Für die Bewohner des Quartiers „Am Schilfpark" in Bergedorf war diese Forschung praktisch nicht zu spüren: Ihre 273 Wohnungen hatten jederzeit Heizwärme und warmes Wasser. Das Enercity-Blockheizkraftwerk (BHKW) des Quartiers lief und erzeugte Wärme und Strom. Entsprechend positiv blickt Gasnetz Hamburg auf das nach 15 Monaten abgeschlossene Projekt, bei dem erstmals waren für Erdgas gebaute Erzeugeranlagen mit einem Gasmix von bis zu 30 Prozent Wasserstoff im Einsatz waren.
Projektpartner sind der Wärmecontractor enercity contracting GmbH, das Competence Center für Erneuerbare Energien und EnergieEffizienz (CC4E) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) und der Bezirk Bergedorf. Ende September läuft das mySMARTLife-Förderprojekt aus. Die Projektpartner präsentieren ihre Erkenntnisse jetzt während einer Abschlusskonferenz gemeinsam mit den anderen Teilnehmern aus den Städten Nantes (Frankreich) und Helsinki (Finnland). Die „mySMARTLife Final Conference“ tagt ab Mittwoch dieser Woche im Hamburger Rathaus. In der zweitägigen Konferenz, die am Donnerstag mit einem Besuch beim CC4E in Bergedorf endet, wollen alle Teilnehmer aus den drei europäischen Metropolen ihre Erfahrungen mit den Innovationsprojekten austauschen.
Wasserstoff als Option im Bereich der Sektorenkopplung
Für Gasnetz Hamburg steht fest: Wasserstoff kann auch bei der Gebäudeenergie eine Lösungsoption darstellen – vor allem dort, wo im Rahmen von Sektorenkopplung Strom, Gas und Wärme als System zusammenwirken. Das Projekt in Bergedorf habe gezeigt, dass dafür nicht einmal neue Erzeugungsanlagen nötig sind. Erfolgreich getestet hat das Projektteam den Einsatz von Wasserstoff als Beimischung in einem Abschnitt des Erdgasnetzes sowie den Wasserstoffmischbetrieb von Wärmeerzeugungsanlagen. Trotz unterschiedlichen Brennverhaltens und geringerer Energiedichte war ein Wasserstoffanteil von bis zu 30 Prozent kein Problem für BHKW und Heizkessel, teilt Gasnetz Hamburg mit. Einige technische Modifikationen seien nötig gewesen, um die Zündzeitpunkte der Gasmotoren und die Brenner der Kessel an den Gasmix anzupassen.
„Unser Projekt zeigt erfolgreich, wie gut sich Erdgasgeräte auch für einen Mischbetrieb mit Wasserstoff eignen“, sagt Tom Lindemann, Projektleiter bei Gasnetz Hamburg. „Sicherlich ist die hier erprobte Lösung nicht flächendeckend in Hamburg einsetzbar. Doch sie zeigt eine wichtige Lösungsoption für einzelne Netzabschnitte auf, in denen gewandelter Ökostrom als Gas gespeichert und später bei Bedarf wieder zu Strom und Wärme werden kann.“
Rückverstromung von Wasserstoff als Ansatz
Die Erkenntnisse aus dem Projekt dienen einem langfristigen Ziel: Die Rückverstromung von erneuerbarem Wasserstoff zu ermöglichen und damit die Verfügbarkeit von Strom von dessen Erzeugung zu entkoppeln. Über Elektrolyseure lässt sich fluktuierende erneuerbare Energie in Wasserstoff wandeln und so speichern. So leistet das klimaneutrale Gas einen zentralen Beitrag in einem künftigen Energiesystem, bei dem Gebäudewärme, Strom und Gas nachhaltig zusammenwirken.
Gasnetz Hamburg hatte für die Projektlaufzeit eigens eine Wasserstoff-Einspeiseanlage vor dem Bergedorfer Wohnquartier errichtet. Aus Gasflaschenbündeln mixte ein digital gesteuertes System in einem kleinen Betriebshäuschen einen konstanten Anteil des grünen Gases ins Erdgasnetz. Auch diese Anlage war technisches Neuland und lieferte für das Technikteam von Gasnetz Hamburg wichtige Erkenntnisse über die Steuerung konstanter Mischverhältnisse, heißt es aus der Hansestadt.
Bestehende Gas-Infrastruktur nutzen
Insgesamt beobachteten die Projektpartner, dass bestehende Infrastruktur sowohl beim Versorgungsnetz als auch bei den Gasgeräten sehr viel Potential bieten, um die Dekarbonisierung voranzutreiben. Vor allem die Feinabstimmungen für den Betrieb mit dem veränderten Gas habe jede Menge Erkenntnisse zutage gefördert, die von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der HAW Hamburg nun weiter ausgewertet werden. (amo)



