alle Sektoren hinweg ist unumgänglich.
Enormer Effizienzgewinn durch Wind und Sonne
Müller setzte hier noch einen Schlag drauf: Mit Blick auf die Sorgen, dass ein solcher Schritt erneut die Energiekosten steigen lassen könnte, versicherte Müller, dass allein schon der konsequente Umstieg auf Wind und Sonnenenergie gegenüber der Verbrennungstechnologie einen Effizienzgewinn von zwei Drittel bringen würde. PtG sei nicht verzichtbar, allerdings fast nur für die Zeiten der Dunkelflaute, die aber sicher weniger als zehn Prozent der Jahresstunden ausmache. Freilich müsse der Wärmebedarf drastisch reduziert werden.
Technologieoffen und unkonventionell Probleme angehen
Eine ganz eigene Sicht brachte zudem Ina Stevens von EBISUblue in die Diskussion ein. Die aus der Maschinenbaubranche kommende Ingenieurin beobachtet sei Jahren die technologischen Entwicklungen vor allem in China und Japan. Während in Deutschland die Autoindustrie jetzt durch den Druck aus den chinesischen Metropolen sehr stark auf reine Elektroantriebe setze, geht die Entwicklung dort längst wieder andere Wege.
"Wasserstoff gilt dort eindeutig als wichtigere Zukunftstechnologie, nicht nur im Schwerlastverkehr", sagte die Expertin und fügte hinzu, dass auch die US-Amerikaner längst ihre LKW-Entwicklungen mit der Brennstoffzelle vorangetrieben haben – und in Kürze auf den Markt bringen. Den billigen Wasserstoff wollen sich die Japaner ab dem nächsten Sommer übrigens per Flüssigtanker aus Australien holen – wo sie bereits Braunkohle vergasen. (masch)



