"Sieben bis zehn Mio. Elektroautos werden bis 2030 auf deutschen Straßen rollen", sagt Stefan Kapferer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und Mitglied der Arbeitsgruppe 5 der Nationalen Plattform "Zukunft der Mobilität". Ein Elektroauto benötigt eine Leistung von 22 kW. Bisher waren der größte Verbraucher im Einfamilienhaus der Herd mit 4 kW oder die Saunaheizung mit 5 kW. Die Netze seien schlichtweg nicht gebaut für Ladelasten, die die E-Mobilität mit sich bringt, berichtet Martin Konermann, Geschäftsführer Technik bei der Netze BW.
Der Netzbetreiber aus Süddeutschland untersucht daher schon seit einiger Zeit das zukünftige Ladeverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher. Modellhaft dafür hat das Unternehmen die "E-Mobility-Allee" in Ostfildern, südöstlich von Stuttgart, ins Leben gerufen. In dem Wohngebiet wird zehn Testkunden ein Elektroauto und eine Lade-Wallbox zur Verfügung gestellt. Die Testkunden sind Familien und Rentner, Viel- und Wenigfahrer.
"Reichweitenangst" nimmt ab
Ziel des Projekts ist es, das Ladeverhalten der Verbraucher realistisch abzuschätzen. Die Prognosen für das Ladeverhalten, die zum Beispiel durch die nationale Plattform "Elektromobilität" erstellt wurden, seien nicht mehr zeitgemäß, so Kapferer. Das Projekt dient nun als konkretes Reallabor und die Erkenntnisse könnten die Netzausbaupläne der Verteilnetzbetreiber maßgeblich beeinflussen.
"Am Anfang haben alle viermal die Woche geladen", berichtet Konermann. Die Testteilnehmer hätten sich anfangs von der "Reichweitenangst" leiten lassen und erst nach einigen Wochen ihr Verhalten angepasst. Nun würde jedes E-Auto nur gut einmal pro Woche geladen.
Intelligentes Lademanagement ermöglicht optimale Auslastung
Die Testpersonen hatten außerdem bislang immer pünktlich zum Feierabend zwischen 17 und 19 Uhr laden wollen und damit extreme Belastungen für das Netz erzeugt. Die Fahrzeuge würden allerdings im Schnitt dreimal so lange stehen, wie es dauert sie aufzuladen. Durch smartes Laden, könnten die E-Autos der Siedlung nachts zeitlich nacheinander geladen werden und so eine optimale Netzauslastung ermöglichen. Die Tester hätten sich schnell daran gewöhnt, zähle für die meisten doch, dass das Auto morgens geladen ist, so Konermann weiter.
Die Netze BW hat für den Ausbau des eigenen Netzes rund 500 Mio. Euro bis 2025 eingeplant. Damit soll erreicht werden, dass "das Netz nicht zum Engpass wird, der den Ausbau der E-Mobilität hemmt." Stefan Kapferer erwartet, dass auf die Verteilnetzbetreiber Netzinvestitionen im niedrigen zweistelligen Milliardenbereich zukommen werden, auch wenn diese nicht ausschließlich auf die Elektromobilität fallen.
Forderungen an die Politik
Um zukunftsfähig in den Netzausbau investieren zu können, müssten jetzt zügig einige Stellschrauben gedreht werden, fordert die Branche. Dazu gehört zum Beispiel die Datenfreiheit. Der Netzbetreiber solle darüber in Kenntnis gesetzt werden, wo und mit welcher Leistung auf privatem Land Ladeinfrastruktur errichtet wird.
Außerdem soll er erkennen dürfen, auf welchem Akkustand das zu ladende Fahrzeug ist, wenn es sich an die öffentliche Ladestelle anschließt und es dann entsprechend des Lastmanagements aufladen dürfen. Diese Freiheit ermögliche intelligentes Lademanagement und damit die Vorbeugung von Netzengpässen.
Private Infrastruktur und smartes Lademanagement
Die zweite zentrale Forderung ist die Beseitigung von Hürden für die private Infrastruktur. Laut Kapferer würde vor allem die Einstimmigkeitsregel dafür sorgen, dass der Ausbau der privaten Ladepunkte nicht schneller vorangehe. Die Bundesregierung arbeite zwar schon länger an der Mietrecht-Gesetzesänderung, verpasse es aber bislang, ein Ergebnis zu präsentieren.
Um mehr Anreize zu schaffen, als Verbraucher private Ladeinfrastruktur zu errichten, müsse nun zügig die Förderung dafür kommen, so Kapferer. Um dabei Netzstabilität zu gewährleisten, könnte die Maßnahme auch um die Förderung von smartem Lademanagement erweitert werden.
Dialog und Verständigung ist für erfolgreichen Netzausbau zentral
Die Verteilnetzbetreiber würden zukünftig mehr Systemverantwortung tragen und als Plattform der modernen Energieversorgung dienen. Für Thomas Schäfer von Stromnetz Berlin ist daher vor allem der Dialog zwischen Stadtpolitik, öffentlicher Verwaltung und Mobilitätsdienstleistern notwendig, um nicht in 30 Jahren zu merken, dass der Netzausbau völlig in die falsche Richtung verlief. (pm)
