Der Kraftwerksbetreiber Leag warnt vor zu hohen Erwartungen an die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung. „Es gibt keine Garantie, dass mit der Strategie der Knoten platzt und alle anfangen zu bauen“, sagte Thorsten Kramer, Vorstandschef der Lausitz Energie Kraftwerke AG, am Mittwoch auf einem Pressegespräch am Rande des Handelsblatt-Energiegipfels in Berlin. Jeder potenzielle Investor werde die Rahmenbedingungen für den Bau neuer, wasserstofffähiger Kraftwerke vor einer Entscheidung genau prüfen, auch mit Blick auf einen perspektivischen Anschluss an das künftige Wasserstoffnetz.
Wichtig sei jetzt, eine Strategie mit „absoluter Qualität“ und „akzeptablen Rahmenbedingungen“ vorzulegen. Die Details müssten stimmen. Kein Unternehmen werde ein solches Projekt ohne ausreichende Renditeerwartungen angehen. „Wir sind ein Jahr zurück“, so Kramer. Deshalb sei es nunmehr nicht entscheidend, ob die Strategie noch im Januar oder Februar vorgelegt werde. „Ich hoffe nur, dass es nicht zu komplex wird“, betonte der Energiemanager.
In den kommenden zehn Jahren mit Gas betreiben
„Die Kraftwerke werden die nächsten zehn Jahre mit Gas betrieben, da muss man realistisch sein“, sagte Kramer weiter. Bis dahin werde Wasserstoff nicht in ausreichender Menge zu Verfügung stehen. Deshalb müsse geklärt sein, wie der Übergang zu Wasserstoff „finanziell dargestellt“ werde. Die EU-Kommission werde sicher nicht die Förderung von Gaskraftwerken unterstützen.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte am Dienstag den Zeitpunkt für die Veröffentlichung der Kraftwerksstrategie im Unklaren gelassen. „Ich weiß gerade ein paar Stunden vorher, was ich danach mache“, sagte der Grünen-Politiker auf dem Handelsblatt-Energiegipfel. Auch die Gesamtkosten der Kraftwerksstrategie wollte der Ressortchef nicht beziffern. Im Raum stand zuletzt immer wieder die Summe von 60 Milliarden Euro.
„Müssen alle an einem Strang ziehen“
Kanzler Olaf Scholz (SPD), Finanzminister Christian Lindner (FDP) und Habeck hatten sich wegen der seit Monaten überfälligen Kraftwerksstrategie am Dienstagabend zu Beratungen getroffen. Regierungssprecher Steffen Hebestreit erklärte am Mittwoch, die Gespräche zwischen Scholz, Habeck und Lindner seien gut verlaufen und würden fortgesetzt. Es müsse einen „Mix“ aus verschiedenen Kraftwerken geben.
Zu Spekulationen in der Branche, der Bau von 40 bis 50 Back-up-Kraftwerken für gesicherte Leistung in Deutschland sei trotz möglicher Förderkulisse für Kapital- und Betriebskosten am Ende nicht realistisch, wollte sich der Chef des ostdeutschen Kraftwerksbetreibers nicht äußern. „Wenn wir alle an einem Strang ziehen, kriegen wir das hin“, sagte Kramer.
Die Leag betreibt derzeit Braunkohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 8 Gigawatt (GW), ab dem kommenden März werden es noch 7 GW sein. Müssten Kohlekraftwerke länger als geplant in Bereitschaft gehalten werden sei dies kein Problem, da die neuen Kraftwerke neben den vorhandenen Blöcken gebaut würden.
Lausitzer Revier im Mittelpunkt des Umbaus
Die Leag treibt derzeit den Umbau von einem klassischen Braunkohleverstromer zu einem Unternehmen für erneuerbare Energien und Speicherlösungen voran. Im Mittelpunkt steht dabei das Lausitzer Revier. Dort sind nach jetziger Planung flexible H2-ready-Kraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 3 GW bis 2030 und 4,5 GW bis 2040 geplant. Für Wind- und Solarprojekte lautet das Ausbauziel 7 GW bis 2030 und 14 GW bis 2040. Zudem ist der Bau von Batteriespeichern im Umfang von 2 GWh (Gigawattstunden) bis 2030 und 3 GWh bis 2040 vorgesehen.
Die geplanten Produktionskapazitäten für grünen Wasserstoff (0,5 GW bis 2030 und 2 GW bis 2040) sind eher zurückhaltend. „Wir beobachten den Markt und sind noch nicht ganz überzeugt davon, dass er wirklich durchstartet“, erklärte Kramer. Vor allem müssten auch die Absatzchancen in der Region stimmen. (hil)



