Die Energiepreiskrise setzt immer mehr auch einer Stadtwerkesparte zu, die in der Regel als verlässlicher Gewinnbringer gilt: die Fernwärme.
Wer Fernwärme vorwiegend oder ausschließlich mit Erdgas erzeugt, steht zunehmend vor der heiklen Frage: Wie hoch muss der Preis steigen, damit das Geschäftsfeld weiter wirtschaftlich bleibt, und wie hoch darf er steigen, damit er auch für sozial schwächere Kunden einigermaßen bezahlbar bleibt?
"Haben keine andere Wahl"
Hohe Wellen schlug die Ankündigung des kommunalen Versorgers Wien Energie, von Herbst an seine Fernwärmepreise um 92 Prozent anheben zu wollen. "Wir haben keine andere Wahl", ließ sich Geschäftsführer Michael Strebl in einer Presseaussendung zitieren. "Das sind die bitteren Folgen der weltweiten Energiekriese und beispiellos explodierender Großhandelspreise. [...] Es ist leider keine Entspannung der Preislage in Sicht."
Brisant ist das Thema auch deshalb, weil Wien seit Jahrzehnten von sozialdemokratischen Bürgermeistern regiert wird und international für sein vergleichsweise hohes soziales Engagement etwa bei Fragen des Wohnungsbaus und des öffentlichen Nahverkehrs bekannt ist. Nach eigenen Angaben hatte Wien Energie seine Fernwärmepreise zuletzt 2016 erhöht.
"Habe wie ein Autobus geschaut"
Über die Preissteigerung erstaunt zeigte sich beispielsweise der mächtige österreichische Gewerkschaftsboss Wolfgang Katzian, der zugleich Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Österreichs ist. Er habe "wie ein Autobus" geschaut, als er dies gehört habe, sagte er in einem Interview mit dem österreichischen Sender ORF.
60 bis 65 Prozent der Wiener Fernwärme kommen aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und eigenen Heizkraftwerken, die mit Gas laufen. Der Rest wird durch Verbrennen von Müll, industrielle Abwärme und Biomasse gewonnen. Wien Energie versorgt nach eigenen Angaben mehr als 440.000 Haushalte in der österreichischen Bundeshauptstadt mit Fernwärme.
Personelle Aufstockung der Ombudsstelle
Noch muss die Preissteigerung von der Stadt Wien und den Behörden geprüft werden.
Parallel kündigte der Kommunalversorger an, soziale Härtefälle etwa über eine Ombudsstelle unterstützen zu wollen, die bis zum Herbst personell zusätzlich aufgestockt werden soll.
"Fernwärmesparte kein Gewinnbringer"
Ihre Fernwärmepreise angehoben haben bereits die Stadtwerke Flensburg – und zwar im April, um knapp 19 Prozent. Das vollständig kommunale Unternehmen versicherte damals, die hohen Beschaffungskosten für Erdgas, Steinkohle und CO2-Zertifikate nicht eins zu eins an seine Kunden weiterzugeben und die Fernwärmepreise nicht so stark anzupassen, "wie dies aus Kostengründen notwendig wäre". (Die ZfK berichtete.)
"Die Fernwärmesparte ist derzeit kein Gewinnbringer", sagte nun Geschäftsführer Dirk Wernicke auf der Bilanzpressekonferenz. Zugleich sehe er angesichts der jüngsten Preisrunde aktuell keine Notwendigkeit, weiter über Fernwärmepreise zu diskutieren. "Damit beschäftigen wir uns dann für die Folgejahre."
Verzicht auf Dividendenausschüttung
Rückendeckung erhielt Wernicke von Aufsichtsratschef und Flensburger Stadtratsmitglied Thorsten Kjärsgaard (SSW). Dieser machte klar, dass Kommune, Aufsichtsrat und Stadtwerke den Kurs unterstützen würden, auch um die Belastung für die Bürger im Rahmen zu halten. "Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen", sagte er.
Schon zuvor hatte sich die Stadt bereit erklärt, für das Geschäftsjahr 2021 auf eine Dividendenausschüttung zu verzichten. (aba)



