Luc Graré wechselte im vergangenen Jahr von dem Elektrolyseur-Hersteller NEL zu Lhyfe.

Luc Graré wechselte im vergangenen Jahr von dem Elektrolyseur-Hersteller NEL zu Lhyfe.

Bild: © Lhyfe

Vergangenes Jahr mehrten sich die Hoffnungen auf eine grüne Erholung der Weltwirtschaft. Eine Vorhersage, die sich zumindest in Teilen erfüllt hat: In Erwartung eines Post-Covid-Aufschwungs entwickelte sich 2021 zum Rekordjahr privater und staatlicher Investitionen in nachhaltige Technogien. Einer der zentralen Profiteure ist das Multitalent Wasserstoff. Grüner Wasserstoff hat sich zur „Querschnittstechnologie“ schlechthin entwickelt, die es einzig vermag die eklatante Lücke zwischen dem Sektor Erneuerbare Energien auf der einen und einer Netto-Null-Emissionen Industrie auf der anderen Seite schließen zu können. Weltweit verzeichnet die Wasserstoffbranche ein vierstelliges Wachstum an geplanter und installierter Elektrolyseur-Produktionsleistung – und ein Ende ist hier noch lange nicht in Sicht.

Nichtsdestotrotz: die Branche steht vor gewaltigen Herausforderungen. Ähnlich wie bei Abhängigkeiten von rohstoffreichen Regionen in Zeiten der Nutzung fossiler Brennstoffe, scheinen auch neue Importstrategien Ungleichheiten zwischen Nationen zu forcieren.

Nachfrage ist größer als das Angebot

Aber es besteht Hoffnung: Kontinentaleuropa verfügt über enormes Potenzial für die Produktion von grünem Wasserstoff. So haben unter anderem Deutschland, Frankreich und die Niederlande bereits zahlreiche Projekte vorangebracht und erweitern zunehmend Herstellung und Integration. Dennoch deuten die Dekarbonisierungsstrategien der wasserstoffintensiven Sektoren auf einen massiven Nachfragezuwachs hin. Realistisch betrachtet, übersteigt die Nachfrage das Angebot bereits.

Als Teil nationaler und europäischer Wasserstoffstrategien wird nach Nah-Ost oder Nordafrika geschielt. Beide Regionen verfügen über enormes Potenzial für die Stromerzeugung durch Solarenergie und damit für die Produktion von grünem Wasserstoff. Doch lange Lieferketten schmälern den Grad der positiven Umweltwirkung. Zudem wäre durch diesen Schritt keine Abkehr von verfestigten Rohstoffimporten festzustellen.

Versorgt Europa sich bald selbst?

Europa ist jedoch auf gutem Weg, den Großteil seines Bedarfs an grünem Wasserstoff selbst zu decken. Ein Großteil dieser Versorgung wird durch die Kopplung von Offshore-Windparks mit Elektrolyseanlagen gedeckt werden können.

Offshore-Windenergie bietet eine Reihe von Vorteilen. So lassen die politischen Ambitionen hinsichtlich einer verstärkten Erweiterung von Offshore-Windparks das bereits attraktive Kostenniveau perspektivisch weiter sinken. Die Kopplung mit Elektrolyse kann davon profitieren und beiden Branchen schnelle Zuwächse garantieren. Grünen Wasserstoff aus Windenergie zu erzeugen bedeutet außerdem, dass es in Zeiten hoher Produktion und geringer Nachfrage zu keinerlei Einschränkungen kommen muss. Durch die Synergie beider Technologien und die Integration in ein übergeordnetes Netz können sich die Übertragungskosten für Strom, als auch Transportkosten drastisch reduzieren. Die Nähe zu stark frequentierten Häfen stellt überdies die Versorgung sicher, da der Kraftstoff auf den weltweiten Schifffahrtsmärkten langfristig und etabliert vertrieben werden kann.

Lokale Produktion als Innovationsbeschleuniger

Der Ausbau stärkt zudem regionale Wertschöpfungsketten und wirtschaftliche Perspektiven. Eine lokale Produktion von grünem Wasserstoff wirkt nicht nur als Innovationsbeschleuniger einer gesamten Region, sie unterstützt auch deren Energieunabhängigkeit und schafft neue Arbeitsplätze und eine Verbesserung der Lebensqualität.

Eine steigende Zahl dezentralisierter Projekte in unterschiedlichen Regionen ermöglicht ein Maß an wirtschaftlicher Gleichheit, das bei Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen und damit Regionen mit Rohstoff- oder Energievorkommen, nie zu erreichen gewesen wäre.

Kommunen aktiv unterstützen

Letztlich muss Klimaschutz auf lokaler Ebene beginnen. Es ist dabei unerlässlich die Kommunen bei diesem Wandel zu unterstützen, beispielsweise durch Bürokratieabbau und Förderungen für Regionen, die aktiv zum Klimaschutz beitragen möchten.

Der Weg einer starken, grünen Wasserstoffindustrie in Europa wird weiterhin langwierig und nervenaufreibend. Die Kosten, die mit einer solchen Transformation verbunden sind, übersteigen die gängiger Praktiken, sind aber dennoch nicht mit den Kosten zu vergleichen, die auf uns zukommen, wenn wir nicht den Weg in eine grüne Wasserstoffwirtschaft einschlagen. Trotz all der Mahnungen: Es sieht so aus, als würde sich der Weg für Europas grüne Wasserstoffindustrie endlich ebnen! - und das ist gut so, denn sie setzt ein Beispiel für die restliche Welt.

Der Autor:

Luc Graré ist Head of International Business bei Lhyfe, einem Betreiber von Elektrolyseuren zur Erzeugung von grünem Wasserstoff.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper