So viel Solarstrom wie in diesem Sommer wurde in Deutschland noch nie produziert. Die hohe, zeitgleiche Einspeisung aus Photovoltaik (PV)-Anlagen in den Mittagsstunden führte im laufenden Jahr schon zu weit über 300 negativen Preisstunden auf dem Strommarkt. Auch die Netzbetreiber sind gefordert, um die Netze bei gleichzeitig volatiler Einspeisung stabil zu halten.
Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur (BNetzA), gab in einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" am Samstag zu, dass er sich Sorgen um die Netzstabilität mache. Die Einspeisung von Solarstrom solle sich künftig "am Marktpreis und damit am Verbrauch orientieren", so der Behördenchef. "Die Flexibilität, die wir von der Industrie haben möchten, wollen wir auch den Einspeisern der Erneuerbaren abverlangen." Damit spielte er auf die Reform der Industrienetzentgelte an.
Auf Markt reagieren
Wie Müller in dem Interview ausführt, braucht es dafür weitere Maßnahmen. "Es führt kein Weg daran vorbei, neue Solaranlagen steuerbar zu machen. Sie müssen auf den Markt reagieren, also die Einspeisung stoppen, wenn niemand für den Strom bezahlen will."
Zudem müssten die Verteilnetzbetreiber in die Lage versetzt werden, bei kritischen Netzsituationen Solaranlagen zu steuern, um die Netze stabil zu halten. Müller fordert, dass der Bundestag noch im Herbst eine entsprechende Gesetzesänderung beschließen soll.
Interessen des Systems
Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, die sogenannte Ein-Stunden-Regel, bei der direktvermarktete Solaranlagen keine Vergütung erhalten, auf das kommende Jahr vorzuziehen. Ursprünglich war geplant, dass Photovoltaik-Anlagen in der verpflichtenden Direktvermarktung ab 2027 ab der ersten Stunde mit negativen Strompreisen keine Vergütung mehr erhalten sollen. Allerdings ist der Nutzen der Maßnahme fraglich, wie kürzlich eine Studie der TU Darmstadt zeigte.
Behördenchef Müller macht in dem Interview klar, dass es nicht darum gehe, den Photovoltaik-Ausbau zu bremsen. "Es gilt aber, die technischen Möglichkeiten auszureizen, etwa wenn Solaranlagen um Speicher ergänzt sind, dann kann überschüssiger Strom gespeichert und nicht abgeregelt werden." So müssten die Interessen der Investoren und des Systems besser als bisher aufeinander abgestimmt werden.
Regelung fehlt in Entwurf
Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) hat erst vergangene Woche einen Gesetzentwurf zur Novelle des Energiewirtschaftsrechts (EnWG) vorgelegt. Zum Bedauern von Branchenverbänden fehlen darin jedoch Maßnahmen für den Umgang mit negativen Strompreisen. "Das BMWK hat zwar im Begleitschreiben zum Entwurf angekündigt, sich auch noch mit diesen Punkten befassen zu wollen, wachsende negative Strompreise müssen aber dringend adressiert werden, um die Kosten im Rahmen zu halten", kritisierte Simone Peter, Präsidentin des Erneuerbaren-Verbandes BEE.
Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigte sich enttäuscht. "Damit systemkritische Netzzustände gar nicht erst entstehen, müssen einerseits alle Hemmnisse für einen schnellen Netzaus- und -umbau beseitigt werden und andererseits aber auch kurzfristig Maßnahmen ergriffen werden, die die Netzstabilität auch in Zeiten der Spitzeneinspeisung sicherstellen", so BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae. (jk)
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