Grüne Wärmenetze sind ein wichtiger Baustein für die Energiewende. Sie können einen wesentlichen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leisten und sind auch als "Konjunkturmotor" für den Mittelstand bestens geeignet. Das ist das Ergebnis der gemeinsamen Veranstaltung "Chancen nutzen: Der Ausbau grüner Fernwärme als Impuls für Klimaschutz zu Wirtschaft" des Bundesverbands Erneuerbare Energie e.V. (BEE) und des Verband kommunaler Unternehmen e.V. (VKU) auf den Berliner Energietagen 2020. Aufgrund der Corona-Pandemie fand die Veranstaltung zum ersten Mal in digitaler Form statt.
Ulrike Lehr von der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung gab einen Überblick über die gesamtwirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Sie äußerte die Sorge, dass bereits geplante energetische Sanierungsmaßnahmen in Zeiten der Krise auf die lange Bank geschoben werden könnten. Da der Ölpreis derzeit niedrig sei, brauche es weitere Anreize, um Investitionen in diesen Bereich attraktiv zu machen.
Fehlender Masterplan
Im Anschluss berichteten Ulrich Schneider von der ESWE Versorgungs AG Wiesbaden und Gerold Kohler von den Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim von praktischen Herausforderungen bei der Umsetzung der "grünen Wärmewende". Schneider berichtete, dass das Interesse an grüner Fernwärme auf der politischen Ebene durchaus vorhanden sei. "Aber wenn solche Projekte erfolgreich umgesetzt werden sollen, brauchen wir einen Masterplan, der fortlaufend an sich ändernde Rahmenbedingungen angepasst wird", gab er zu bedenken. So sah es auch Gerold Kohler, der auf „Widersprüche zwischen den Wünschen der Politik und der Förderwirklichkeit“ aufmerksam machte.
Stadtwerke, die auf grüne Fernwärme setzen, bräuchten dringend Investitionssicherheit, sagten Schneider und Kohler unisono. "Ganz wichtig ist auch ein Bewusstsein dafür, dass die Energiewende nicht zum Nulltarif zu haben ist. Das muss in den Köpfen verankert werden, sonst werden wir unsere Probleme nicht lösen können", sagte Schneider mit Blick auf die „Preisdebatten“ über grüne Wärme.
Wirtschaftspolitik und Klimaschutz gemeinsam denken
Im Zentrum der Veranstaltung stand eine Podiumsdiskussion, an der Klaus Mindrup (MdB der SPD-Fraktion), Thorsten Herdan, Leiter der Abteilung II (Energiepolitik – Wärme und Effizienz) im BMWi, BEE-Geschäftsführer Wolfram Axthelm und Michael Wübbels, stellvertretender VKU-Hauptgeschäftsführer, teilnahmen. "Die wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie sowie auch die weiterhin bestehende Notwendigkeit, Treibhausgasemissionen drastisch zu senken, zeigt deutlich, dass Wirtschaftspolitik und Klimaschutz zunehmend zusammen gedacht werden muss", betonte Mindrup.
Nach Ansicht von Herdan erfüllen Wärmenetze diese Anforderung: "Die Bundesregierung hat frühzeitig erkannt, dass die Umstellung der Fernwärme auf Erneuerbare Energien und Abwärme wichtige konjunkturelle Impulse setzen kann. Nun gilt es, die politisch beschlossenen Maßnahmen beherzt umzusetzen und passende Rahmenbedingungen für die Umstellung zu schaffen", sagte er. Wenn Deutschland bei der Wärme nicht schnell vorankomme, "können wir die Energiewende in die Tonne treten."
Möglichst breiter Mix
BEE-Geschäftsführer Wolfram Axthelm hob die industrie- und strukturpolitischen Stärken der großtechnischen Erneuerbaren Wärme hervor: "Der Zubau von Großwärmepumpen, großen Solarkollektoren, Tiefengeothermie-Anlagen und Holz- bzw. Biogasanlagen muss vervielfacht werden, damit die Emissionslast der Netze auch tatsächlich sinkt. Klar ist, dass sich dadurch neue Marktperspektive z.B. für die Technologiehersteller und Anlagenbauer bieten. Damit werden wiederum hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen."
Er appellierte an Mindrup, sich im Bundestag für eine Stärkung der Kommunen einzusetzen. Diese seien bei der Energiewende die zentralen Player. "Es reicht dabei nicht, nur die coronabedingten Einnahmeausfälle zu kompensieren. Viele Kommunen waren schon vorher unterfinanziert", führte er aus und sprach damit auch Michael Wübbels, dem stellvertretenden VKU-Hauptgeschäftsführer aus dem Herzen. Beim Thema KWK würden die kommunalen Unternehmen "in den Startlöchern stehen", würden aber darauf warten, dass die Politik nun die Investitionsbremse löst.
Nicht alles dem Strompreis überhelfen
"Wir haben das auf dem Schirm", sagte Herdan. Die kommunalen Unternehmen seien nah an den Menschen und damit auch den potentiellen Fernwärme-Kunden. Zudem werde ihnen großes Vertrauen von den Bürgern entgegengebracht. Wer aus der Wirtschaftskrise herauskommen wolle, müsse in den Klimaschutz investieren, sagte er. "Allerdings halte ich es für falsch, den wichtigen Ausbau der Wärmenetze alleine dem Strompreis überzuhelfen", warnte er.
VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing führte in seinem Grußwort aus, dass es wichtig sei, die Maßnahmen zur Stärkung unserer Wirtschaft mit einer nachhaltigen Modernisierung unserer Volkswirtschaft und unserer Infrastrukturen zusammenzubringen. "Dazu eignet sich besonders der Aus- und Umbau der Wärmenetze. Die Stadtwerke werden in den kommenden Jahren in diesem Bereich Milliarden investieren. Das stärkt die lokale Wertschöpfung, den Klimaschutz vor Ort und die kommunalen Haushalte. Dazu braucht es jedoch die richtigen Investitionsanreize, etwa durch eine bessere KWK- und Wärmenetzförderung, einen angemessenen Kohleersatzbonus oder gute Rahmenbedingungen für den Einsatz von Wasserstoff in der Wärmeversorgung." (amo)
