Jan Rabe ist CEO bei Rabot Charge.

Jan Rabe ist CEO bei Rabot Charge.

Bild: © Rabot Charge

Neun Unternehmen aus der digitalen Energiewirtschaft haben sich Anfang März in einem offenen Brief an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gewandt. Ihr Vorwurf: Das geplante Netzanschlusspaket setze auf Begrenzung statt auf Intelligenz. Initiator ist Jan Rabe, CEO und Co-Gründer des Energieanbieters Rabot Energy. Gegenüber der ZFK hat er erklärt, warum er die Position der großen Branchenverbände für falsch hält – und was er stattdessen fordert.

Das Netzanschlusspaket aus dem Bundeswirtschaftsministerium soll die wachsende Last auf dem deutschen Stromnetz in den Griff bekommen. Mehr Wärmepumpen, E-Autos und Solaranlagen belasten die Infrastruktur. Die Antwort des Ministeriums: klarere Regeln für Netzanschlüsse, mögliche Kapazitätsgrenzen, Baukostenzuschüsse.

Für Rabe geht das am Kern vorbei. "Wir werden dynamische Tarife in der Breite brauchen, wenn wir das Potenzial von volatilen erneuerbaren Energien ausschöpfen wollen", sagt er. "Die Kosten werden deutlich höher, wenn wir dies nicht marktbasiert umsetzen."

Dynamische Netzentgelte – also Gebühren, die sich je nach Netzauslastung in Echtzeit verändern – sollen Verbraucher dazu bringen, Strom dann zu nutzen, wenn er im Überfluss vorhanden ist: etwa mittags bei starker Solareinspeisung. Das entlastet das Netz, ohne, dass neue Leitungen gebaut werden müssen.

Rabot Energy: Etablierte Verbände bremsen

Genau dieses Instrument lehnen die etablierten Branchenverbände ab. BDEW-Chefin Kerstin Andreae erklärte zuletzt, dynamische Einspeisenetzentgelte "entschieden" abzulehnen – sie würden die Komplexität erhöhen, Bürokratie erzeugen und am Ende zu höheren Strompreisen führen. Auch RWE warnte, solche Entgelte würden langfristige Stromlieferverträge "so gut wie unmöglich" machen.

Stattdessen plädieren BDEW, der Stadtwerke-Verband VKU und der Bundesverband Erneuerbare Energie BEE einhellig für Baukostenzuschüsse – einmalige Zahlungen beim Netzanschluss, die Planungssicherheit für Investoren bieten sollen.

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Rabe teilt diesen Kurs nicht. "Das Statement des BDEW zur Ablehnung dynamischer Netzentgelte haben wir mit Verwunderung aufgenommen. Es ist natürlich einfacher, das nicht zu machen – was aber nicht aus Kundensicht gedacht ist. Am Ende werden Verbraucher den Preis zahlen, und das wird nicht gutgehen." Baukostenzuschüsse lösten das eigentliche Problem nicht: "Damit wird nicht aktiv dafür gesorgt, dass Verbraucher Preisanreize haben, Strom dann zu verbrauchen, wenn er in Fülle verfügbar ist."

Die Bundesnetzagentur sieht das ähnlich: Auch sie will Baukostenzuschüsse einführen – hält dynamische Netzentgelte aber für ein notwendiges Ergänzungsinstrument, nicht für verzichtbar.

Millionen Geräte warten auf ein Signal

Rabe verweist auf ein Potenzial, das seiner Ansicht nach brachliegt. "Wenn man allein die bestehenden Flexibilitäten – mehr als zwei Millionen E-Autos, mehr als zwei Millionen Batteriespeicher – anschaut, ist das Flexibilitätspotenzial heutzutage schon signifikant." Diese Geräte ließen sich intelligent steuern: Wer sein Auto nachts lädt, könnte automatisch auf Zeiten mit günstigem, überschüssigem Strom ausweichen. Das schont das Netz und spart Kosten – wenn die Preissignale stimmen.

"Wir wollen diese optimieren, während große Teile der alten Energiewirtschaft den Blick nach innen richten und möglichst wenig ändern möchten", so Rabe. Eine smarte Nutzung flexibler Verbrauchsgeräte müsse das zentrale Instrument sein, um diese Potenziale zu nutzen.

Das Bündnis fordert in seinem offenen Brief fünf konkrete Schritte: Planungssicherheit statt Kapazitätslotterien bei Netzanschlüssen, Vorrang für den Smart-Meter-Rollout vor pauschalen Anschlussstopps, automatische Einbindung aller Geräte mit intelligentem Messsystem in dynamische Netzentgelte, Abbau bürokratischer Hürden für dezentrale Energieprojekte sowie die Einrichtung eines Praxisrats für intelligente Netzsteuerung beim Bundeswirtschaftsministerium.

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Geopolitik als Argument

Rabe scheut auch den größeren Rahmen nicht. "Der aktuelle Irankonflikt zeigt, dass es klug wäre, ein System aus Erneuerbaren und Flexibilitäten zu nutzen – und nicht von Flüssiggas abhängig zu sein." Wer auf ein smartes, dezentrales Energiesystem setze, gewinne nicht nur beim Klimaschutz, sondern auch bei der Versorgungssicherheit.

Die Kabinettsentscheidung zum Netzpaket steht noch aus. Ob die Kritik des Bündnisses Gehör findet, wird sich zeigen. Rabe ist vorsichtig optimistisch: "Die Reaktion in der Branche auf das Netzanschlusspaket war sehr stark. Ich hoffe, dass das Wirkung zeigt."

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