Energisch widerspricht Kapferer "drei Mythen", die von Teilen der Automobilindustrie und anderen Kritikern gegen die Elektromobilität ins Feld geworfen würden. Nämlich der Überlastung der Netze, dem Mangel an verfügbarem Strom und einer fraglichen CO2-Bilanz aufgrund der Nutzung von fossilem Strom. Dies stimme so nicht, unterstrich der Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) am Mittwoch bei der Fachkonferenz "Treffpunkt Netze".
So zeigten bisherige Erfahrungen und Pilotversuche, dass über eine intelligente Ladetechnik, die ein zeitversetztes oder auch bidirektionales Laden der E-Fahrzeuge ermöglicht, keine Netzüberlastungsprobleme auftauchten. Nur in Einzelfällen seien Netzverstärkungen nötig. Auch bei der Verfügbarkeit von Strom sieht Kapferer mittelfristig keine Probleme. Der Strombedarf für 1 Million Elektroautos liege bei etwa 1 Prozent der deutschen Stromproduktion, für den derzeit diskutierten Markthochlauf der E-Mobilität bis 2030 mit 10 Millionen E-Autos also bei etwa 10 Prozent der Stromproduktion. Dies sei schulterbar, so Kapferer. Zudem würden die führenden Betreiber von Ladeinfrastruktur in Deutschland jetzt schon 100 Prozent Ökostrom verwenden, ergänzte er.
Kapferer: BMWi sollte Umsetzungsprozesse stärker steuern
Um die intelligente Ladetechnik zu ermöglichen müssten Politik und Verwaltung Maßnahmen zur Umsetzung der Digitalisierung priorisieren und Hemmnisse beim Vollzug abbauen, sagte Kapferer im Hinblick auf den Zeitverzug bei der Zertifizierung von Smart Metern sowie Umsetzungsproblemen bei der Anwendung mess- und eichrechtlicher Vorschriften. "Ich wünsche mir hier, dass das Bundeswirtschaftsministerium Prozesse stärker steuert und beispielsweise regelmäßig Behördenchefs zum Bericht über den Stand der Umsetzung einlädt", sagte Kapferer. Zudem sollten personelle Engpässe abgebaut werden.
Der Parlamentarische Staatssekretär im BMWi Thomas Bareiß stimmte dem grundsätzlich zu, verwies jedoch auch auf die Komplexität vieler Fragestellungen sowie hohe Datenschutzstandards. Zudem warnte er davor, sich bei Zukunft der Mobilität nur auf batterieelektrische Antriebe zu fokussieren. „Wir brauchen einen Technologiemix“, unterstrich Bareiß. Bei der Dekarbonisierung des Schwerlast, Schiffs- und Luftverkehrs spielten Wasserstoff und synthetische Brenn- und Kraftstoffe künftig eine wichtige Rolle.
Bareiß: Pro Lizenzvergabe von 450-MHz Funknetz an die Energiewirtschaft
Für den Stromnetzbereich hält Bareiß eine enge Zusammenarbeit von Übertragungs- und Verteilnetzbetreibern auf Augenhöhe für wesentlich. Dies versuche man von Seiten des Ministeriums unter anderem auch durch eine entsprechend paritätisch besetzte Arbeitsgruppe zu fördern. "Wir wissen schon, dass die Energiewende zum großen Teil vor Ort stattfindet", unterstrich Bareiß. Deshalb habe man die zentrale Rolle der Verteilnetzbetreiber von Seiten des Ministeriums auf dem Schirm und bekenne sich zur Notwendigkeit intelligenter Verteilnetze.
Rückendeckung gab Bareiß Kapferer für seine Forderung, bei der anstehenden Lizenzvergabe für das 450-Megahertz Funknetz die Energiewirtschaft zu berücksichtigen. Denn die schnellen, sicheren Funkfrequenzen seien beispielsweise für die Steuerung von Kraftwerken oder deren Schwarzstartfähigkeit essentiell, so Kapferer. (hcn)
