Deutschland kann das ambitionierte Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu gesamtgesellschaftlichen Netto-Null-Kosten erreichen: Die Einsparungen durch den Klimaschutz im Gesamtzeitraum bis 2045 können die Kosten der Dekarbonisierung ausgleichen. Voraussetzungen dafür sind der konsequente Umstieg auf grüne Technologien in allen Wirtschaftssektoren und Lebensbereichen sowie schnelles Handeln bereits in den nächsten zehn Jahren.
Die bisherige Veränderungsgeschwindigkeit beim Klimaschutz muss sich im Vergleich zu den letzten 30 Jahren verdreifachen, in manchen Sektoren sogar verzehnfachen. Dies sind die zentralen Ergebnisse der Studie "Net-Zero Deutschland – Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2045" der Unternehmensberatung McKinsey.
6 Billion Euro Invesititonen
Die für die Klimawende benötigten Sachinvestitionen bis 2045 setzen sich McKinsey zufolge zusammen aus 1 Billion Euro Zusatzinvestitionen in "grüne" Sachgüter, z.B. in neue Anlagen, Fahrzeuge und Wärmetechnik. Hinzu kommen rund 5 Billionen Euro Ersatzinvestitionen, also für den Ersatz bzw. die Instandhaltung bereits bestehender Infrastruktur, Anlagen und Gebäude, z.B. in ein Elektrofahrzeug statt in ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor.
Durch die Zusatzinvestitionen in neue Technologien könnten eine Reihe von operativen Kosten reduziert werden, z.B. Energiekosten von Gebäuden oder Kraftstoff- und Wartungskosten von Fahrzeugen. Gelinge die Transformation rechtzeitig und erfolgreich, kann Deutschland die Technologieführerschaft in kritischen Exportsektoren aufrechterhalten und deren Beitrag zu Beschäftigung und Wohlstand absichern.
Mehr Arbeitsplätze
Zugleich werde die Transition aber auch Verschiebungen von Arbeitsplätzen auslösen, z.B. von thermischer Stromerzeugung hin zur Wasserstoffproduktion oder von der Herstellung von Verbrennungsmotoren zur Batterieproduktion. In Summe sei aber ein Zuwachs an Beschäftigung zu erwarten, z.B. durch die vermehrten Renovierungen und Installationen von Wärmepumpen im Gebäudesektor oder die Herstellung und Installation von Solar- und Windkraftanlagen.
Zehn Kerninitiativen in fünf Sektoren
Um Klimaneutralität in Deutschland bis 2045 zu erreichen, muss der Fokus nach Ansicht von McKinsey auf zehn Kerninitiativen in den fünf emissionsstärksten Sektoren Energie, Industrie, Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft liegen:
- Im Energiesektor mit jährlich rund 258 Mt CO2-Emissionen, die vermieden werden müssen, ist die massive Beschleunigung des Kapazitätsaufbaus auf bis zu 650 GW erneuerbarer Energien notwendig. Allein bis 2030 müsse der jährliche Ausbau der Kapazität gegenüber 2020 verdreifacht werden. Außerdem müssen der Ausbau und die Flexibilisierung des Energienetzes vorangetrieben werden. Hier ist eine Erweiterung des Stromnetzes um 25 Prozent erforderlich. Konkret geht es dabei um den Ausbau des Stromnetzes bis 2045 auf über 60.000 Kilometer sowie die Flexibilisierung des Netzes durch Erhöhung der Energiespeicherkapazitäten und intelligentes Lastmanagement.
- Im Industriesektor wird es entscheidend sein, die Dekarbonisierung der Grundstoffindustrie (Stichwort "grüne Materialien") durch Innovationen in Prozessen und Anlagentechnik voranzutreiben. Neben Veränderungen in der Stahlindustrie, Chemieindustrie, Zementbranche und Automobilindustrie ist der beschleunigte Aufbau von "Cleantech"-Enablern erforderlich. Dazu zählen u.a. eine wettbewerbsfähige Wasserstoffwirtschaft oder eine grüne Batterie-Wertschöpfungskette sowie eine effiziente Kreislaufwirtschaft und, darauf aufbauend, die Veränderung der Rohstoffbasis der Industrie hin zum Einsatz von recycelten Materialien.
- Im Verkehrssektor muss die konsequente Umstellung auf 100 Prozent emissionsfreie Mobilität weiter verfolgt werden. Im Zentrum steht hier der flächendeckende Einsatz nachhaltiger Antriebstechnologien (Elektro- und Wasserstoffantrieb) im Individual- und Güterverkehr. Dazu ist für die Elektromobilität nach Berechnungen von McKinsey bis 2030 ein Zubau von rund 2000 Ladepunkten pro Woche nötig. Auch die Nutzung alternativer, synthetischer Brennstoffe im Luftverkehr ist ein großes Handlungsfeld. Das allein wird jedoch nicht ausreichen: Eine stärkere Nutzung von Micro-, Smart- und Shared-Mobility-Konzepten inklusive autonomer Fahrzeuge wird erforderlich sein, um die Ressourcenproduktivität zu erhöhen.
- Im Gebäudesektor wird es nach Ansicht von McKinsey vor allem darauf ankommen, den gesamten Gebäudebestand zu modernisieren, insbesondere durch den Ersatz fossil befeuerter Wärmequellen durch nachhaltige Technologien wie Wärmepumpen und Fernwärme. Hierfür bedarf es der Umsetzung regionalspezifischer Konzepte für den Technologiemix zur klimaneutralen Wärmeerzeugung und Beschleunigung der Sanierungsrate für eine verbesserte thermische Isolierung – dies ist bei rund 55 Prozent des aktuellen Gebäudebestands erforderlich.
- In der Landwirtschaft könnten CO2-Emissionen durch den Einsatz bereits existierender Technologien wie zum Beispiel der anaeroben Güllevergärung in Biogasanlagen oder durch die Entwicklung zukunftsträchtiger Schlüsseltechnologien für eine resiliente und nachhaltige Landwirtschaft reduziert werden.
Eine wesentliche Rolle für die Transformation zur Klimaneutralität spielt der Bankensektor, weil er die Finanzierung und Begleitung der Netto-Null-Transformation über den Aufbau eines grünen Portfolios unterstützen kann. Einzelne deutsche Institute nehmen laut McKinsey bereits heute eine Vorreiterrolle in Europa ein, wenn es um die Finanzierung erneuerbarer Energien geht. Im Zuge der bis 2045 zu leistenden Investitionen sollte dieses Engagement weiter ausgebaut und über den Energie- und Infrastruktursektor hinaus auf die Industrie und den Mittelstand ausgeweitet werden. (dpa/hp)



