Eigentlich befürwortet Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung bei der Aachener Stadtwerkekooperation Trianel, ja einen Kapazitätsmarkt, um den Bau neuer flexibler Kraftwerke anzureizen. Wobei er den Begriff für "verbrannt" hält, wie er jüngst bei einem Pressefrühstück sagte, und deshalb eine Wortneuschöpfung vorschlug: "Versorgungssicherheitsmarkt".
Am Donnerstag ging der Energiemanager beim "Handelsblatt"-Energiegipfel einen Schritt weiter und brachte eine marktbasierte Alternative zum Kapazitätsmarkt in die Debatte ein: einen Handel von gesicherter Leistung nach dem Vorbild des CO2-Zertifikatehandels.
Becker will Erneuerbare und Konventionelle vermählen
Zur Erinnerung: Seit Monaten wartet die Energiebranche darauf, dass die Bundesregierung eine Strategie zum Bau neuer Kraftwerke präsentiert. Die Anlagen sollen nach Vorstellung des Ministeriums zunächst zum Großteil mit Erdgas und spätestens 2035 mit Wasserstoff betrieben werden. (Die ZfK berichtete.) Offen ist weiterhin, wer am Ende welche Kosten übernehmen soll.
Becker wollte seinen Vorschlag als "Angebot" verstanden wissen, um fluktuierende erneuerbare und konventionelle Energien "zu vermählen".
CO2-Preis und gesicherte Leistung
Windkraft und Solarenergie, das Rückgrat der Stromerzeugung 2030, würden CO2-freien Strom produzieren, stellten aber keine gesicherte Leistung dar, erklärte der Trianel-Chef. Bei konventionellen Kraftwerken sei es andersherum.
Über den CO2-Preis seien erneuerbare und konventionelle Energien preislich auf ein Niveau gebracht worden, führte der Manager aus. "Was wäre, wenn die Erneuerbaren Zertifikate für gesicherte Leistung kaufen müssten, womit sie gesicherte Leistung in den Markt stellen? Dann wären erneuerbare und konventionelle Energien wieder vergleichbar."
Preisdrücker Solarenergie
Derzeit sei es so, dass Unternehmen – Trianel eingeschlossen – im großen Stil in erneuerbare Energien investierten, während der marktgetriebene Zubau in konventionelle gesicherte Leistung seit Jahren zum Erliegen gekommen sei. "Das ist der Ordnungsrahmen, der von der Politik vorgegeben wird."
Dabei wird aus Beckers Sicht insbesondere der staatich geförderte Zubau von Solarenergie für den Stromgroßhandelsmarkt zunehmend zum Problem. Denn je mehr Solaranlagen ins Netz einspeisten, desto öfter würden insbesondere rund um die Mittagszeit negative Marktpreise auftreten. "Wenn ich mich [als Solaranlagenbetreiber 2030 rein] über den Marktpreis refinanzieren würde, würde sich die Photovoltaik-Anlage nicht mehr rechnen", sagte Becker.
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"Marktbasiert, ohne Förderung"
Anders würde es aussehen, wenn Solaranlagenbetreiber zugleich in Speicher investieren würden. Dann könnten sie produzierten Solarstrom in Zeiten negativer Börsenstrompreise einspeichern und dann wieder ausspeichern, wenn das Angebot sinkt und die Strompreise wieder steigen.
Beckers Fazit: "Lasst uns ein Zertifikatesystem einführen, an dem sich die Betreiber erneuerbarer Energien beteiligen." Diese könnten Biomasse-Zertifikate oder eben auch Zertifikate konventioneller Kraftwerke kaufen. "Dafür lässt sich ein Markt finden. Dann haben wir ein Level-Playing-Field – und zwar marktbasiert, ohne Förderung."
BEE gegen fossile Großkraftwerke
Zuvor hatte der Trianel-Chef den Vorwurf zurückgewiesen, dass Gaskraftwerke "Subventionsritter" seien. Er reagierte damit auf einen Meinungsbeitrag des Bundesverbands Erneuerbare Energie, kurz BEE. Dieser hatte den Fokus auf fossile Großkraftwerke im Rahmen der noch ausstehenden Kraftwerksstrategie kritisiert.
Dies passe weder zu den Klimazielen noch zur Dezentralität von Sonne und Wind "und erst recht nicht zum klammen Bundeshaushalt", hatte Präsidentin Simone Peter geschrieben. "Wir schaffen das Back-up für Sonne und Wind günstiger, schneller und sauberer als die konventionelle Kraftwerksbranche. Und resilienter ist ein heimisches Flexibilitätsportfolio ohnehin."
Flexibilisierung des Biogasanlagenbestands
Nach BEE-Szenarien entstehen allein durch die Flexibilisierung des Biogasanlagenbestands bis 2030 rund 12 GW flexible Leistung. Bei Hebung nachhaltiger Substratpotenziale sei es sogar mehr.
Beim Handelsblatt-Energiegipfel untermauerte die Verbandschefin ihre Position. Aus ihrer Sicht benötigen Wind- und Solaranlagen "kaum mehr [staatliche] Unterstützung", sondern einen attraktiven regulatorischen Rahmen. Dieser sei in den vergangenen beiden Jahren von der Ampel-Koalition deutlich verbessert worden.
VKU warnt vor Oligopol
"Bei steuerbaren Flexibilitäten geht es uns aber darum, anzuerkennen, dass gesicherte Leistung bereitgestellt werden kann. Wir können allein durch den Biogasanlagenpark deutlich günstiger und schneller sichere Leistung bereitstellen, als das mit Wasserstoffkraftwerken geplant ist", sagte Peter.
Einen anderen Schwerpunkt wählte der Stadtwerkeverband VKU. Aus seiner Sicht muss bei den Ausschreibungen neuer Kraftwerke ein besonderes Augenmerk auf die Akteursvielfalt gelegt werden. "Die Bildung von neuen Oligopolen im Bereich der Versorgungssicherheit muss unbedingt verhindert werden", teilte er mit.
Scholz und Habeck gegen Lindner
Wann genau die Kraftwerksstrategie vorgestellt wird, blieb übrigens auch am Donnerstag offen. Ein Durchbruch wurde bei einem kurzfristig anberaumten Ampel-Spitzentreffen am Donnerstagmorgen nicht erzielt, wie die Nachrichtenagentur Reuters meldete.
Demnach sollen sich Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Kanzler Olaf Scholz (SPD) weitgehend einig sein, während Finanzminister Christian Lindner (FDP) aus Budgetgründen weiterhin Bedenken hat. Laut Reuters will der FDP-Chef höchstens Betriebskosten neuer Kraftwerke bezuschussen. Nach Reuters-Informationen nahmen am Donnerstag übrigens auch Vertreter der Stromerzeuger RWE und Uniper teil. Die VKU-Presseaussendung dürfte auch eine Replik darauf gewesen sein.
Habeck nicht in Berlin
Die grüne Bundestagsabgeordnete Katrin Uhlig dämpfte am Donnerstag die Erwartungen, dass die Kraftwerksstrategie schon in den nächsten Tagen kommen könnte.
Tatsächlich ist auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nun nicht mehr in Berlin, sondern bis Freitag zu Besuch in Rheinland-Pfalz und im Saarland. (aba)
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