Nach 50 Jahren hat Ihr Unternehmen den Namen gewechselt: von Statoil zu Equinor. Welche Idee steckt dahinter?
Wir waren in der Vergangenheit ein reines Öl- und Gas-Unternehmen. Doch wir wollen uns breiter aufstellen. Wir unterscheiden bei Equinor vier Bereiche: Öl und Gas Norwegen, Öl und Gas International, Markt und Handel sowie Neue Energien wie Offshore-Wind, PV und Speichertechnologien. Insgesamt wollen wir in diesen Bereich, die neuen Energielösungen, bis 2030 rund 10,5 Mrd. Euro investieren.
Auch Deutschland hat stark in Erneuerbare investiert. Was sagen Sie zur Energiewende?
Deutschland hat sehr stark in Erneuerbare investiert, doch die CO2-Emissionen sinken nicht. Wir sehen in Deutschland keine durchdachte Strategie, um CO2 zu sparen. Bis 2030 sollen weitere Fortschritte beim kombinierten Ausbau von Solar- und Windenergie erreicht werden. Jetzt gibt es erste Signale, dass die Politik für Erdgas hier eine wichtige Rolle sieht, um die schwankende Stromerzeugung der Erneuerbaren auszugleichen. Das stimmt uns positiv. Wir hoffen daher, dass 2019 eine breitere Energiestrategie bringt, die der Rolle von Erdgas im zukünftigen kohlenstoffarmen Energiesystem Rechnung trägt.
Wie sehen Sie den Gasbedarf in der Zukunft?
Viele Studien sagen einen weiterhin großen Bedarf für die Zukunft voraus. Gerade auf mittlere Sicht wird der Gasbedarf in Deutschland und Europa noch weiter steigen. Was den Weltmarkt betrifft, so sehen wir in Asien eine hohe Nachfrage – auch langfristig.
Wie viel Gas liefert Norwegen derzeit nach Europa aus?
Wir liefern heute etwa 48 Mrd. Kubikmeter (cbm) im Jahr nach Deutschland. Der Hauptteil wird dabei über die in den 1990er Jahren errichteten Leitungen Europipe I+II transportiert. Ein Teil dieser Lieferungen wird anschließend in die Niederlande exportiert. Zweitwichtigstes Land ist Großbritannien mit 35 Mrd. cbm. Es folgen Frankreich (18 Mrd. cbm) und Belgien (16 Mrd. cbm).
Wie lange kann Norwegen noch diese Mengen liefern? Wie schätzen Sie die Reserven in Norwegen ein?
Wir investieren kontinuierlich in die Erschließung neuer Felder und den Ausbau des Pipelinenetzes, um langfristig Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Erst im Dezember 2018 haben wir beispielsweise das große Erdgasfeld Aasta Hansteen in der Arktis in Betrieb genommen. Es ist über die 482 Kilometer lange Polarled Pipeline an unsere Gasinfrastruktur angekoppelt. Zum Ende des letzten Jahres erhielten wir außerdem die Genehmigung des norwegischen Energieministeriums für die dritte Ausbauphase des wichtigen Gasfeldes "Troll". Im Prinzip haben wir erst 45 Prozent der gesamten Reserven im Norwegischen Kontinentalsockel gefördert. Weitere 30 Prozent stehen noch für die Förderung bereit und circa 25 Prozent sind bisher unentdeckt. Zudem haben wir umfangreiche Explorationsprogramme für die kommenden Jahre geplant, um weitere Ressourcen zu finden, vor allem in der mittelnorwegischen See und in der Barentssee. Mit unseren Reserven könnten wir die Gasversorgung für Europa auf dem heutigen Niveau bis 2030 aufrechterhalten.
Welche Strategie verfolgt Equinor beim LNG?
Wir verteilen natürlich den Hauptanteil unseres Gases über Pipelines. Von unserem Snøhvit-Feld in der Barentssee verschiffen wir aber auch LNG in 20 Länder weltweit. Vereinzelt nutzen wir dazu auch den Korridor nördlich von Russland, um LNG nach Asien zu transportieren. Die Kapazität liegt derzeit bei etwa 6 Mrd. cbm pro Jahr. Auf internationaler Ebene arbeiten wir derzeit an verschiedenen weiteren LNG-Projekten.
Wie sehen Sie die LNG-Konkurrenz aus den USA?
Im Prinzip ist LNG ein Thema für den asiatischen Markt. Dort wächst die Nachfrage immer weiter, jeweils etwa 15 Prozent von 2016 auf 2017 und auch von 2017 auf 2018. Die starke Nachfrage in Asien führt zu höheren Spotpreisen von LNG als hier in Europa. Wenn sich dieser Preisunterschied nicht ändert, macht es also nach unserer Einschätzung keinen Sinn, große Mengen LNG nach Europa zu verschiffen.
Wie schätzen Sie die Chancen von Gaslieferungen aus dem Kaspischen Meer?
Hier hat sich viel getan im vergangenen Jahr. Im August kam es zu einer Aufteilung der Öl-und Gasvorräte unter den fünf Anrainerstaaten, Aserbaidschan, Iran, Kasachstan, Turkmenistan und Russland. Ab 2020 könnte Gas aus dem Kaspischen Meer über die TAP nach Europa kommen. Die Frage ist nur, in welche Mengen.
Alle Welt spricht von Grünem Gas? Welche Szenarien sehen sie?
Generell muss man sagen: Es wird in Zukunft nicht nur einen dominierenden Energieträger geben, sondern mehrere. Und Wasserstoff ist einer mit einer guten Zukunftsprognose. Die Frage ist nun, wie wir den Wasserstoff herstellen. Wir haben verschiedene Technologien für die Produktion überprüft und sind der Meinung, dass die Herstellung über Erdgas eine sehr günstige Variante ist. In aller Munde ist derzeit das Power-to-Hydrogen-Verfahren, das Wind- oder Sonnenstrom nutzt, um Wasser über eine Elektrolyse zu spalten. Für große Mengen Wasserstoff ist dieses Verfahren jedoch zu teuer. Weitaus günstiger ist die Spaltung von Erdgas in Wasserstoff und Kohlendioxid – und zwar über die Dampfreformation. Das übrigbleibende Kohlendioxid wird dann in eine leere Gesteinsschicht, zum Beispiel im Norwegischen Kontinentalsockel, verpresst, die die norwegische Regierung schon für CCS-Speicherung freigegeben hat. Damit haben wir bereits jahrzehntelange gute Erfahrung. Unser östlicher Nachbar, Russland, sieht die Pyrolyse als das bessere Verfahren an. Doch dies erscheint uns zu teuer, da es weniger effizient ist.
Wie weit sind die Wasserstoff-Projekte von Equinor gediehen?
Wir planen Projekte für alle Sektoren, also Wärme, Schifffahrt und Strom. Am weitesten sind wir wohl mit dem Projekt "H21 North of England". Hier wurde jüngst eine Machbarkeitsstudie veröffentlicht. Zusammen mit unserem Partner Northern Gas Network wollen wir das Erdgasnetz von insgesamt zehn nordenglischen Städten innerhalb von sieben Jahren vollständig von Erdgas auf Wasserstoffversorgung umstellen. Die Kapazität liegt bei etwa 85 TWh. Start könnte 2028 sein.
____________________________
Das Gespräch führte Armin Leßner.
