Lange war sie im Deutschland umstritten, nun räumte sogar Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) der Carbon Capture Technologie eine Rolle beim Erreichen der Klimaziele ein. Salopp kommentierte er, er habe CO2 "lieber im Boden als in der Luft".
Die Veröffentlichung einer im Koalitionsvertrag beschlossenen Carbon-Management-Strategie in diesem Jahr wird mit Spannung erwartet. Von der Wirtschaft gibt es weiterhin Druck – und auch erste Pilotprojekte, jüngstes Beispiel ist dort der Regionalversorger MVV Energie.
Versuchsanlage in Mannheim startet bald
Der Mannheimer Energieversorger will in den nächsten Monaten eine Versuchsanlage in Betrieb nehmen: Ein Jahr lang möchte MVV testweise CO2 aus den Rauchgasen der Thermischen Abfallbehandlung und des Biomassekraftwerks am Standort Mannheim abscheiden. Gespeichert werden solle das verflüssigt CO2 auf dem Konzerngelände. Dort sollen die erreichte Abscheiderate sowie die Qualität geprüft werden.
Union warnt vor Deindustrialisierung
Im Bundestag machte jüngst die Union Druck auf die Koalition: "Klimaneutralität ohne diese Technologien führt zur Deindustrialisierung", warnte Andreas Jung (CDU) am 26. Januar im Parlament. Seine Fraktion hat einen Antrag zur Nutzung von CCSU (Carbon Capture, Storage and Usage)-Technologien eingereicht. Die bisher vagen Ankündigen des Wirtschaftsministers müssten endlich Gestalt annehmen, forderte Jung. Deutsche Unternehmen hätten in dem Bereich durchaus Expertise, aber könnten sie bisher nur im Ausland einsetzt.
Die Regierungsparteien verteidigten sich. Nina Scheer (SPD) kritisierte die Union, die in ihrem Antrag die Nutzung der Technologien nicht explizit auf solche Industrien beschränke, bei denen eine CO2-Emittierung unvermeidbar ist. Nicht zu früh auf CCSU zu setzten, habe in der Vergangenheit auch eine Leitwirkung gehabt und Innovationsanreize gesetzt, etwa in der Stahlindustrie, wo vermeidbares CO2 weiter minimiert wurde. Zur Mangement-Strategie sagte sie: "Wir wollen eine Langfriststrategie entwerfen und stehen am Anfang dieses Prozesses."
Unvermeidbare Emissionen
Bisher unvermeidbare Emissionen entstehen etwa in der Zementindustrie, aber auch beim Abfall, wo das Pilotprojekt aus Mannheim ansetzt. Nach Ansicht der MVV Energie müssten finanzielle Anreize für CCSU-Investitionen entlang der gesamten Prozesskette eingeführt werden. "Zu diesem Zweck ist beispielsweise eine Klarstellung notwendig, wie die CO2-Senkenleistung mit dem Europäischen Emissionshandel oder dem neuen Emissionshandel für Gebäude und Verkehr verrechnet werden können. Auch ist noch unklar, welche Anwendungen die langfriste Nutzung bzw. Speicherung von Kohlenstoff umfassen", erklärt ein Konzernsprecher. Neben der Carbon-Managment-Strategie wird laut Bundeswirtschaftsministerium derzeit eine Technologie-Förderung im Bereich des Programms zur Dekarbonisierung der Industrie vorbereitet.
Keine Verlängerung des fossilen Geschäftsmodells
Lisa Badum (Grüne) hatte kürzlich erst ein Positionspapier veröffentlicht, welches beschreibt, in welchem Rahmen CCSU implementiert werden könnte. Sie kritisiert, dass viele globalen Anstrengungen zu der Technologie, die Verlängerung von fossilen Geschäftsmodellen zum Ziel hätten. So wolle Saudi Aramco, der größte Ölkonzern der Welt, eines der größten geplanten Zentren der Welt für CCS aufbauen. Prinzipiell schätzt Badum die CCS-Technologie als voraussichtlich notwendig ein, um ab 2050 negative Emissionen zu erreichen.
Robert Habeck hat eine CO2-Speicherung in Deutschland bisher explizit nicht erwähnt. Erst im Juni 2022 scheiterte im schleswig-holsteinischen Landtag ein Antrag auf die Nutzung der Technologie. Regierungschef Daniel Günther (CDU) hatte sich für CCS außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone in der Nordsee offen gezeigt.
In der Branche geht man davon aus, dass Deutschland noch ein gesellschaftlicher Dialog bevorsteht, um Akzeptanz für solche Speicherungen zu schaffen. Erwartbar für die nähere Zukunft in Deutschland wäre somit das Einsetzten von CCU (Carbon Capture and Usage)-Technologie ohne das S (Storage). (pfa)



