Durch eine höhere Auslastung bestehender Gas- und Steinkohlekraftwerke ist eine kurzfristige Stilllegung von 9 Gigawatt Braunkohlekraftwerksleistung bis 2023 parallel zum AKW-Ausstieg möglich ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Hierdurch können die Emissionen des deutschen Stromsektors um knapp 43 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt und so das Klimaziel für 2020 in der Stromerzeugung bis in fünf Jahren erreicht werden. Und das zu vergleichsweise geringen Mehrkosten von maximal 0,4 Cent pro Kilowattstunde (kWh).
Zu diesem Fazit kommt eine Kurzstudie des Beratungsunternehmens Aurora Energy Research zum deutschen Strommarkt, die am Mittwoch von Zukunft Erdgas in Berlin vorgestellt wurde. "Wir müssen jetzt handeln und kurzfristig Maßnahmen ergreifen, die zu einer Klimaentlastung führen und uns nicht nur auf die Ziele für 2030 fokussieren", unterstrich Stephan Kohler, Aufsichtsratsvorsitzender von Zukunft Erdgas. "Nun geht es darum, auch die niedrig hängenden Früchte zu ernten und die bestehenden Gaskraftwerke besser zu nutzen", so der frühere, langjährige Dena-Chef. Sind doch die Erdgaskraftwerke in Deutschland derzeit nur zu 35 Prozent ausgelastet, die Braunkohlekraftwerke dagegen zu 78 Prozent, gefolgt von den Steinkohlekraftwerken mit 42 Prozent.
Schwieriges Marktumfeld für Gas trotz stark gestiegener CO2-Zertifikatspreise
Dabei emittieren die Gaskraftwerke mit 382 g CO2/kWh zwei Drittel weniger als die Braunkohlekraftwerke mit 1.148 g CO2/kWh und weniger als die Hälfte der Steinkohlekraftwerke mit 847 g CO2/kWh. 60 Prozent der deutschen Gaskraftwerke sind laut der Kurzstudie effiziente GuD-Kraftwerke, etwas mehr als die Hälfte erzeugt neben Strom auch Wärme. Hanns Koenig, Projektleiter bei Aurora Energy Research verwies darauf, dass auch der in den vergangenen Monaten stark gestiegene CO2-Zertifikatepreis nichts am schwierigen Marktumfeld der Gaskraftwerke geändert habe, da auch die Erdgaspreise stark gestiegen sind.
Ein "berühmtes" Beispiel ist das 2010 in Betrieb genommene 845 MW Gaskraftwerk Irsching bei Ingoldstadt, das mit einem Wirkungsgrad von rund 60 Prozent zu einem der effizientesten der Welt zählt. Seit 2016 ist es vor allem aufgrund stark gesunkener Börsenstrompreise nur noch im Reservebetrieb und verursacht so laut Norbert Breidenbach, Vorstandsmitglied der Mainova, erhebliche Kosten, die nicht über die Netzreserve-Verordnung abgedeckt würden. Mainova ist Anteilseigner des GuD-Kraftwerks.
Kohler: CO2-Stilllegungsprämien mit Bieterverfahren einführen
Auch Breidenbach fordert nun die Kohlekommission und die Politik dazu auf, zu handeln und die am meisten emittierenden Kraftwerke (Braunkohle) stillzulegen und durch weniger emittierende, vor allem Gaskraftwerke, zu ersetzen. Um dies zu erreichen, hält er zum einen eine stärkere CO2-Bepreisung für nötig, die allerdings "klug angegangen werden sollte", um einen "Wasserbetteffekt" zu vermeiden, sprich eine Verlagerung von CO2-Emissionen ins Ausland. Zudem müssten marktwirtschaftliche Anreize für die Bereitstellung von Kapazität geschaffen werden, so Breidenbach.
Kohler plädiert neben "alternativen Finanzierungsinstrumenten wie beispielsweise einem Kapazitätsmarkt" für die Einführung von CO2-Stilllegungsprämien, um den verstärkten Umstieg auf Gaskraftwerke anzureizen. Durch ein Bieterverfahren könne garantiert werden, dass das einzusparende CO2-Budget so günstig wie möglich stillgelegt werde.
Geht es in einem ersten Schritt darum, die bestehenden Gaskraftwerke zu nutzen, werden bis 2030 mindestens 54 GW zusätzliche Gaskraftwerksleistung benötigt, fordert Zukunft Erdgas mit Verweis auf die Dena-Leitstudie. Mittel- und langfristig könnten dann Erdgaskraftwerke auf erneuerbares grünes Gas umgestellt werden. Mit einer Kampagne "Gute Aussichten für unser Klima", möchte die Brancheninitiative jedenfalls in nächster Zeit verstärkt für den Umstieg auf Gaskraftwerke werben, so Kohler. (hcn)
