Die Ampel-Koalition plant in dieser Legislaturperiode offenbar keinen großen Wurf mehr, um den Ausbau von Stromverteilnetzen zu erleichtern. Ganz neue Projekte würden wahrscheinlich nicht mehr gestartet werden, sagte Ingrid Nestle, energiepolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, beim BDEW-Kongress. Vielmehr gehe es darum, Dinge weiterzumachen, die schon begonnen worden seien.
Als Beispiel nannte sie das Entbürokratisierungsgesetz, das sich gerade im parlamentarischen Verfahren befindet. Außerdem würde der Beirat der Bundesnetzagentur, dessen Mitglied Nestle ist, die Reform der Anreizregulierung begleiten. Diese Kompetenz liegt mittlerweile bei der Bundesbehörde.
Amortisationskonto kein Thema
Grundsätzlich würde Verteilnetzen für eine sichere und bezahlbare Energieversorgung eine "absolute Schlüsselrolle" zukommen, sagte Nestle. Das sei eine "historische Aufgabe".
Kein Thema war der Vorstoß von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), der im Frühjahr eine Art Amortisationskonto zum Glätten von Netzentgelten ins Spiel gebracht hatte. Dabei standen allerdings die Übertragungsnetze im Fokus. (Die ZfK berichtete.)
Verteilnetzbetreiber unter Druck
"Wichtig ist, dass dieses Konto auch für den Ausbau der Stromverteilnetze gedacht ist", hatte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing eingewandt.
"Es sind nämlich gerade die örtlichen Netzbetreiber, die die erneuerbaren Energien, die Wärmepumpen oder die E-Autos in ihre Netze einbinden müssen."
Mehr als 300.000 Netzanschlüsse dieses Jahr
Zuvor hatte Eon-Netzvorstand Thomas König geschildert, unter welch großem Druck Verteilnetzbetreiber angesichts eines bommenden Erneuerbaren-Marktes stehen. Die größte Herausforderung seien die explodierenden Anschlusszahlen, sagte er. Allein in diesem Jahr werde Eon mehr als 300.000 Anlagen anschließen, führte der Manager aus.
Schon jetzt liege der Erneuerbaren-Anteil in Teilen des Eon-Netzes im Vergleich zum Verbrauch bei 400 Prozent. Dabei würden die Herausforderungen noch viel größer werden. Werde sich das von der Ampel beschlossene Osterpaket so auswirken wie geplant, müssten allein im Eon-Netzgebiet 6 Mio. neue Anlagen bis 2030 angeschlossen werden, sagte König.
Kritik an Ampel-Politik
Im Hintergrund äußerten zuletzt Vertreter anderer Netzbetreiber deutliche Kritik an der Ampel-Politik. Sie wünschen sich eine bessere Balance zwischen dem Ausbau erneuerbarer Energien, der unter anderem durch das Oster- und Solarpaket befeuert wurde, und dem Ausbau der Verteilnetze.
Mahnende Töne schlug jüngst etwa N-Ergie-Chef Maik Render an. Vor allem große leistungsstarke Solarparks würden im Netzgebiet des Nürnberger Unternehmens schnell und in großer Zahl gebaut und belasteten das Netz, sagte er im ZfK-Interview.
"Echte Herkulesaufgabe"
"Wir werden allein bis 2030 etwa 1,3 Milliarden Euro in unser Stromnetz investieren, um es zu verstärken. Aber klar ist auch: Das wird eine echte Herkulesaufgabe – insofern kann ich [...] durchaus bestätigen, dass die Stromnetze immer näher an ihre Grenzen kommen." (aba)



