Ab jetzt kann gebaut werden (von links): Karin Thelen (Stadtwerke München), Dieter Reiter (Oberbürgermeister Münchens), Robert Habeck (Bundeswirtschaftsminister) und Florian Bieberbach (Stadtwerke München) beim Spatenstich am Münchner Michaelibad.

Ab jetzt kann gebaut werden (von links): Karin Thelen (Stadtwerke München), Dieter Reiter (Oberbürgermeister Münchens), Robert Habeck (Bundeswirtschaftsminister) und Florian Bieberbach (Stadtwerke München) beim Spatenstich am Münchner Michaelibad.

Bild: © Peter Kneffel/dpa

Würde Island mit seinen vielen Vulkanen nicht zu Europa zählen, dann hätten die Stadtwerke München an diesem Montag wohl mit Fug und Recht behaupten können, dass die größte – oder exakter: die leistungsstärkste – Geothermieanlage des Kontinents bald genau hier, in der bayerischen Landeshauptstadt, stehen wird.

Dabei dürfte der Titel größte Geothermieanlage Deutschlands, ja sogar Kontinentaleuropas, auch nicht so schlecht klingen. Das Projekt ist jedenfalls groß genug, dass zum Spatenstich nicht nur Abgeordnete aus Europaparlament, Bundestag und Bayerischem Landtag kamen, sondern auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck.

"Riesige Potenziale"

Den "Schatz aus der Tiefe" sinnvoll nutzen: Das hat sich München deutlich früher als viele andere Kommunen in Deutschland zu eigen gemacht. Schon jetzt betreiben die Stadtwerke sechs Geothermieanlagen. Jetzt kommt also die siebte und größte dazu. Die Wärmeleistung soll mehr als 80 Megawatt (MW) betragen. Dazu kommen gut 21 Megawatt aus einer Großwärmepumpe, die an den Fernwärmerücklauf angeschlossen wird. Nach geplanter Fertigstellung im Jahr 2033 soll die Anlage für rund 75.000 Münchner Wärme liefern.

Den Schatz aus der Tiefe wollen zunehmend auch andere Kommunen nutzen, nicht zuletzt, um die Wärme vor Ort klimaneutral zu bekommen. Die lange unterschätzte Geothermie habe in Deutschland enorme Entwicklungen gemacht, sagte Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München. Inzwischen seien Anlagen in Größenordnungen möglich, die man sich früher gar nicht vorstellen hätte können. In ganz Deutschland gebe es "riesige Potenziale".

"Das ist schon eine Hausnummer"

Dem stimmte Wirtschaftsminister Habeck zu. Bis zu 25 Prozent der Haushalte und Industriebetriebe könnten künftig über Geothermie beheizt werden, sagte der Grünen-Politiker. "Das ist schon eine Hausnummer. Dieses Potenzial sollten wir versuchen zu heben." Bei der Geothermie handle es sich nun auch nicht mehr um eine Technologie in den Kinderschuhen. "Das sind reale Projekte."

Wie die ZfK vom Wirtschaftsministerium erfuhr, wurden bislang 92 Geothermie-Anträge im Rahmen des Fernwärme-Förderprogramms BEW, Modul zwei, gestellt. Bei 24 Anträgen handelt es sich um Tiefengeothermie-Projekte. Hierbei wird Erdwärme in Tiefen von 400 Metern und mehr genutzt. Bei 68 Anträgen handelt es sich um oberflächennahe Geothermie.

Habeck will Tiefengrund-Erforschung

Dabei sind es bei weitem nicht nur Großstädte wie München, Hamburg und Potsdam, die auf Erdwärme setzen, sondern auch kleinere Kommunen wie Prenzlau oder Neuruppin in Brandenburg. Beide Städte erhielten bereits BEW-Förderbescheide.

Geht es nach Habeck, ist es mit Bohrungen hier und da aber nicht getan. Eines der wichtigen Projekte müsse es jetzt sein, den Tiefengrund in ganz Deutschland zu erforschen, zu kartieren und zu modellieren – "damit die Unternehmen wissen, wo sie bohren sollen."

Geothermie: Beschleunigung von Verfahren

Auch müssten die Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden. Als Beispiele nannte Habeck "eine digitale Verwaltung und eine Bündelung von Verfahren". So ließe sich die Geschwindigkeit verfünffachen.

Tatsächlich beschloss die Bundesregierung erst Anfang September einen Gesetzentwurf, der zum Ziel hat, Genehmigungsverfahren für Geothermie zu verbessern und Bürokratie abzubauen. (Die ZfK berichtete.) Münchens Stadtwerkechef Bieberbach lobte die Änderungen, die noch vom Parlament verabschiedet werden müssen, wünschte sich aber noch mehr Erleichterungen etwa im Wasserhaushaltsgesetz oder im Bergbaurecht.

Absicherung des Fündigkeitsrisikos

Einen weiteren Knackpunkt, die Absicherung des Fündigkeitsrisikos bei tiefengeothermischen Bohrungen, adressierte die Bundesregierung im Bundeshaushalt. Für das kommende Jahr wurden dafür neun Millionen Euro eingestellt. Für die Folgejahre sind weitere 39 Millionen Euro reserviert. Auch hier muss das Parlament noch zustimmen.

Apropos Geld: Billig sind neue Geothermieanlagen und die damit verbundene Wärmeinfrastruktur nicht. Insgesamt planen allein die Stadtwerke München rund 9,5 Milliarden Euro an Investitionen.

"Verdammt viel Geld"

Ja, der Fernwärmeausbau koste "verdammt viel Geld", sagte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). "Das ist aber auch zwingend notwendig." München will bis 2040 klimaneutral sein. Zwei Drittel der benötigten Wärme sollen dann über Fernwärme bezogen werden.

Reiter wünschte sich dabei mehr Unterstützung aus Berlin. "Wir teilen die Ziele der Bundesregierung zum Thema Energie- und Wärmewende absolut", sagte er. Damit die Kommunen beides umsetzen, seien aber auch Zuwendungen an die Kommunen notwendig. "Wir brauchen eine dauerhafte, stabile und auskömmliche Unterstützung des Bundes." (aba)

Kompaktes Wissen zur neuen Geothermie-Anlage der Stadtwerke München:

  • Entstehen soll eine Geothermieanlage mit vier Förder- und vier Reinjektionsbohrungen samt einer Wärmestation, in der die gewonnnene Erdwärme über Wärmetauscher an das Fernwärmenetz übertragen wird. Die Wärmeleistung soll mehr als 80 MW betragen.
  • Die Standrohrbohrungen sind für Herbst 2025 geplant, der eigentliche Bohrbeginn dann für Ende 2028.
  • Der Start der Tiefbauarbeiten für die Wärmestation ist für Mitte 2027 vorgesehen.
  • Zusätzlich soll eine Großwärmepumpe (Wärmeleistung: mehr als 21 MW) installiert werden, die die Wärmeausbeute weiter erhöht.
  • Die Bauarbeiten sollen 2033 beendet sein.

Mehr zu den Fernwäme-Plänen der Stadtwerke München:

  • Aktuell (Stand März 2024) beträgt der Wärmeabsatz rund 4,4 Terawattstunden (TWh). Bis 2045 soll er auf 5,8 TWh steigen.
  • Aktuell beträgt die Spitzenlast rund 1,9 Gigawatt (GW). Bis 2045 sollen es 2,7 GW sein.
  • Die Trassenlänge beträgt aktuell rund 1000 Kilometer. Bis 2045 sollen es etwa 1600 Kilometer sein.
  • Die Gesamtinvestitionen sollen sich auf rund 9,5 Milliarden Euro belaufen. Bis zu drei Milliarden Euro könnten aus der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) kommen.
  • Rolle der Geothermie: In Summe wollen die Stadtwerke zehn Geothermievorhaben mit mehr als 50 neuen Tiefenbohrungen in und um München verwirklichen. Die Anlage in Michaelibad ist die siebte Anlage. Zudem wollen sie ihre bestehenden Anlagen durch zusätzliche Bohrungen leistungsfähiger machen.

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