Bild: © AA+W

Mit dem Forschungsverbund "SINTEG – Schaufenster intelligente Energie" hat das Bundeswirtschaftsministerium 2017 ein üppig ausgestattetes Förderprogramm aufgelegt. In fünf regionalen Großprojekten sollen Industriepartner, kommunale Unternehmen und Forschungseinrichtungen praxistaugliche Lösungen für die nächsten Etappen der Energiewende erproben und praxisreif machen. Das ostdeutsche Programm Windnode zog Mitte März in Zwickau eine Halbzeitbilanz.

Der Osten sieht sich schon seit einigen Jahren als Modellregion für die Energiewende: Während das bundesweite Ziel für die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen erst für 2030 einen Anteil von 65 Prozent vorsieht, liegen die Jahresmittelwerte hier heute schon deutlich darüber. Die Versorgungssicherheit hat das bislang nicht in Frage gestellt, doch die ungelösten Probleme der Energiewende sind hier auch besonders dringlich: Hohe Netzentgelte, hohe Redispatchkosten, zunehmende Zwänge zur Drosselung der Erzeugung.

Trotz Programmverzögerung auf gutem Weg

Windnode, an dem nahezu 70 Partner beteiligt sind, hat sich mit seinen neun sogenannten Arbeitspaketen und vier Kernhandlungsfeldern vor allem der intelligenten Koppelung und Steuerung von Erzeugung, Last, dem Netz und Energiespeichern gewidmet. Und auch wenn angesichts langer Anlaufzeiten, Verzögerungen bei Smart-Meter-Gateways und der Bürokratie einige der Programme in zeitlichem Verzug sind, so sind die Ergebnisse nach Aussage von Projektleiter Markus Graebig "kein Tal der Tränen", sondern durchaus vorzeigbar. Das freilich ist es etwas schwierig, da ein erheblicher Teil der wissenschaftlichen Begleitforschung und auch die damit gekoppelte Öffentlichkeitsarbeit als gescheitert gelten müssen. Dem damit als Koordinator beauftragten VDI-VDE musste das Projekt entzogen werden, derzeit läuft eine Neuausschreibung. "Für die eigentlichen Projekte auch bei Windnode hat das aber keine Auswirkungen", versichert Projektleiterin Heike Neumann.

Verbrauch lässt sich mit Anreizen und Digitalisierung steuern

Entstanden sind bisher mehrere Flexibilitätsplattformen, mit denen Potenziale ausgelotete werden, inwieweit sich industrielle oder private Verbraucher durch Vernetzungen und finanzielle Anreize zu einer am Energieaufkommen orientierten Verbrauchssteuerung bewegen lassen. "Wir haben in unseren Werken in Berlin ein Lastpotenzial von rund 20 MW, das wir ohne wirtschaftliche Verluste in dieses Management einbringen können", berichtet etwa Andreas Hüttner von der Siemens AG. Allerdings lassen sich davon nur bescheidene zwei MW jederzeit garantieren, alles andere hängt auch von den Vorwarnzeiten ab – und vom Geld. Ab etwa sechs Cent pro kWh werde es wirtschaftlich interessant, was angesichts der Kosten für die Abregelung von Windanlagen derzeit im Prinzip keine Hürde sein dürfte.

Größere Potenziale sieht Hüttner aber auch abseits der reinen Produktionsanlagen – bei Siemens etwa Antriebe oder die Brennöfen, mit denen die Beschichtung von Turbinenschaufeln mit Keramik erfolgt. Wenn man etwa die Hallenklimatisierung mit einbeziehen würde, wäre der Effekt deutlicher. Allerdings gibt es hier viele arbeitsrechtliche Hürden. Andere beteiligte Unternehmen wie etwa die Lidl-Gruppe haben es da einfacher: Allein schon mit der Regelung der Kühlleistung in den Ladengeschäften lassen sich enorme Energiemengen einsparen oder als Zusatzlast generieren – allerdings nur im Stundenbereich.

Wohnungsbestände mit hohem Sparpotenzial

Flexibilität wird auch im Kommunalbereich angestrebt. Bei Windnode werden hier beispielhaft sanierte und mit intelligenter Regelungstechnik ausgestattete Wohngebiete im Norden Berlins, in Zwickau und Dresden untersucht. Severin Beucker vom Borderstep-Institut hat dabei inzwischen an Zahlen belegbare 20 bis 30 Prozent Einsparpotenziale vorzuweisen. Normale Plattenbauten energetisch zu sanieren bringe zwar auch einen Vorteil, doch mit der intelligenten Vernetzung und der entsprechenden Steuerung des über ein BHKW versorgten Nahwärmenetzes lassen sich daraus sogar KfW-60-Häuser machen. Der wirtschaftliche Aufwand sei überschaubar und amortisiere sich  in wenigen Jahren. Ungeklärt sei allerdings, wie der Investor/Eigentümer an den Rückfluss dieser Mittel komme, denn sparen kann bislang nur der Wohnungsnutzer.

PtH könnte von Ausnahmeregelung profitieren

Auch längst bekannte Projekte wie das Versuchskraftwerk der Enertrag in der Uckermarck sind unter das Dach von Windnode geschlüpft, dazu kommen auch noch zahlreiche andere Ansätze, mit denen sich Unternehmen wie etwa Vattenfall über Power-to-heat an der Sektorkopplung beteiligen wollen. Theoretisch erlaubt die SINTEG-Verordnung hier Ausnahmen vom geltenden Recht, nachdem solche Anlagen wie Letztverbraucher zu bewerten sind – also für den genutzten Strom Umlagen und Steuern anfallen. Mit dem Nachweis der Systemdienlichkeit können damit solche Mehrkosten erstattet werden – abzüglich der Erlöse. Daniel Schwarz von der Bundesnetzagentur musste allerdings konstatieren, dass bislang bei ihm noch kein einziger Antrag eingegangen ist. Allerdings räumte Schwarz ein, dass das Antragsverfahren sehr bürokratisch und die tatsächliche Kostenübernahme auch schwer zu kalkulieren sei. Immerhin habe die BnetzA inzwischen ihre anfangs starke Skepsis gegenüber dem SINTEG-Programm aufgegeben und wolle auch beim Antragsverfahren nachbessern. Daher gehe er davon aus, dass von den allein im Windnode-Programm aufgeführten PtH-Projekten einige doch noch eingereicht werden. (masch)

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