Von Andreas Baumer
500 Milliarden Euro umfasst das von Union, SPD und Grünen eilig verabschiedete Sondervermögen für Infrastruktur- und Klimaschutzprojekte. 100 Milliarden Euro davon fließen in den Klima- und Transformationsfonds. Und wenn es nach dem Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) geht, müssten bis zu 50 Milliarden Euro davon für den Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur reserviert werden.
Diese Summe nannte DVGW-Chef Gerald Linke am Mittwoch vor Pressevertretern. "Dieser im Verhältnis geringe Anteil an einem insgesamt enormen Investitionsumfang muss für die Politik ein starker Anreiz sein, den CO2-Ausstoß in unserem Land zu reduzieren, indem sie konsequent auf Wasserstoff setzt", erläuterte der Verbandschef. Auf ZfK-Nachfrage sagte er, dass die Branche bei richtigen Rahmenbedingungen einen Teil des genannten Geldes auch selbst tragen könne.
20 Milliarden für Kraftwerke
Tatsächlich dürfte die Nutzung der Infrastrukturmilliarden über einen Zeitraum von zwölf Jahren noch zu so manchem Verteilungskampf führen. Denn da sind die Interessen der Strombranche, die auch künftig Wind-, Solar- und Bioenergie gefördert sehen wollen. Oder die der Wärmebranche, die sich Unterstützung beim Wechsel zu Wärmepumpen oder den Ausbau der Fernwärme wünscht.
Doch wie kommt der DVGW überhaupt auf die 50 Milliarden Euro? Für den Bau von auf Wasserstoff umrüstbare Gaskraftwerke braucht es demnach 20 Milliarden Euro. Zur Erinnerung: Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, bis zu 20 Gigawatt (GW) an Gaskraftwerksleistung bis 2030 technologieoffen anzureizen.
Die Details sind dabei noch offen. Zumindest die Union will verstärkt auf Gaskraftwerke in Verbindung mit der CO2-Speichertechnologie, auch als CCS bekannt, setzen. Das wäre eine Abkehr von Robert Habecks Kraftwerksplänen. Dort standen auf Wasserstoff umrüstbare Gaskraftwerke im Mittelpunkt. DVGW-Chef Linke sprach sich gegen CCS bei Gaskraftwerken aus, weil dies dort zu einem "Lock-in-Effekt" führen könne.
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Wie viel Förderkosten ein massiver Zubau von Gaskraftwerken verursachen würde, ist schwer zu sagen und hängt von verschiedenen Vorgaben ab. Als noch bis zu 24 GW im Gespräch waren, standen sogar 60 Milliarden Euro im Raum. Als die vom Staat zu fördernde Kraftwerksleistung im Zuge der damaligen Ampel-Einigung auf deutlich weniger als 10 GW gekürzt wurde, wurden die Kosten vom Bundeswirtschaftsministerium auf rund 15 Milliarden Euro geschätzt.
Prinzipiell gilt: Erkennt die EU-Kommission die Kraftwerksförderung als Beitrag zur Dekarbonisierung an, kann der Staat die Kosten übernehmen. Handelt es sich um eine Maßnahme zur Versorgungssicherheit, müssen die Kosten etwa über eine Umlage an die Verbraucher weitergegeben werden.
15 Milliarden für Wasserstoffspeicher
15 Milliarden Euro sieht der DVGW für Wasserstoffspeicher vor. Interessant hierbei: Vor wenigen Tagen hatte sich das Bundeswirtschaftsministerium in einem Weißbuch noch skeptisch zu einer direkten Förderung des Speicherhochlaufs geäußert. Als Alternative wurde eine Förderung entlang der Wertschöpfungskette diskutiert, die positive Effekte auf die Entwicklung des Speichermarktes nach sich ziehen würde. Gemeint ist etwa eine Förderung von Wasserstofferzeugern, die ihre fluktuierende Produktion zwischenspeichern möchten.
Grundsätzlich aber erkannte das Ministerium an, dass bis 2045 ein Speicherbedarf von 76 bis 80 Terawattstunden (TWh) zu erwarten ist. Als Haupttreiber gelten Wasserstoffnachfrager in der Industrie und im Kraftwerksbereich.
15 Milliarden für Netze
Weitere 15 Milliarden Euro würde der DVGW gern für Verteilnetze und netzverstärkende Maßnahmen reservieren. Offen ist hier, unter welchen Finanzierungsbedingungen das Verteilnetz überhaupt aufgebaut werden soll.
Für das Kernnetz wählte die damalige Ampelkoalition das Mittel des Amortisationskontos. Grob vereinfacht werden dort Investitionskosten zwischengeparkt und erst später an Verbraucher zurückgegeben, wenn die Zahl der Netznutzer gestiegen ist und die Kosten fairer verteilt werden können. Bei der letzten Genehmigung schätzte die Bundesnetzagentur die gesamten Investitionskosten für den Aufbau des Wasserstoffkernnetzes auf knapp 19 Milliarden Euro.
Dieser Betrag könnte steigen. Denn Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, die industriellen Zentren deutschlandweit bedarfsgerecht anbinden zu wollen, auch im Süden und Osten Deutschlands. "Wir werden in einer erweiterten Planung mit zusätzlichen Trassen dieses Ziel erreichen", heißt es dort.
DVGW-Chef wünscht sich schnelles CO2-Speichergesetz
Auf Linkes Zustimmung stießen unter anderem die schwarz-roten Pläne, das Gebäudeenergiegesetz zu reformieren. Der DVGW-Chef hatte im Januar nichts weniger als die Abschaffung des umstrittenen Heizungsgesetzes in seiner jetzigen Form gefordert.
Schnell verabschieden sollte eine neue Bundesregierung aus Linkes Sicht das CO2-Speichergesetz, das im alten Bundestag liegen geblieben war, sowie eine Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes, das Vorgaben aus dem EU-Gaspaket berücksichtigt, unter anderem Regelungen zu Wasserstoffverteilnetzen.



