Die AGFW will für mehr Transparenz bei der Fernwärme sorgen. Man wolle „Verbraucherschutz und Preistransparenz“ weiter ausbauen, kündigte Präsident Hansjörg Roll beim AGFW-Infotag an. Dazu will die AGFW im Frühjahr eine Plattform an den Start bringen. Diese soll unter anderem Fernwärmepreise in ganz Deutschland übersichtlich offenlegen. Grundlage sollen „Standardfälle“ bei Einfamilien- aber auch Mehrfamilienhäusern sein.
Für mehr Durchblick will die AGFW laut Roll auch bei den Wärmenetzsystemen sorgen. Interessierte Bürger sollen auf einen Blick sehen können, welche Brennstoffe mit welchem Anteil zum Einsatz kommen.
Für Laien undurchschaubar
Handlungsbedarf sieht die AGFW auch bei den Preisänderungsformeln. Carsten Diermann von der LBD-Beratungsgesellschaft, machte in seinem Vortrag deutlich, dass die Preisgestaltung bei der Fernwärme für den Laien nahezu undurchschaubar und selbst für Experten herausfordernd ist. Versorger würden Begriffe wie Grundpreis unterschiedlich interpretieren. Eine weitere Baustelle sei die Vielfalt an Indizes, die die AGFW in Zusammenarbeit mit den Mitgliedsunternehmen deutlich reduzieren will. Eine wichtige offene Frage ist laut Diermann, wie etwa die Nutzung von Abwärme künftig indiziert werden solle, ohne für neue Komplexität zu sorgen.
Für Hansjörg Roll steht jedenfalls fest, dass die „Fernwärme eine erklärungsbedürftige Infrastruktur“ ist. Es sei erfreulich, dass die Politik die Bedeutung der Fernwärme erkannt habe. „Das wird auch kein Strohfeuer bleiben.“ Allerdings seien viele potenzielle Fernwärme-Kunden zurückhaltend, führte Roll weiter aus und gab Einblick in seinen Hauptjob als MVV-Technikvorstand. „Im Neubau kommt die Fernwärme gut voran, im Bestand wachsen wir viel zu langsam.“ Eine von der MVV gestartete Fernwärme-Kampagne hätte bei etwas mehr als 1000 angeschriebenen Kunden zu lediglich acht Vertragsabschlüssen geführt. Rolls Fazit: „Die Menschen sind interessiert an Fernwärme, werden aber erst dann aktiv, wenn ihre vorhandene Heizung kaputtgeht.“
Kein "Einheitspreis" bei der Fernwärme
Mit der „Transparenzoffensive“ sollen also auch Vorurteile gegenüber der Fernwärme abgebaut werden. Zu hohen Erwartungen an das angekündigte Portal erteilte Roll allerdings eine Absage. „Es wird am Ende nicht überall den gleichen Preis für die Fernwärme geben. Da muss man realistisch bleiben.“ Zu unterschiedlich seien die Voraussetzungen vor Ort.
Unüberbrückbare Differenzen mit den Verbraucherschützern kann Roll nicht erkennen. Diese hatten in der Vergangenheit immer wieder darauf gedrängt, dass Versorger ihre Preise veröffentlichen und dabei etwa auch über Netzverluste informieren. Eine Veröffentlichungspflicht besteht bereits seit Oktober 2021. Auch die angeblich zu großen Spielräume bei der Preisgestaltung sind Verbraucherschützern ein Dorn im Auge.
Schiedsstelle soll kommen
Roll stellte beim AGFW-Infotag auch die Schaffung einer außergerichtlichen Schiedsstelle in Aussicht. Diese könnte bei Streitigkeiten zwischen Versorgern und Verbrauchern schlichten. Generell sei das Vertrauen der Kunden in die Fernwärme allerdings hoch. „Beschwerden konzentrieren sich auf einige wenige Fälle und Wärmenetze, die bestehenden Kontrollmechanismen der Bundes- und Landeskartellämter greifen“, betonte Roll.
Bei Wirtschaftsminister und „Fernwärme-Fan“ Robert Habeck rannte der AGFW-Chef mit seinen Ankündigungen offene Türen ein. Der Grünen-Politiker erwägt ohnehin, rechtliche Vorgaben bei der Ermittlung von Fernwärmepreisen zu ändern. Konkret nannte Habeck die Kopplung der Fernwärmepreise an den Durchschnitt der Preise fossiler Energien. Das mache „für die Zukunft“ keinen Sinn, so der Minister.
Wünsche an Habeck
Dringenden Handlungsbedarf sieht die Branche bei der Verlängerung des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes (KWKG) bis 2035. Eine Novellierung des KWKG müsse bis zur Sommerpause 2024 auf den Weg gebracht werden, da Verzögerungen bereits heute dazu führten, dass Investitionen nicht getätigt würden und so das Gesamtziel Klimaneutralität bis 2045 gefährdet sei, führte Roll aus. Zudem müsse der Umstieg auf klimaneutrale Brennstoffe mit allen sich ergebenden Konsequenzen mitgedacht und umgesetzt werden. Dazu zähle unter anderem die Bereitstellung von ausreichend Wasserstoff. „Das KWKG ist die Lösung für viele aktuelle Herausforderungen, besonders im Kontext der angespannten Haushaltslage im Bund“, so Roll. „Durch die Finanzierung über die KWK-Umlage belastet das Gesetz den Haushalt nicht, sodass Mittel für die Kraftwerksstrategie zur Verfügung stehen“, gab der MVV-Manager zu bedenken.
Eine weitere Baustelle sei die Wärmelieferverordnung. Die geforderte Kostenneutralität zwischen bisheriger Eigenversorgung und Fernwärmelieferung passe nicht mehr in die Zeit und bremse den Fernwärmeausbau. Es sei nur sehr selten möglich, die geforderte Kostenneutralität einzuhalten, indem Kosten auf die Mieter umgelegt werden. Da der Vermieter die Kostendifferenz selbst tragen müsste, erfolge oft keine Umstellung. Der Vorschlag der Branche: Die Politik sollte sich an der im Zuge der Anpassung des GEG eingeführten Regelung für Vermieter orientieren. „Aus unserer Sicht sollte auch bei der Umlagefähigkeit der Betriebskosten Chancengleichheit zwischen Fernwärme und dezentraler Wärmeversorgung hergestellt werden.“ (amo)



