Es ist eine ungewöhnliche Idee, die Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck für zwei der drei noch laufenden deutschen Kernkraftwerke hat. So sollen die süddeutschen Großanlagen Isar 2 in Bayern (1,4 GW) und Neckarwestheim 2 (1,4 GW) als Reservekraftwerke bis Ende April 2023 zur Verfügung stehen und bei Strommangel zum Einsatz kommen. Doch ist das überhaupt technisch möglich und sinnvoll? Ein Überblick:
Was sagen die Betreiber der Kernkraftwerke selbst zu den Vorschlägen?
Sowohl EnBW, Betreiber von Neckarwestheim 2, als auch Eon, Betreiber von Isar 2, äußerten sich zurückhaltend. Beide wollen erst einmal prüfen, ob der vorgestellte Plan technisch und organisatorisch überhaupt machbar ist. Zweifel deutete Eon bereits an: "Kernkraftwerke sind in ihrer technischen Auslegung keine Reserverkraftwerke, die variabel an- und abschaltbar sind", hieß es in einer Mitteilung.
Zugleich betonte Eon, dass sein Kernkraftwerk auch über Ende 2022 alle sicherheitsrelevanten Anforderungen erfülle und zu den sichersten Anlagen der Welt gehöre.
Beide Betreiber unterstrichen, die Bemühungen der Bundesregierung um eine sichere Energieversorgung im Rahmen ihrer Möglichkeiten nach Kräften zu unterstützen und jederzeit gesprächsbereit zu sein.
Was sagen Experten?
Joachim Bühler, Geschäftsführer des TÜV-Verbands, äußerte sich im Gespräch mit der "Bild" skeptisch, dass Habecks Plan funktioniert. "Die drei laufenden Kernkraftwerke in Deutschland können derzeit schwankende Energieerzeugung aus Wind und Sonne kurzfristig ausgleichen und das Stromnetz stabil halten", sagte er. "Diese zeitkritische Funktion könnten die Kernkraftwerke in der Notreserve praktisch so nicht wahrnehmen, da das Anfahren aus dem Kaltbetrieb ein mehrtägiger Prozess ist."
Tatsächlich sind Kernkraftwerke im Gegensatz etwa zu Steinkohle- und Gaskraftwerken klassische Grundlastkraftwerke, die üblicherweise recht beständig und stetig Strom produzieren und zu mehr als 90 Prozent bei Volllast laufen. Kein anderer in Deutschland geläufiger Kraftwerktyp benötigt zudem so lang zum Hochfahren wie Kernkraftwerke.
Und doch gibt es laut einer Studie des Instituts für Zukunfts-Energiesysteme (Izes) aus dem Jahr 2011 die Möglichkeit, Kernkraftwerke im "Hot Standby", auch "Nulllast heiß" oder "heißer Standby" genannt, zu belassen und damit eine kürzere Reaktionszeit zu gewährleisten. Laut Welt-Reporter Robin Alexander soll das auch hinter Habecks Plan stecken. Das Wirtschaftsministerium antwortete nicht unmittelbar auf eine entsprechende ZfK-Anfrage.
Was heißt "heißer Standby"?
Hierbei läuft das Kraftwerk ohne Stromproduktion mit sehr geringer Leistung weiter, wie Izes schreibt. Dabei sind die Regelstäbe nicht vollständig eingefahren. Die Kettenreaktion ist nicht unterbrochen. Unter diesen Voraussetzungen kann demnach die Volllast wieder nach wenigen Stunden erreicht werden.
Was sind Nachteile des "heißen Standbys"?
Der Prozess ist laut Izes unter Umständen sehr langwierig und auch kostenintensiv. Zudem dürften sich sicherheitstechnische Fragen stellen. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums fallen für das Vorhalten der Einsatzreserve dagegen lediglich "überschaubare Kosten für Personal und Technik" an.
Ist der "heiße Standby" im Sinne der Übertragungsnetzbetreiber?
Eine klare Antwort dazu findet sich im Stresstest, den Deutschlands vier Übertragungsnetzbetreiber am Montag vorstellten, nicht. Hier gingen die Studienautoren auch noch vom öffentlich debattierten Streckbetrieb aus, also von einem Weiterlaufen der Kernkraftwerke mit bereits verwendeten Brennstäben, und nicht von einer Reserve.
Für das mittlere, sehr kritische Szenario nahmen sie dabei an, dass alle drei Kernkraftwerke (und nicht nur zwei) zusätzlich etwa 5 TWh Strom lieferten. "Die Einsparung bei der Stromerzeugung in Gaskraftwerken beträgt im Inland 0,9 TWh und im europäischen Ausland 1,5 TWh." Zur Einordnung: Derzeit fließt ein großer Teil des Gasstroms ins Ausland, um beispielsweise Mindermengen aus der französischen Kernkraftwerksflotte oder österreichischen Wasserkraftwerken auszugleichen.
Lastunterdeckungen in Deutschland könnten durch den Streckbetrieb der Kernkraftwerke in der Folge weitestgehend vermieden werden, schrieben die Autoren. Und: "[Die] Verfügbarkeit der [Kernkraftwerke] ist ein weiterer Baustein zur Beherrschung kritischer Situationen." Zudem empfahlen sie "dringend" die "Nutzung aller Stromerzeugungskapazitäten".
Welche Auswirkungen hat Habecks Plan auf die Strompreise?
Kernkraftwerke haben vergleichsweise geringe Grenzkosten. Hätten sie auch über Ende 2022 regelmäßig Strom produziert, hätte das in der Regel wohl preisdämpfend gewirkt, weil sie teurere fossile Kraftwerke aus der Merit-Order gedrängt hätten.
Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm hätte es auch deshalb für sinnvoll gehalten, Kernkraftwerke noch eine Weile laufen zu lassen. "Je mehr Kraftwerkskapazität zur Verfügung steht, desto niedriger sind die Strompreise", sagte sie dem ZDF.
Mitstreiter Habecks halten dem entgegen, dass der Preiseffekt nur gering und Sicherheitsrisiken weiter laufender Kernkraftwerke deutlich höher seien. Dieses Jahr waren die drei noch betriebenen deutschen Kernkraftwerke nach Angaben der Fraunhofer-Plattform Energy-Charts für 6,5 Prozent des öffentlichen Nettostroms verantwortlich. (aba)
